«Ob diese Technologie Jobs vernichtet? Massenweise!»

Der Ökonom Alex Tapscott ist der neue Shooting Star der Blockchain-Technologie. Der Kanadier behauptet, sie bringe das wieder ins Lot, was das Internet vermasselt hat.

«Um Geldwerte zu übermitteln, ist das Internet ungeeignet», sagt Alex Tapscott. Foto: Urs Jaudas

«Um Geldwerte zu übermitteln, ist das Internet ungeeignet», sagt Alex Tapscott. Foto: Urs Jaudas

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Ihr Vater ist ein einflussreicher Futurist, Ihre Mutter eine erfolgreiche Start-up-Gründerin. Geht es an Familienessen der Tapscotts stets um das nächste grosse Technik-Wunderding?
Mein Vater hasst das Wort Futurist. Er sagt, die ­Zukunft könne man nicht voraussagen, sondern nur erreichen. Aber natürlich haben wir beim Abendessen über Kräfte diskutiert, die unsere Welt künftig verändern werden.

Können Sie sich an eine Diskussion oder ein Erlebnis besonders gut erinnern?
Als ich 14 Jahre alt war, nahm mich mein Vater an den Business Roundtable mit. Dort treffen sich die CEOs aller wichtigen nordamerikanischen Unternehmen. Er schickte mich auf die Bühne, wo ich berichtete, wie es ist, als Jugendlicher in der digitalen Welt aufzuwachsen. Der Redner nach mir war Bill Gates. Das hat mich geprägt.

Sie redeten als Teenager auf der gleichen Bühne wie Bill Gates. Sie wuchsen in einem Elternhaus auf, in dem Technologie beim Abendessen besprochen wurde. Leben Sie in einer Blase?
Viele Menschen wollen keine Veränderung; viele fürchten sich sogar davor. Das ist wohl auch ein Grund für Donald Trumps politischen Erfolg. Aber ich behaupte, dass wir mit den heutigen Kommunikationstechnologien die Chance haben, eine ­gerechtere, fairere Welt zu schaffen. Ich erkenne durchaus, wie ironisch das ist. Es sind ja die Kommunikationstechnologien, die schuld daran sind, dass sich die ökonomische Macht heute immer mehr konzentriert.

Meinen Sie damit die Internettechnologie?
Richtig. Im Internet werden heute Milliarden und Abermilliarden Dollar verdient. Doch die Gewinne sind unfair verteilt. Sie landen vornehmlich bei den Silicon-Valley-Milliardären. Verantwortlich dafür sind wir, die Nutzer, weil wir ihnen unsere Daten schenken.

In Ihrem Buch «Blockchain Revolution» ­beschreiben Sie die Blockchain als eine Waffe gegen die Dominanz der Internetkonzerne. Erklären Sie uns diese Technologie.
Seit der Erfindung des World Wide Web Anfang 90er-Jahre haben wir ein Internet der Information. Sie hat auf den Kopf gestellt, wie wir uns informieren. Doch um Geldwerte zu übermitteln, ist das Internet ungeeignet. Eine E-Mail gleichzeitig an zehn Personen zu versenden, ist toll; eine Zwanzigernote an zehn Personen zu schicken, weniger. Aus diesem Grund hat sich die Mechanik des Handels im Internet-Zeitalter nicht verändert. Zwischen jeder Interaktion zweier Internetnutzer müssen weiterhin Mittelsmänner sitzen, zum Beispiel eine Bank. Egal, ob es darum geht, bei Zalando Schuhe zu kaufen oder einen Flug in die Karibik zu buchen. Das Internet hat die Position der Mittelsmänner sogar noch gestärkt. Google, Amazon, Facebook und Microsoft sind heute gemeinsam über zwei Billionen US-Dollar wert.

Und was ändert die Blockchain daran?
Mit der Blockchain wird aus dem Internet der Information ein Internet des Wertes. In seiner simpelsten Form ist die Blockchain ein Netzwerk, das Nutzern erlaubt, einander anonym Geld zuzuschicken, ohne von einer Bank abhängig zu sein. Die Blockchain ist wie ein riesiges offenes Buch, in die jede Transaktion notiert wird. Das Buch liegt als Kopie auf Tausenden Rechnern. Wenn jemand eine Transaktion tätigt, wird diese ins erste Buch notiert, dann ins nächste kopiert und so weiter. Wenn mehr als die Hälfte der Bücher die Transaktion registriert haben und es keine Konflikte mit anderen Eintragungen gegeben hat, gilt die Geldüberweisung als bestätigt. So verhindert die Blockchain, dass dieselbe Zwanzigernote doppelt oder dreifach überwiesen wird.

Und warum soll das die Welt verändern?
Digitalwährungen, die auf Blockchain basieren, können programmiert werden. Das heisst, ich kann jemandem Geld senden und gleichzeitig bestimmen, wofür das Geld verwendet werden soll. Das ist nicht nur mit Geld möglich, sondern mit allerlei Inhalten.

«Um Geldwerte zu übermitteln, ist das Internet ungeeignet.»

Machen Sie ein Beispiel.
Musiker können mit der Blockchain ihre Lieder so programmieren, dass Hörer ihnen automatisch einen Mikrobeitrag überweisen, wenn sie einen Song abspielen. Oder noch besser: Ein Teil geht zur Band, die den Song geschrieben hat, und ein Teil zur Plattenfirma, die den Song produziert hat.

Kann das mit Journalismus funktionieren?
Warum nicht? Artikel liessen sich zum Beispiel so programmieren, dass automatisch eine Zahlung an eine Redaktion oder an einen Journalisten ausgelöst würde, wenn der Leser eine bestimmte Textstelle erreicht. Ich glaube, die Blockchain könnte sogar einen Beitrag dazu leisten, das Problem von Fake-News in den Griff zu bekommen.

Das Potenzial von Blockchain kennt für Sie offenbar keine Grenzen.
Ich meine das ernst. Redaktionen können mithilfe der Blockchain einen Faktencheck ihrer Artikel einführen. Die Blockchain könnte zum Beispiel für die Leser transparent machen, welche Fakten eines Artikels geprüft sind und welche nicht. Artikel mit vielen geprüften Fakten erhielten dann so etwas wie eine entsprechende Zertifizierung. Das Potenzial dieser Technologie ist tatsächlich immens.

Wie passt Ihre Begeisterung für die Blockchain zur Kritik an Bitcoin? Die Digitalwährung ist die bekannteste Anwendung dieser Technologie. Bitcoin-Konten sind anonym. Das nützen ­Kriminelle aus, um mit Drogen oder Waffen zu handeln.
Bitcoin wird wie jede Technologie missbraucht. Doch an der Lösung der Probleme arbeiten kluge Menschen. Sogar die Banken. Darunter auch die Schweizer Credit Suisse oder die UBS.

Warum investieren die Banken in die Blockchain? Schaffen sie sich nicht selber ab?
Die Banken reagieren unterschiedlich auf die Blockchain. Die einen erkennen, dass die Technologie wichtig ist. Sie wissen aber nicht, was damit anfangen. Dann gibt es die Banken, welche die Blockchain als Möglichkeit sehen, Kosten zu senken, indem sie die eigenen Mittelsmänner ausschalten. Das ist kurzfristig gedacht. Langfristig schaffen sie sich so tatsächlich selber ab. Die intelligenten Banken stellen sich zwei Fragen: Kann ich mit dieser Technologie neue Märkte schaffen? Kann ich damit neue Produkte bauen?

Welche neuen Märkte entstehen denn?
Nehmen wir die US-Börse Nasdaq. Nasdaq schaut sich derzeit den Energiesektor an. Die Firma hat im Silicon Valley ein neues Projekt gestartet, das es privaten Haushalten erlaubt, direkt miteinander Solarstrom zu handeln. Wenn ein Haushalt mit einem Solarpanel auf dem Dach mehr Strom konsumiert hat als ein anderer, kann er ihn beim Nachbarn beziehen und digital verrechnen lassen.

Und welche Rolle spielt Nasdaq dabei?
Nasdaq entwickelt und verkauft die Blockchain-Software und die Plattform, die den nachbarschaftlichen Stromhandel möglich macht. Nun sagt sich Nasdaq: Vielleicht gibt es mehr solche Geschäftsmöglichkeiten.

Ist die Blockchain ein Jobkiller?
Sie fragen mich, ob diese Technologie Jobs vernichtet? Massenweise, ja! Doch jede technologische Neuentwicklung hat dazu geführt, dass Menschen ihren Job verloren haben. Nehmen Sie die Automobilindustrie. Nicht nur die Kutscher mussten sich neu erfinden, sondern auch die Bauern, die Pferdenahrung verkauften, oder die Schmiede, die Hufeisen herstellten.

«Die Schweiz hat sehr schnell auf diese digitalen Währungen reagiert. Das war klug.»

Die Blockchain bedroht keine Bauern, sondern Anwälte, Buchhalter, Banker.
Richtig. Denn viele ihrer Tätigkeiten können direkt in die Blockchain programmiert werden. Und doch bin ich überzeugt, dass die Blockchain langfristig mehr Jobs hervorbringt, als sie heute zerstört.

Was tun Buchhalter, Anwälte oder Banker in der digitalen Zukunft?
Wie sich ihre Arbeit verändert, ist Forschungsgegenstand des Blockchain Research Institute, das ich im März in Toronto gegründet habe. Im Idealfall führt die Blockchain nicht nur dazu, dass im ­Finanzsektor klassische Juristen- oder Bankerjobs verloren gehen, sondern auch dazu, dass neue Unternehmen entstehen. Fakt ist, dass in der US-Wirtschaft bereits heute drei von fünf neuen Jobs durch Firmenneugründungen entstehen. Aber wir stehen mit der Blockchain und der Beantwortung dieser Fragen erst am Anfang.

Die Schweiz hat eine vitale Blockchain-Szene. Besonders viele Firmen haben sich in der Umgebung von Zug niedergelassen. Warum eigentlich?
Die Schweiz ist ein schönes Land. Hier sitzen einige der grössten Banken der Welt. Den Hauptgrund aber sehe ich in den hiesigen Rahmengesetzen. Viele Blockchain-Firmen finanzieren sich, indem sie sich ihre Geldmittel in ICOs beschaffen.

Halt. Was sind ICOs?
Die Abkürzung steht für Initial Coin Offerings. Die erfolgreichen Blockchain-Firmen beschaffen sich ihr Startgeld nicht mehr bei einzelnen Investoren, sondern sie beschreiben ihre Ideen, etwa in einem Blog oder einem Forum. Und dann entscheidet die Web-Community, ob sie investieren will. Das Start-up Cosmos hat so in einer halben Stunde 16 Millionen US-Dollar Investitionen gesammelt; die Firma Brave sogar 30 Millionen US-Dollar in 30 Sekunden. Das ist kein normales Crowdfunding. Die Investoren kaufen nämlich sogenannte Tokens. Auch sie basieren auf der Blockchain und sind so programmiert, dass das digitale Geld ausschliesslich für die Entwicklung der Firma eingesetzt werden kann. Das schafft Vertrauen.

Und warum sitzen dafür so viele Firmen in der Schweiz?
In vielen Rechtssystemen hat es noch keinen Platz für dieses Token-System. In der Schweiz regelt dies das Stiftungsrecht. Es erlaubt Blockchain-Start-ups, sich Digitalgelder zu beschaffen, die dann nur für einen vorbestimmten Zweck ausgegeben werden. Die Schweiz hat sehr schnell auf diese digitalen Währungen reagiert. Das war klug. Gut möglich, dass dieses Rahmengesetz dafür sorgt, dass das nächste grosse Ding nicht aus Silicon Valley kommt, sondern aus dem beschaulichen Zug.

Denken Sie dabei an eine bestimmte Firma?
An die Stiftung Ethereum zum Beispiel. Sie läuft Bitcoin bereits den Rang als wichtigste Digital­währung ab. Ein Ether ist heute knapp 300 Franken wert und wird täglich für weltweit über 200'000 Transaktionen eingesetzt. Das ist fünfmal mehr als vor einem Jahr. Der Gesamtwert der Ethereum-Plattform beläuft sich auf rund 35 Milliarden. Das ist kein Wert, der ein paar wenigen Besitzern gehört, sondern vielen Tausenden Nutzern, die in Ethereum investiert haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2017, 00:03 Uhr

Alex Tapscott

Ökonom

Der 34-Jährige sprach diese Woche am GDI in Rüschlikon. Tapscott lebt in Toronto und ist CEO der Northwest Passage Ventures. Sein Bestseller «Blockchain ­Revolution: Wie die Technologie hinter Bitcoin Geld, den Handel und die Welt verändert» ist Ende 2016 erschienen.(TA)

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