Der Offshorepilot

Christoph Zollinger wanderte als junger Jurist nach Panama aus und stieg bei einer Grosskanzlei ein. Dann wurde er Lateinamerikas bekanntester Bobfahrer. Jetzt, zurück in Zürich, hat er ein kritisches Verhältnis zum Geschäftsmodell von damals.

Für Panama am Steuer: Bobpilot Christoph Zollinger. Foto: Giancarlo Cattaneo (Fotoswiss.com)

Für Panama am Steuer: Bobpilot Christoph Zollinger. Foto: Giancarlo Cattaneo (Fotoswiss.com)

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Christoph Zollingers Lebenslauf liest sich wie eine Schweizer Neuauflage des Bobfilms «Cool Runnings»: Ein junger Jurist hat nach dem Studienabschluss keine Lust, in der Schweiz zu arbeiten. Er geht auf Reisen, bleibt 1995 in Panama hängen, wo er den ersten Internetprovider des Landes mit aufbaut. 1997 beginnt er in Panama City bei der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca, 2004 sitzt er bereits in deren Geschäftsleitung. Später kommt der Status eines Spezialbotschafters des Aussenministeriums dazu. 2010 macht der lizenzierte Helikopterpilot eine Bobprobefahrt im Eiskanal von St. Moritz. Er verfällt dem schnellen Sport. Verpflichtet den erfahrenen Trainer Hans Hiltebrand als Betreuer. Formt eine Vision: ein Bobteam Panama. Mit ihm selbst als Piloten.

Der inzwischen 41-Jährige verpflichtet einen panamaischen Weitspringer als Bremser, gründet in seiner Wahlheimat einen Bobverband und beginnt, mit seinem Schlitten Spirit of Panama Rennen zu fahren. Per TV-Castingshow lässt er weitere Anschieber suchen. Das Ziel: Sotschi 2014. Der panamaische Präsident sichert dem Schweizer seine Unterstützung zu. Sponsoren wie Adidas oder BMW steigen ein, Mossack Fonseca steuert 15'000 Dollar bei. Begeisterung auf beiden Seiten des Atlantiks.

Bahamas, Jersey, Genf, Zürich

So weit die Geschichte, wie sie von der «Schweizer Illustrierten» und anderen Schweizer Medien aufgeschrieben wurde. Was Zollinger in Panama beruflich tat, wurde dabei nie näher thematisiert. Dabei lohnt es sich. Denn Mossack Fonseca ist keine gewöhnliche Anwaltskanzlei. Hinter dem Namen verbirgt sich ein mächtiger Akteur auf dem internationalen Markt für Offshorefirmen – ein Imperium mit Hauptsitz in Panama City, gegründet 1977, für das heute 600 Angestellte arbeiten. Der Konzern betreibt Büros auf den Bahamas, den britischen Jungferninseln, in Jersey, Liechtenstein, Luxemburg, Zürich, Genf und knapp 30 weiteren Standorten.

Die Kanzlei ist in einem Geschäft aktiv, das von Diskretion und Vertrauen lebt. Niemand soll erfahren, wer die Kunden sind, die auf den Seychellen eine Stiftung oder in Belize eine Firma gründen lassen.

Genau damit hat Mossack Fonseca nun ein Problem: Interne Daten sind an die Öffentlichkeit gelangt. 80 Gigabytes an E-Mails und elektronischen Dokumenten der Gruppe liegen der «Süddeutschen Zeitung» laut eigenen Angaben vor, Teile der Daten sind auch deutschen Finanzfahndern in die Hände ­gefallen, wobei die Behörden dafür nach Medienberichten knapp eine Million Euro bezahlt haben. Die Folge: In Deutschland ermittelt ein Spezialteam unter dem Codenamen Kanal bei der Commerzbank in Frankfurt, und bei zahlreichen Kunden fuhren im Februar 2015 die Ermittler vor. Der Vorwurf: Die Luxemburger Tochter der Bank habe deutschen Kunden bis mindestens 2008 geholfen, Steuern zu hinterziehen, indem sie Konten im Namen von Offshoregesellschaften eröffnete, welche die Kunden ihrem Fiskus nicht deklarierten. Die Offshoregesellschaften kamen von Mossack Fonseca.

1 Angestellte, 10'000 Firmen

Das Datenleck gibt Einblick in ein Geschäft, das der Öffentlichkeit normalerweise verborgen bleibt. Und so funktioniert es: Mossack Fonseca gründet auf Offshoreplätzen wie Panama oder den britischen Jungferninseln Gesellschaften und stattet diese mit Verwaltungs­räten aus den eigenen Reihen aus. Eine Angestellte der Kanzlei ist im Register von Panama als Direktorin von über 10'000 Firmen aufgeführt. Listen dieser Frisch-Firmen zirkulieren dann bei Zwischenhändlern – Grossbanken, Anwälten, Vermögensverwaltern. Deren Kunden wiederum wählen eine passende Firma aus, um sie für ihre Zwecke nutzen zu können – etwa, um daran ein Bankkonto anzuhängen. Dafür bezahlen sie eine Gebühr. Wie hoch diese ist, hängt von der gekauften Firma ab. Eine einzelne Gesellschaft ist unter Umständen für unter 1000 Dollar zu haben.

Für eine «shelf company», eine Firma aus dem Lager, die schon seit Jahren besteht, kann Mossack Fonseca auch mal eine fünfstellige Summe verlangen. (Alte Firmen sind wertvoller, weil sie den Eindruck eines länger bestehenden konstanten Geschäfts erwecken.) Dazu kommen Jahresgebühren für laufende Kosten. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: Der Kunde stellt die Direktoren der Firma selbst, oder er überlässt dies der Kanzlei. Das Tagesgeschäft führt der Kunde aber dennoch selbst – die Direktoren bevollmächtigen ihn dazu. So taucht der tatsächlich Berechtigte in ­keinem Register auf.

Dieses Geschäft ist legal. Es gibt verschiedene legitime Anwendungen dafür, zum Beispiel für US-Amerikaner, die ihren Nachlass organisieren wollen. Doch die Firmen können leicht missbraucht werden: Steuerhinterzieher, Waffen- und Drogenhändler oder korrupte Staatsdiener benutzen solche Konstrukte, um ihr Vermögen zu verstecken oder weisszuwaschen.

Immer noch «sehr anfällig»

Und Panama, wo Mossack Fonseca seinen Hauptsitz hat, ist auf Geldwäscherei immer noch «sehr anfällig», wie der Internationale Währungsfonds in einem Prüfbericht kritisiert. Von 40 Empfehlungen zur Bekämpfung von Geldwäscherei erfüllte das Land 2014 nur gerade eine voll. Die Financial Action Taskforce (FATF), ein Zusammenschluss von 34 Staaten, darunter auch die Schweiz, übt deshalb Druck auf die panamaische Regierung aus, die lockeren Anti-Geldwäscherei-Regeln zu verschärfen. Reformen seien zwar im Gang, stellte die FATF vor wenigen Wochen fest. Es bestünden aber immer noch «strategische Defizite».

Dazu kommen weitere Vorwürfe: Mehrfach taucht der Name Mossack Fonseca auf staatlichen Sanktionslisten auf. Zum Beispiel im Zusammenhang mit ­Syrien: Rami Makhlouf, ein Verbündeter des Regenten Bashar al-Assads, hatte 2000 auf den britischen Jungferninseln über eine Grossbank eine Mossack-Fonseca-Firma erworben: die Drex Technologies S.A. Diese Firma liessen EU und USA ab 2012 sperren, weil Makhlouf ­darüber seine kriminellen Geschäfte hatte abwickeln lassen. Ähnliches war mit Firmen aus dem Umfeld der Diktatoren Robert Mugabe (Zimbabwe) oder Arnoldo Alemán (Nicaragua) passiert. So berichteten kürzlich Zeitungen wie die «Süddeutsche» oder das «Handelsblatt».

Wieder zurück in der Schweiz

Christoph Zollinger wohnt inzwischen wieder in der Schweiz, in der Nähe von Zürich. Er sagt, er habe heute ein kritisches Verhältnis zum damaligen Geschäftsmodell, für dessen Erfolg er mitverantwortlich ist. Er arbeitete zwar nicht als Anwalt, führte aber in der Kanzlei das Internet ein, baute eine Online-Plattform auf, machte das Geschäft effizienter. Dadurch stiegen die Gewinne. Zollinger betont, Mossack Fonseca habe sich immer an die Gesetze gehalten.

Gleichzeitig sagt er aber auch: «Einer der Gründe für meinen Rücktritt aus der Gruppe war, dass ich mich nicht mit dem Offshorebusiness als solches identifizieren konnte. Ich möchte nicht für mögliche Verfehlungen Dritter unverschuldet Verantwortung übernehmen müssen.» Als Zollinger 2010 begann, Bob zu fahren, schraubte er sein Engagement zurück und trat aus der Geschäftsleitung aus. Ganz draussen ist er aber nicht: Er berät bis heute die Firma in IT-Fragen. Und bei einem Schweizer Ableger der Gruppe, der Mossack Fonseca & Co Zürich AG, ist er Mitglied des Verwaltungsrats. «Ich beschränke mich dort auf die Jahresrechnung und nehme keinerlei operative Aufgaben wahr», sagt er. In den nächsten Wochen will er den VR nach eigenen Angaben verlassen.

«Als Sündenbock hingestellt»

Bei Zollinger ist einerseits Ärger zu spüren, dass Mossack Fonseca nun in internationalen Medien als «Sündenbock hingestellt wird». Die Kanzlei habe nie die Endkunden beraten und diese auch gar nicht gekannt. Sie habe die Offshore­gesellschaften für grosse Player der ­Finanzindustrie gegründet, die ihre Kunden kennen würden. «Dort muss die Aufsicht passieren. Banken und Vermögensverwalter sind in erster Linie für die Kontrolle verantwortlich.» Andererseits distanziert sich Zollinger vom alten System und sagt, er begrüsse die rechtlichen Verschärfungen, die auch in Panama im Gange seien. Den automatischen Informationsaustausch findet er «richtig und wichtig». Im Interesse der gesamten ­Finanzindustrie müsse die Transparenz verbessert werden, «damit es Einzelnen nicht mehr möglich ist, das System zu missbrauchen».

Mossack Fonseca selbst schickte Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine schriftliche Stellungnahme. Bei der Kanzlei habe es kein Datenleck gegeben – allenfalls seien Daten bei einem Grosskunden entwendet worden. Mehrmals wird betont: Alles, was man tue, sei legal. Die Kanzlei sei in kein einziges Strafverfahren betreffend Diktatoren oder Geldwäscher verwickelt. Den Syrer Rami Makhlouf etwa kenne man nur aus den Medien. Gegenüber anderen Journalisten verglich sich die Kanzlei auch schon mit einem Autohändler: Man könne nicht den Verkäufer dafür verantwortlich machen, wenn ein Kunde mit einem Wagen einen Unfall baue.

Der Vergleich hinkt. In Ländern wie der Schweiz unterstehen Treuhänder, die für Dritte eine Firmenhülle verwalten, den Anti-Geldwäscherei-Regeln, müssen sich also Aufsichtspflichten ­unterwerfen. In genau diese Richtung bewegt sich nun auch Panama. Aber bislang profitierten Firmen wie Mossack Fonseca von den laxen Gesetzen.

Die Fussverletzung

Am Ende von «Cool Runnings» scheitert das jamaicanische Bobteam, im entscheidenden Lauf kippt der Schlitten. Christoph Zollinger ging es ähnlich. Er verletzte sich am Fuss, sein Team verpasste die Olympiaqualifikation für Sotschi. Spirit of Panama ist inzwischen aufgelöst.

Ex-Trainer Hans Hiltebrand sagte Tagesanzeiger.ch/Newsnet, Zollinger habe sich die Sache wohl etwas einfacher vorgestellt, als sie tatsächlich gewesen sei. Er habe im Eiskanal dennoch die Zeit seines Lebens ­gehabt, so Zollinger, der inzwischen in der Schweiz und Panama Immobilienprojekte plant. Er sagt: «Everything happens for a reason.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2015, 23:38 Uhr

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