Zoll hoch

Forderungen, die eigene Wirtschaft vor Importen zu schützen, machen Politiker zu Siegern.

Der Apfel als geschütztes lokales Produkt schmeckt vielen Städtern besser.<br />Foto: Frederick Kippe (Alamy)

Der Apfel als geschütztes lokales Produkt schmeckt vielen Städtern besser.
Foto: Frederick Kippe (Alamy)

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Protektionismus ist das «Pokémon Go» der gegenwärtigen Politik: sehr erfolgreich, obwohl Experten vor seiner Gefährlichkeit warnen.

Die Idee dahinter ist einfach: Wir verteuern ausländische Produkte mit Zöllen. Damit lohnt es sich wieder, Dinge im eigenen Land herzustellen. So gewinnen wir die Arbeitsplätze zurück, die an Billiglohnländer verloren gegangen sind.

Derzeit funktionieren die Dinge anders. In der Schweiz kaufen chinesische Touristen Schweizer Souvenirs, die aus Fabriken in China stammen.

Selbst die Mitte macht mit

Den Wunsch nach wirtschaftlicher Überschaubarkeit verspüren Linke und Rechte. Donald Trump hat es auch dank seiner Handelskrieg-Rhetorik zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner geschafft, einer Partei, die sonst den Freihandel vorantreibt. Die Brexit-Befürworter setzten auf protektionistische Versprechen.

Der Sozialist Bernie Sanders brachte Hillary Clinton unter anderem dank Abschottungsvorschlägen in Bedrängnis. In Deutschland wehrt sich die vereinte Linke gegen ein neues Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP). Alternative Städter betreiben schon länger freiwilligen Protektionismus, indem sie den Apfel aus Schöngau der Ananas aus Brasilien vorziehen.

Und selbst die Mitte macht mit: Ein Tessiner CVP-Nationalrat fordert, dass die SBB bei einem Grossprojekt in Genf Gneis aus dem Tessin verbauen – statt billigeren Stein aus Spanien.

2016 macht Freihandelskritik Politiker zu Siegern. Das kommt einem Umsturz gleich. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs steuerten die entwickelten Länder Richtung Marktöffnung. Dagegen wehrten sich vor allem linke Globalisierungsgegner. Sie blieben eine Minderheit.

«Vom Freihandel profitieren Reiche und Gebildete.»

Die Richtung gaben liberale Ökonomen vor. Sie betrachten offene Grenzen als Bedingung des Wohlstands: Unter Druck der weltweiten Konkurrenz spezialisierten sich Industrien auf Bereiche, die sie am besten beherrschten. Das erhöhe die Produktivität samt den Löhnen. Und innerhalb der Landesgrenzen könnten erfolgreiche Unternehmen kaum wachsen. Viele Experten sehen in der Abkapselungssehnsucht eine Verblendung, die direkt in den Ruin führt.

Laut Studien macht Freihandel Länder tatsächlich effizienter und reicher – doch nur in geringem Ausmass. Zu den Profiteuren gehören vor allem Reiche und Gutausgebildete. Gleichzeitig schaffen Marktöffnungen viele Verlierer. Zum Beispiel in den USA: 100 Millionen oft schlecht qualifizierte Angestellte mussten dort in den letzten 20 Jahren wegen der Konkurrenz aus günstigeren Ländern Lohneinbussen hinnehmen, schätzen Ökonomen. Dazu verschwanden 5 Millionen Industriejobs. Aus Sicht vieler Amerikaner ist es vernünftig, für höhere Zölle zu stimmen. Der Freihandel bringt ihnen nichts. Warum nicht das Gegenteil probieren?

Die Geschichte liefert ebenfalls Beispiele für wirksamen Protektionismus. Im 19. Jahrhundert dichteten europäische Staaten ihre Grenzen gegen ausländische Waren ab, damit sich die heimische Industrie ungestört entwickeln konnte. Auch heute unterstützen viele Industrieländer – trotz Bekenntnissen zum Freihandel – ihre eigenen Bauern mit viel Geld.

Manche Ökonomen halten den Zeitpunkt, um protektionistisch durchzugreifen, für günstig. Handelseinschränkungen verteuern Produkte. Dies könne helfen, den Teufelskreis von niedrigen Zinsen und schwachem Wachstum zu durchbrechen. Unsinn, sagen andere Ökonomen. Die Wirtschaft werde zusätzlich lahmen.

Freier Handel macht friedlich

Grössere Einigkeit herrscht über die diplomatische Auswirkung von Handelsabkommen: Sie fördern die Verständigung. Riegeln Länder dagegen ihre Märkte ab, kommt es rasch zu Feindseligkeiten. Aus dem 19. Jahrhundert stammt der Spruch: «Wenn Waren die Grenzen nicht überschreiten können, werden es Armeen tun.»

Wegen der Angst vor Krisen zweifeln auch linke Freihandelsskeptiker am Aufkünden bestehender Verträge. Sie schlagen eine andere Lösung vor: die Umverteilung der Freihandelsgewinne von den Profiteuren zu den Verlierern. Es brauche bessere soziale Netze, bessere Bildung, mehr Geld für die Forschung.

Die Schweiz und andere europäische Länder handeln ungefähr auf diese Weise. In den USA und Grossbritannien blockten rechtskonservative Parteien alle solchen Massnahmen ab. Dadurch haben sie ihre eigenen Albträume zur Wirklichkeit gemacht – Donald Trump und den Brexit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2016, 22:52 Uhr

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