Es wird schon wieder kritisch

Die Deutsche Bank könnte die Welt in eine neue Finanzkrise stürzen, wie 2008 die US-Bank Lehman Brothers. EU und Deutschland müssen dringend intervenieren.

Ihr Wirtschafstmodell ist unhaltbar: Hauptsitz der Deutschen Bank in Frankfurt. (27. Januar 2016) Foto: Michael Probst (AP, Keystone)

Ihr Wirtschafstmodell ist unhaltbar: Hauptsitz der Deutschen Bank in Frankfurt. (27. Januar 2016) Foto: Michael Probst (AP, Keystone)

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Acht Jahre nach dem Zusammenbruch der US- Bank Lehman Brothers sorgt nun eine weitere Bank für die Gefahr eines erneuten Zusammenbruchs des globalen Finanzsystems: die Deutsche Bank. Gegründet 1879 als Stütze der Industrialisierung und der Exporte des Kaiserreichs, war die Deutsche Bank ein Jahrhundert lang untrennbar mit dem traditionellen Modell der Bankindustrie verbunden. Seit den 1990er-Jahren jedoch entwickelte sie sich zur Norm des deregulierten Finanzkapitalismus, der den Marktaktivitäten Priorität einräumt. Heute ist sie eine Kombination des Schlimmsten beider Systeme, indem sie Masslosigkeit mit Besessenheit für schnellen Profit verbindet.

Das Wirtschaftsmodell der Deutschen Bank ist unhaltbar. Und das Systemrisiko, das sie darstellt, ist sogar noch grösser als bei Lehman Brothers, weil sie so stark im Retailbanking ist. Sie bleibt zwar aufgrund ihrer Grösse, ihrer Gefährlichkeit und ihrer Weigerung, das nach dem Crash von 2008 entstandene Umfeld zu berücksichtigen, eine Ausnahme. Sie ist jedoch ein Beweis für die kritische Situation des europäischen Bankensystems, das weder rekapitalisiert noch restrukturiert wurde, trotz der bedenklichen Anhäufung von Aussenständen von über 900 Milliarden Dollar.

Überall nur Problemfälle

Deutschland hat nach wie vor mit den Problemen der Commerzbank zu kämpfen, welche die Entlassung von 20 Prozent ihrer Belegschaft angekündigt hat. Die italienischen Banken brechen unter zweifelhaften Forderungen zusammen wie zuvor schon Unicredito und Monte dei Paschi. Spanien hat die Auswirkungen seiner Immobilien- und Finanzblase immer noch nicht überstanden, während Portugal mit dem Zusammenbruch von Santo Espirito fertigwerden muss. Das griechische Bankensystem überlebt nur dank der Infusion von Hilfsmitteln aus der EU und 60 Milliarden Euro an Soforthilfe von der EZB.

Weder Europa noch die Welt können sich den Luxus eines erneuten Finanzschocks leisten, während die Wachstumsrate 3 Prozent nicht übersteigt, der Protektionismus den internationalen Handel untergräbt, der Schuldenberg seit 2008 auf über 60'000 Milliarden Dollar angewachsen ist, die Zentralbanken sich am Ende ihrer Interventionsmöglichkeiten befinden und sich der Populismus auf dem ganzen Kontinent verbreitet.

Die Rettungsaktion muss zwangsläufig über eine öffentliche Intervention verlaufen.

Aus all diesen Gründen und angesichts der dramatischen Folgen des Zusammenbruchs von Lehman Brothers muss ein Versagen der Deutschen Bank ausgeschlossen werden. Abwarten ist jetzt keine Option mehr. Die Rettungsaktion muss zwangsläufig über eine öffentliche Intervention verlaufen. Jede Kapitalerhöhung durch den Markt auf dem aktuellen Niveau scheint sehr schwierig. Und eine Verwendung des Rettungsmechanismus der EZB könnte eine Ansteckung beschleunigen: Das muss um jeden Preis verhindert werden. Es gibt keine Alternative zur Unterstützung durch öffentliche Gelder, so sehr die Bundesregierung auch zögern mag: Das ist der letzte Ausweg.

Der Wirtschaftskrieg der USA

Die Krise der Deutschen Bank unterstreicht auch die Widersprüchlichkeit der europäischen Finanzregulierung. So sind etwa die festgelegten Regeln für die Auflösung von Bankforderungen unanwendbar und gefährlich. Die Krise ist eine letzte Warnung, dass es dringend notwendig ist, die Wirtschaftsstrategie Europas neu zu überdenken. Das Bankensystem muss drastisch und rasch konsolidiert werden. Die regulatorische und steuerliche Zwangsjacke muss gelockert werden, und es muss ein Ausweg gefunden werden aus den Negativraten der EZB, die Investitionen blockieren. Das solide Wachstum muss wiederbelebt werden, und zwar durch die Verbesserung von Produktionsfaktoren wie Bildung, Kapital, Energie und Innovation.

Nicht zuletzt braucht Europa eine koordinierte Replik auf den kalten Wirtschaftskrieg, den die USA führen – durch ihren Justizimperialismus, ihre Finanzkraft und ihr Monopol in der digitalen Wirtschaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2016, 19:50 Uhr

Der Text erscheint in Zusammenarbeit mit der Allianz führender Zeitungen Europas.

Aus dem Französischen
von Bettina Schneider.

Der Autor

Nicolas Baverez ist Essayist, Doktor der Geschichte und regelmässiger Kolumnist von «Le Figaro» und «Le Point».

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