Bangkoks Strassenküchen erkalten

Der Streetfood in Thailands Hauptstadt gilt als bester der Welt. Nun wollen die Behörden die mobilen Küchen verbieten. Viele Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Ihre bunte Atmosphäre strahlen die Strassen in Bangkok auch wegen der vielen Grill- und Nudelstände aus. Foto: David Longstreath (Getty)

Ihre bunte Atmosphäre strahlen die Strassen in Bangkok auch wegen der vielen Grill- und Nudelstände aus. Foto: David Longstreath (Getty)

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Wem gehören die Trottoirs von Bangkok? Der junge Mann mit der weissen Mütze und der blauen Schürze hat wenig Zeit, um darüber zu reden. Aber Sorgen macht er sich schon. Flink dreht er seine Spiesse mit den Fleischbällchen auf dem Grillrost, zwei davon reicht er seiner Frau hinüber, die aus einem grossen Topf scharfe Sauce in ein Tütchen füllt, dann alles einpackt und der Kundin in die Hand drückt. Der junge Mann am Grill nennt sich Luk, seine Frau heisst Pla.

Eben erst hat der Fernsehsender CNN Bangkok wieder zur Stadt mit der «besten Strassenküche der Welt» gekürt. Doch wenn es nach den Oberen von Thailands Hauptstadt geht, ist es mit diesem gastronomischen Höhenflug bald vorbei. Bis Ende dieses Jahres, so hat die Bangkok Metropolitan Administration (BMA) verkündet, sollen die Strassen­küchen verschwinden – angeblich der Ordnung und der Hygiene wegen.

«Wir wollen die Trottoirs den Fussgängern zurückgeben», verkündete Wanlop Suwandee, der Chefberater des Gouverneurs, im Gespräch mit der Zeitung «The Nation». Ausnahmen seien nicht vorgesehen. In allen 50 Bezirken hätten Sicherheit und Sauberkeit in Zukunft oberste Priorität. «Es wird keine Ausnahmen geben. Jeder Strassenhändler muss weg.» Bleibt es dabei, wäre das für die 8,5-Millionen-Einwohner-Metropole ein enormer Verlust. Laut Schätzungen gibt es etwa eine halbe Million solcher Streetfood-Stände. Seit dieser Woche ist das Verbot in den ersten Quartieren in Kraft: In Thonglor und Ekkamai, zwei beliebten Ausgehvierteln, wurden die Strassenküchen bereits für illegal erklärt.

«Bangkok wird ohne uns Strassenverkäufer seine Farbe verlieren. Und wir wissen nicht, was aus uns werden wird.»Luk, Strassenkoch

Luk legt frische Spiesse auf, Schweissperlen glänzen auf seiner Stirn. Ein harter Job, wenn so viele Schlange stehen. Die meisten wollen gleich zurück ins Büro und freuen sich auf einen schnellen Happen. «Dafür sind wir hier», sagt Luk. «Wir zahlen ja auch Steuern für unser Geschäft.»

Klar, es ist eng auf diesem Trottoir, nicht weit vom Lumpini-Park entfernt. Hier verläuft eine der meistbefahrenen Verkehrsachsen von Bangkok, Rama IV. Passanten kommen nur schleppend voran, was auch an den Essensständen und ihren Kunden liegen mag. Die einen regt das auf, die anderen sind froh, dass sie für wenig Geld einen Spiess bekommen können.

Das junge Paar, Luk und Pla, weiss in diesem Falle nicht, was aus ihm werden soll. Es hat nur dieses eine Geschäft. «Bangkok wird ohne uns Strassenverkäufer seine Farbe verlieren», befürchtet Luk, der früher seinen Wagen weiter draussen auf dem Trottoir aufgestellt hatte und dann an die Ecke ausweichen musste, weil ein Aufseher der Behörde das angeordnet hat.

Zitronengras, Thai-Basilikum, Ingwer und Chili

Die Garküchen der thailändischen Metropole sind legendär, den Duft von Zitronengras, Thai-Basilikum, Ingwer und Chili vermissen auch viele Touristen, wenn sie wieder in die nasskalten Breiten Europas zurückgekehrt sind. Die kulinarischen Besonderheiten von Bangkok sind auf allen Kontinenten berühmt geworden. Und nun soll es plötzlich vorbei sein mit der dampfenden Schüssel Tom Yam Goong auf der Strasse? Gibt es die feurig-scharfe Garnelensuppe künftig nur noch im Restaurant? Und was ist mit den gebratenen Nudeln Pad Thai, dem Papaya-Salat Som Tam oder den knusprigen Muu Satay – Spiesschen aus Schweinefleisch, serviert mit süsser Erdnusssauce? Wie entschlossen die Behörden durchgreifen werden, weiss man noch nicht. Aber zahlreiche Stände hat es schon erwischt.

Mancherorts mussten die Garküchen neben der Hochbahnlinie grösseren Bauprojekten weichen. Einst lockten die dampfenden Suppentöpfe und brutzelnden Spiesse viele Gäste in die 38. Gasse an der beliebten Einkaufsmeile Sukhumvit. Der britische Sender BBC verglich diesen Ort mit einem «Karneval der Farben, Töne und Düfte». Doch der ist nun bereits Geschichte. Wegen der Bauvorhaben sind Köche und Händler in alle Richtungen versprengt, manche haben Platz in einer Garage unter einem Apartmentblock gefunden. Vom früheren Flair an der 38. Gasse ist kaum etwas geblieben.

Manche sagen, die Kampagne gegen die Garküchen passe zur Marschrichtung, die Thailands Generäle vorgegeben haben. Ihr Leitbild: Ordnung und Sicherheit. Die Militärregierung, die das Land seit dem Putsch 2014 lenkt, spricht häufig vom Saubermachen. Vertreter der Verwaltung erklären, «Ordnung und Hygiene» in der Stadt müssten verbessert werden.

Wie reguliert man die Geschäfte fair und gerecht?

Kritiker der unüberschaubaren und schwer zu kontrollierenden Garküchen deuten auf den Stadtstaat Singapur, wo in streng regulierten und überdachten Markthallen, Hawker Centres, gekocht und gebraten wird. Auch dort ist die Auswahl gross, die Preise sind günstig. Doch das tröstet Liebhaber der Garküchen von Bangkok kaum. Sie fürchten um das lässige, manchmal anarchisch anmutende Flair, die wuselige Alltagskultur, die viele Einheimische und Besucher sympathisch finden. Steril genug sind schon die klotzigen Malls, die überall hochgezogen werden.

Weitere Räumungen sind für diesen Monat angekündigt. Selbst die Khao San Road, wo sich Backpacker aus aller Welt tummeln, scheint nicht mehr sicher zu sein vor der neuen Ordnungswut. Zumindest hat Wanlop die Strasse als eines der «nächsten Ziele» der Aufräumaktionen benannt. In manchen Bezirken haben Behördenvertreter allerdings auch signalisiert, dass jene Verkäufer, die einen mobilen Wagen haben, bleiben könnten. Diejenigen, die Stühle und Tische aufgebaut hätten und Platz blockieren, aber nicht.

Wie aber reguliert man die Geschäfte fair und gerecht? Darüber wird in Bangkok weiter gestritten werden. Eine Frau, die nahe der Sukhumvit Avenue gebratene Hühner verkauft, rätselt, wie es weitergehen soll: «Unsere Familie betreibt dieses Geschäft schon in der zweiten Generation», sagt sie. «Der Markt, wo wir früher unseren Stand hatten, ist bereits verschwunden, nun stehen wir hier an der Ecke und wissen nicht wohin. Niemand hat uns einen neuen Platz zugewiesen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2017, 22:57 Uhr

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