Die SIX Group verlagert 100 Stellen nach Warschau

Den Betroffenen werden andere Jobs angeboten. Es könnte aber auch Entlassungen geben.

Der SIX-Hauptsitz an der Pfingstweidstrasse in Zürich-West. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Der SIX-Hauptsitz an der Pfingstweidstrasse in Zürich-West. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Die Schweizer Börsenbetreiberin SIX sucht einen neuen operativen Lenker. Noch-Chef Urs Rüegsegger verlässt das Unternehmen Ende Jahr, wie im Mai bekannt wurde. Am Donnerstag hat Rüegsegger den 4000 SIX-Mitarbeitenden eine Art Vermächtnis mitgeteilt. Dieses klingt nicht optimistisch. Die Gruppe stehe unter Kostendruck, die Margen würden sinken, eine «Erleichterung in naher Zukunft» sei nicht wahrscheinlich, schreibt Rüegsegger in seinem Mail ans Personal. Deshalb brauche es Gegensteuer. «Der Plan ist, dass wir bis Ende 2018 rund 100 Stellen von verschiedenen Orten innerhalb der Gruppe nach Warschau verschieben», so Rüegsegger.

In der polnischen Hauptstadt beschäftigt die SIX-Gruppe schon heute rund 60 Mitarbeiter. Aufgaben aus drei Bereichen der für den Finanzplatz wichtigen Gruppe sollen in den nächsten Monaten ins «Shared Service Center» in Warschau verschoben werden. Betroffen sind die Bereiche Finanzinformationen – das ist die frühere Telekurs –, die Informatikdivision und die Zahlungsdivision mit Services für Debitkarten und die Zahlstationen in den Läden. Nicht tangiert bleiben die Schweizer Börse inklusive der Wertpapierverarbeitung.

Verändertes Umfeld

Laut Urs Rüegsegger, der vor neun Jahren von der St. Galler Kantonalbank an die Spitze der Finanzinfrastruktur-Gruppe gekommen war, dränge die Zeit. Neben dem allgemeinen Druck auf die Kosten habe sich das Umfeld für die SIX spürbar verändert. Die Technologie stelle das Unternehmen vor neue Herausforderungen. Hinzu kämen neue Regulatorien. Schliesslich greife auch die Konkurrenz an. «Der Druck auf die Preise und auf unsere Angebote steigt», hält Rüegsegger in seinem Mail fest. «Das müssen wir jetzt anpacken.»

Die meisten der rund 100 Angestellten, deren Jobs nach Warschau abwandern, arbeiten heute in der erst kürzlich bezogenen Zentrale in Zürich-West, nahe des alten Hardturm-Fussballsta­dions. Dort haben rund 2500 SIX-Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz. Wer diesen wegen der Verlagerung nach Polen verliert, dem will die SIX einen alternativen Job anbieten. Es gebe derzeit rund 130 freie Stellen, erklärte gestern ein Sprecher auf Anfrage. Auch würden zunächst möglichst externe Mitarbeiter abgebaut und deren Arbeiten auf Interne verteilt. Sollte es trotzdem zu Entlassungen kommen, dann biete das Unternehmen grosszügige Abgangskonditionen an.

Erfahrungen zeigen, dass das Auslagern ins günstigere Osteuropa auch mit Schwierigkeiten verbunden ist.

Der Ausbau des heute erst kleinen Ablegers in Warschau zum geplanten «Shared Service Center» wird mit der jetzt anlaufenden Verschiebung der 100 Stellen nicht beendet sein. Warschau werde weiterwachsen, sagt der SIX-Sprecher. Wie viele Stellen die Firma im Endausbau im polnischen Wirtschaftszentrum haben wird, sei derzeit nicht abschätzbar. Treiber der Verschiebung Richtung Osten sei die «Industrialisierung» in der Finanzbranche.

Mit ihrem Servicecenter in Warschau beschreitet die SIX, die den Schweizer Banken gehört, den gleichen Weg wie die UBS und die CS, ihre beiden wichtigsten Kunden und grössten Aktionäre. Die zwei Grossbanken hatten schon vor Jahren damit begonnen, Teile ihrer Verarbeitungszentren aus der Schweiz nach Polen, Indien, in die USA und später nach China zu verlagern. In Polen unterhält die UBS ein immer grösser werdendes Servicecenter in Krakau im Süden des Landes, jenes der CS liegt im Westen, in der polnischen Stadt Breslau.

Die Erfahrungen von CS und UBS zeigen, dass das Offshoring ins kostengünstige Osteuropa auch mit Schwierigkeiten verbunden ist. Die Qualität ist unterschiedlich, die Sprache eine Hürde, die Zusammenarbeit ausschliesslich auf Distanz und nur über elektronische Wege birgt die Gefahr von Leerläufen. Die UBS hat sich nun für eine Art Mittelweg entschieden: das Near Shoring. Sie verlagert Jobs aus der teuren Limmatstadt nach Schaffhausen, Biel und ins Tessin. Davon erhofft sie sich bis zu 20 Prozent tiefere Kosten.

«Wachsende globale Präsenz»

Dessen ungeachtet hält die SIX an ihrer Auslagerung fest. Laut Rüegsegger werde die Gruppe «immer eine Schweizer Firma mit Schweizer Qualitätsstandards» bleiben, man werde allerdings eine «wachsende globale Präsenz» aufweisen. Die Betonung des Swiss Touch dürfte mit den Befindlichkeiten in der Belegschaft zusammenhängen. Die Auslagerung nach Polen sei ein «heikles Thema», erklärt der SIX-Sprecher, entsprechend werde das Management laufend informieren. Rüegsegger erinnert in seiner Mitteilung daran, dass die SIX «Stabilität und Sicherheit des Schweizer Finanzplatzes» garantieren würde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2017, 22:12 Uhr

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