Wieso der «Blick»-Verkauf scheiterte

Medienanwalt Martin Wagner schickte Ringier ein «unverbindliches Angebot». Der «Blick»-Eigentümer war interessiert, doch für CEO Marc Walder stand viel auf dem Spiel.

«In der Sache einig»: Besitzer Michael Ringier (l.) und CEO Marc Walder bei der Bilanzkonferenz im April 2016. Foto: Keystone

«In der Sache einig»: Besitzer Michael Ringier (l.) und CEO Marc Walder bei der Bilanzkonferenz im April 2016. Foto: Keystone

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Am 23. Januar schickte Martin Wagner, Medienanwalt und Verwaltungsrat bei Axel Springer Schweiz sowie der «Basler Zeitung» nahestehend, Michael Ringier ein «unverbindliches Angebot für den Erwerb der Blick-Gruppe». Im «Auftrag einer von uns vertretenen Investorengruppe» offerierte Wagner «ein vorerst unverbindliches Kaufangebot». Nach «Einsicht in die Geschäftsbücher» sei man «gerne bereit, Ihnen ein verbindliches Kaufangebot zu unterbreiten». Als Richtpreis schrieb Wagner von «total CHF 200 Millionen» für 100 Prozent der Blick-Gruppe, die aus «Blick», «SonntagsBlick», «Blick am Abend» sowie deren ­jeweiliger Onlineauftritte besteht.

Das Schreiben, das Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt, besteht aus drei Seiten und beinhaltet neue Details, die bisher nicht bekannt waren. Die «NZZ am Sonntag» hatte vor zwei Wochen die Kaufofferte vorzeitig vermeldet mit der Schlagzeile «SVP greift nach dem ‹Blick›». Die Aussage stützte sich auf Ringier-Quellen, wonach der bekannte Autohändler und SVP-Stratege Walter Frey einer der Investoren von Wagners Gruppe wäre.

Die «Weltwoche» berichtete letzte Woche, dass der NZZ-Journalist «seine SVP-These» zusammengebastelt habe. Tatsächlich zeigt das Schreiben von Medienanwalt Wagner, dass die SVP nicht namentlich involviert war. Ringier bleibt dabei, dass dem so ist. Frey selbst hat laut dementiert. Und Wagner schrieb in seinem Brief, dass er seine Investoren «namentlich» offenlegen würde; aber nur, wenn die beiden Seiten vorab «Geheimhaltung» vereinbaren.

Sportteil als Herzstück

So weit kam es nicht. «Blick»-Besitzer Michael Ringier leitete Wagners Dokument weiter an seinen CEO Marc Walder. Der traf sich am 14. Februar, also drei Wochen nach dem Eingang der schriftlichen Kaufofferte, mit Wagner. Nochmals drei Wochen später kam der Vorstoss in der Sonntagspresse. Mit Folgen. «Als Ringier-CEO Marc Walder mich öffentlich als Strohmann der SVP hinstellte, war der Deal vom Tisch», sagte Anwalt Wagner gestern auf Anfrage. Der Chef des grossen Schweizer Medienunternehmens habe auf diese Weise dafür gesorgt, dass «unser Vorschlag sich erledigt hatte, bevor er überhaupt intern ernsthaft diskutiert werden konnte».

Ein vorerst unverbindliches Angebot: Der Anfang von Wagners Schreiben an Michael Ringier. Ausriss: TA

Laut Wagner sei seine schriftliche Offerte bei Michael Ringier auf offene Ohren gestossen. Sonst hätte dieser den Vorschlag nicht an seinen CEO weitergereicht. Walder habe aber eigene Interessen verfolgt. Das Ziel habe er so vorerst erreicht, denn «meine Investoren sind kopfscheu geworden.» Was Marc Walder in erster Linie erreichen müsste, nämlich «dem ‹Blick› eine Zukunft» sichern, das habe der Ringer-CEO «weiterhin nicht geschafft».

Bei Ringier heisst es auf Anfrage, dass Marc Walder von sich aus aktiv geworden sei. «Nachdem Martin Wagner Michael Ringier ein schriftliches Kaufangebot unterbreitet hatte, entschied Marc Walder, Wagner zu einem Meeting zu treffen, um mehr über die Beweggründe des Kaufangebots zu erfahren», hält eine Sprecherin schriftlich fest. Besitzer Ringier und CEO Walder seien sich «in dieser Sache absolut einig».

Die Käufer wollten freie Hand bei Ernennungen

Ringier-Chef Walder wusste, dass viel von seiner Macht beim Medienhaus auf dem Spiel stand. Im Schreiben von Wagner sind zehn Bedingungen aufgeführt, damit ein Kauf zustande kommt. Vor allem zwei sind entscheidend. Erstens: Die Investorengruppe wollte «mindestens 51 Prozent» der Blick-Gruppe erwerben. Sie strebte also eindeutig nach einer Mehrheit. Das war ihr wichtig mit Blick auf den zweiten Punkt, die Führung. Die Käufer wollten unbedingt freie Hand haben bei der «Ernennung des CEO und des Chefredaktors», steht in Anwalt Wagners Offerte. CEO Walder hätte somit zumindest bei der ganze «Blick»-Familie nichts mehr zu sagen gehabt. Ebenso wären vermutlich die von ihm eingesetzten Chefredaktoren bei den verschiedenen «Blick»-Titel rasch ausgewechselt worden.

Anwalt Wagner schwebte ein zwei­stufiges Vorgehen vor. Er hätte gemäss seinem Schreiben den Sportteil des «Blicks» vom Rest der erworbenen Gruppe abgespaltet. Mit diesem hätte er im Anschluss ein eigene Vermarktung von Unterlizenzen für Sportevents angestrebt. Grosse Player kaufen in diesem Markt für viel Geld die Rechte an Events ein, geben dann aber einen Teil dieser Rechte an kleinere Anbieter weiter. Damit lasse sich eine ansehnliche Rendite erwirtschaften, zeigt sich Wagner im ­Gespräch überzeugt. Der «Blick»-Sport würde auf diese Weise «zu einer Gewinnmaschine», welche die «teuren News und Hintergründe im publizistischen Teil» finanziert hätte. «Damit», so Wagner, «hätte sich das Investment rasch ausbezahlt.»

Kontakte zum FC Basel

Um das zu erreichen, hätte Wagner seine enge Beziehung zum designierten Präsidenten des FC Basel nutzen können. Der heisst Bernhard Burgener und ist Unternehmer mit Aktivitäten im Film- und Eventgeschäft. Burgener hat unter anderem eine Aktiengesellschaft mit Kotierung an der Schweizer Börse. Die Aktie von Highlight Event & Entertainment bewegte sich in den letzten Jahren zwischen 14 und 20 Franken. Derzeit liegt der Kurs bei 17 Franken.

Eine Idee wäre nun gewesen, dass der vom Rest des «Blicks» abgespaltene Sport-Teil in diese Event & Entertainment überführt worden wäre und dort neue Erträge generiert hätte. Damit hätte sich der Journalismus des Rest- «Blicks» querfinanzieren lassen. Als Coup schwebte Wagner offenbar vor, den Sport online zu vermarkten – und zwar gegen Bezahlung. Das funktioniere bei der deutschen Boulevardzeitung «Bild» bereits heute, führte Wagner im Gespräch jedenfalls aus.

Die offerierten 200 Millionen Franken galten in der Branche als stolzer Preis. Wagner setzte sein Angebot mit der «20 Minuten»-Gruppe in Relation. Diese würde einen «geschätzten Jahresgewinn von 40 Millionen Franken» erwirtschaften. Den Gewinn des «Verlagsprodukts ‹Blick›» mit seinem «höheren Bekanntheitsgrad als ‹20 Minuten›» habe er mit 20 Millionen Franken beziffert und dann «einen Multiplikator von 10» verwendet. Zuletzt richtete Wagner einen persönlichen Appell an Michael Ringier, um den «Blick»-Besitzer für den Deal zu gewinnen. «Lieber Herr Ringier», setzte Wagner an. Er sei «überzeugt», dass mit seinem Projekt «die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft der Blick-Gruppe bestens gestellt wären und wir namentlich auch gegenüber der Tamedia erhebliche Wettbewerbsvorteile nutzen können».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2017, 23:25 Uhr

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