Wie man zum Steuersünder wird

Noch nie wollten so viele Steuerpflichtige ihr schwarzes Geld wieder weiss machen wie heute. Wie es um die Steuermoral steht.

Bild: Felix Schaad

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Uli Hoeness, Präsident des FC Bayern, im März 2014 wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war, brachte dies dem Kanton St. Gallen viel Geld ein: 575 Steuerhinterzieher zeigten sich in jenem Jahr selbst an und legten 405 Millionen Franken Schwarzgeld offen – so viel wie noch nie seit Einführung der kleinen Steueramnestie 2010. Unter Deutschlands Steuerverkürzern war Panik ausgebrochen, nachdem ein Prominenter im Range eines Hoeness, ein Unantastbarer, eingesperrt worden war, und sie erfasste auch die Schweiz: In St. Gallen holte einer gleich 30 Millionen Franken aus dem Versteck.

Morgen müssen Steuerpflichtige ihre Steuer­erklärung eingereicht haben, und all jene, die unversteuerte Vermögen im Ausland gebunkert haben, würden sie besser deklarieren und sich selbst anzeigen; bereits sammeln Steuerbehörden im In- und Ausland Daten ausländischer Bankkunden, nächstes Jahr werden sie sie im Rahmen des Automatischen Informationsaustauschs (AIA) erstmals austauschen. Diese Aussicht hat bereits 2016 eine rekordhohe Zahl von knapp 12'000 Steuerhinterziehern in der ganzen Schweiz auf die Steuerämter getrieben.

Die Versuchung

Am Anfang stand der Unmut. Der Unmut des einfachen Bürgers, dass er bald der einzige Dumme ist, der noch ordentlich Steuern bezahlt, während Reichen Steuerschlupflöcher offen stehen. Am Anfang stand aber auch der Unmut des wohlhabenden Bürgers darüber, dass sich der Staat grosszügig an seinem Vermögen bedient und mehr nimmt, als er gibt. «Dem Menschen ist es zutiefst zuwider, etwas zu ­geben ohne direkt etwas dafür zu bekommen», sagt Thomas Knecht, Leitender Arzt Forensik am Psychiatrischen Zentrum Appenzell Ausserrhoden. Das widerlaufe der menschlichen Natur.

Umfrage

Steuern hinterziehen...





Steckt in jedem von uns ein Steuersünder, oder gibt es Menschen, die nicht so disponiert sind? Es gebe durchaus Leute, die ein stärkeres Bewusstsein als andere dafür hätten, was Recht und ­Unrecht ist, sagt Knecht. Letztlich sei es aber die Gelegenheit, die den braven Bürger zum Sünder mache. Er stellt eine nüchterne Rechnung an: Wie gross ist das Risiko, erwischt zu werden? Und wie gross der Ertrag? «Wer eine Million sparen kann, der ist eher bereit, ein Risiko einzugehen», sagt Knecht.

«Wer eine Million sparen kann, der ist eher bereit, ein Risiko einzugehen»

Die Risiken halten sich in der Schweiz in engen Grenzen: Steuerkommissäre dürfen nur bei begründetem Verdacht Informationen über Steuerpflichtige einholen. Und selbst wenn sie auf Schwarzgeld stiessen, müsste niemand das Schlimmste befürchten: Gefängnis, grüner Häftlingsanzug, der soziale Fall. Der Gesetzgeber erachtet Steuerhinterziehung als lässliches Vergehen und bestraft es nur mit Busse, nicht mit Gefängnis.

Die Tat

Die Tat ist unspektakulär. Man schliesst eine Lebensversicherung ab, kauft Gold, Kunst, ein Haus oder eröffnet ein Bankkonto und lässt das Geld zwar nullverzinst, dafür unversteuert ruhen. Die meisten Hinterzieher legen ihr Geld jedoch in Wertschriften an: 70 Prozent der Vermögen, die 2016 in St. Gallen offengelegt wurden, waren darin gebunden; St. Gallen ist der einzige Kanton, der die Herkunft dieser Gelder analysiert hat – und auch darüber informiert. Weisses Geld wird erst durch die Unterlassung schwarz, dadurch, dass es der Besitzer nicht in der Steuererklärung deklariert.

Manche verstecken ihr Geld auch in einer Liechtensteiner Stiftung. Gedacht war sie ursprünglich, um Vermögen zu schützen oder den Nachkommen dosiert Geld zukommen zu lassen. Da Stiftungen im Fürstentum aber faktisch kaum Steuern bezahlen, wurden sie bald als Vehikel zur Steuerhinterziehung entdeckt. Es lohnt sich dort schon ab einigen Hunderttausend Franken Vermögen, eine Stiftung zu gründen, wie Marcel Widrig sagt, Partner und Leiter Privatkunden bei PricewaterhouseCoopers (PWC). Die «Stifter» legen das Geld meist in Wertschriften an, was in guten Jahren gern eine Rendite von 5 bis 7 Prozent abwirft.

Gut möglich, dass es die Nerven eines Hinterziehers kitzelt, wenn er eine Million am Fiskus vorbeischleust. Glücksgefühle wie beim Roulette löst es aber nicht aus, wie Thomas Knecht sagt. Dafür fehlt die rollende Kugel, die Spannung, der rasche Entscheid, die Belohnung. Die Gefahr, dass Steuerhinterziehung süchtig macht, ist verschwindend klein.

Die Angst

Steuersünder haben kein dissoziales Profil. Sie ziehen sich keine Sturmhaube über und rauben nachts keine Tankstellen aus. Sie geben sich nicht als Enkel aus, um alte Leute um ihr Erspartes zu bringen. Steuersünder sind anständige Bürger. So reagiert mancher Kunde indigniert, wenn ihnen der Vermögensberater zur Selbstanzeige rät. Sagt, er sei sehr angesehen in seiner Gemeinde, ein Ehrenmann. Würde ruchbar, dass er Steuern hinterziehe, wäre der Ruf ruiniert. «Man würde mich ans Kreuz nageln.» Darauf sagt Marcel Widrig oft: «Dann schauen Sie an die Kreuze links und rechts von ihnen. Dort hängen solche, die dasselbe getan haben.»

So bringt die Gesellschaft aufrechten Steuersündern viel Verständnis entgegen. Hoeness sass während 21 Monaten im Gefängnis und bekam 5500 Briefe. Keine fünf waren beleidigend, alle anderen wohlwollend. Sie waren nicht nur von Fans seines FC Bayern, sondern auch vom Gegner Dortmund.

Das Gewissen

Es ist nicht auszuschliessen, dass es Steuerhinterzieher gibt, die von Gewissensnöten geplagt werden. Das Unrechtsbewusstsein ist bei dieser Tat jedoch ungleich kleiner als bei einem Diebstahl, wie Knecht sagt. Es geht um Geld, das einem selbst gehört, man nimmt es keiner bestimmten Person weg. Geschädigt ist eine gesichtslose Masse.

Trotzdem wissen Steuerhinterzieher: Es ist nicht rechtens, was sie tun. Für den Fall, dass sie vor ihren inneren Richter treten müssen, haben sie sich Rechtfertigungsstrategien zurechtgelegt. Sie sagen dann, dass nicht sie schlecht sind, sondern der Staat, sie leisteten zivilen Ungehorsam, um dieses System nicht noch zu stärken. Oder sie sagen, dass nicht sie die Schädlinge sind, sie, die chrampfen. Nein, die Schädlinge seien jene, die sich Sozialhilfe erschleichen und auf der faulen Haut liegen. So wird nicht nur vor dem inneren Richter argumentiert, sondern in vielen Parlamenten der Schweiz. Es ist die Diskussion zwischen Linken und Bürgerlichen, die Diskussion, ob es mehr Sozialdetektive braucht oder mehr Steuerkommissäre.

Am besten gegen Gewissensnöte wirkt aber das gesparte Geld. «Es betäubt das schlechte Gewissen und macht glauben: Was so viel Geld einbringt, kann nicht schlecht sein», sagt der Forensiker.

Reue?

Es ist nie die Reue, die Steuersünder dazu bringt, ihr verstecktes Geld offenzulegen. Es ist vielmehr das Resultat einer weiteren Risikoanalyse, in die die Gefahren des Informationsaustauschs eingerechnet wird: Der Staat darf zwar nach wie vor nur bei Verdacht Informationen einholen, im In- und Ausland. Aber nächstes Jahr bekommt er sie von anderen Ländern automatisch ausgetauscht. Das Risiko-Ertrag-Verhältnis hat sich zuungunsten der eigenen Sicherheit verschoben.

Das Geständnis

Spontan zeigt sich keiner an. Meist ist der Entscheid gereift, der Akt der Anzeige gut vorbereitet. So kommt ein potenter Schwarzgeldbesitzer selten allein auf das Steueramt, sondern lässt sich von seinem Treuhänder, manchmal auch von seinem Anwalt begleiten. In Aktenkoffern führen sie die Zeugnisse früherer Verfehlungen mit sich.

Nur: Lassen Steuersünder die Hosen ganz herunter? Oder geben sie nur ihr Schwarzgeld im Ausland an? «Wir erwarten, dass sie alles deklarieren», sagt Felix Sager, der Chef des St. Galler Steueramts. Schliesslich könnten sie nur einmal im Leben ohne Busse schwarzes Geld zu weissem machen. Sie müssen es nur auf maximal zehn Jahre zurück versteuern.

War früher eine ganze Industrie dabei behilflich, Geld zu verstecken, hat sich heute eine Industrie darauf spezialisiert, Geld möglichst schmerzfrei zu legalisieren.

Viele hinterzogene Gelder wurden zwar als Einkommen versteuert, aber nicht mehr als Vermögen. «Viele empfinden die Vermögenssteuer als ungerecht», sagt Marcel Widrig. Ein grösseres Problem haben all jene, die auch Einkünfte – etwa aus einem Feierabendauftrag – direkt vereinnahmt haben, statt sie über ihren Betrieb zu verbuchen. Sie müssen nachträglich nicht nur das Einkommen ­versteuern, sondern auch Verrechnungssteuer, ­Gewinnsteuer oder Mehrwertsteuer entrichten. Im schlimmsten Fall zahlen sie mehr Geld, als sie hinterzogen haben. Einen Betrieb, der wenig Liquides hat, könnte das in den Konkurs treiben. Was tun? «Sich selbst anzeigen», sagt Widrig. Manche aber verharren in einer Schockstarre, warten und hoffen. Früher oder später, so ist Widrig überzeugt, wird der Staat aber auch ihre Daten bekommen. Wohl noch bevor sie es in die Verjährung schaffen.

War früher eine ganze Industrie dabei behilflich, Geld zu verstecken, hat sich heute eine Industrie darauf spezialisiert, Geld möglichst schmerzfrei zu legalisieren – man braucht bei Google nur Suchbegriffe wie «Steuerhinterziehung» oder «Steueramnestie» einzugeben. Die beiden Industrien sind nur bedingt deckungsgleich. Viele Fälle sind heute so komplex, dass manche Banken überfordert wären.

Der Schaden

Es liegt in der Natur der Sache, dass nicht bekannt ist, wie viel Geld hinterzogen wird. Es gibt nur Schätzungen, und die driften weit auseinander, von 6 bis 23,5 Prozent aller Einkommen. SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen hat anhand des höchsten Werts – er stammt von den Wirtschaftsprofessoren Lars P. Feld und Bruno S. Frey – berechnet, welche Summe Private 2014 selbst behalten haben, statt sie dem Staat zu zahlen: 20,3 Milliarden Franken. Wirtschaftsprofessor Gebhard Kirchgässner hingegen ortet die Hinterziehungsquote heute am unteren Rand der Schätzungen, wie er sagt. Nach der Finanzkrise und nachdem die gebeutelten Staaten begonnen hätten, mit Nachdruck Steuergelder einzufordern, sei wohl jedem klar: Man darf das nicht.

Die Moral

So kann jeder die Steuermoral loben oder beklagen, wie es ihm entgegenkommt – es gibt für jede Haltung die passende Schätzung. Linke finden sie miserabel, Bürgerliche wie SVP-Nationalrat Thomas Matter glauben hingegen, dass nur ein paar schwarze Schafe unehrlich sind. Trotzdem finden sie, dass es noch mehr Steueramnestien braucht, damit der Staat zu seinem Geld kommt: Ihre Nationalräte verlangten letztes Jahr, dass auch Kantone solche durchführen sollen – mit Sonderrabatt auf Nachsteuern. Zumindest im Vergleich zu anderen Ländern steht es in der Schweiz wohl nicht schlecht um die Steuerehrlichkeit. Der Widerwille, dem Staat Geld zu geben, ist klein, denn die Bürger können weitgehend mitbestimmen, wofür es ausgegeben wird – und wer wie viel bezahlen muss; erst im Februar haben sie dem Establishment eine Abfuhr erteilt, das Unternehmen deutlich entlasten wollte.

Das Beste, was der Automatische Informationsaustausch dem Schweizer Fiskus nun bringen könnte, wäre ein Fall Hoeness. Im Kanton St. Gallen jedenfalls zeigten sich nach dessen Verurteilung mehr Personen selbst an als vor der Einführung des Informationsaustauschs.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2017, 06:32 Uhr

Artikel zum Thema

Steuerhinterziehung: Wer sich selbst anzeigt, zahlt keine Busse

Geldblog Die erste Selbstanzeige bleibt strafrechtlich ohne Konsequenzen. Neben den Nachsteuern zahlt man Zinsen und muss die Herkunft belegen. Zum Blog

So baue ich mir eine Offshore-Tarnfirma

1986 erschien eine Anleitung der Bankiervereinigung, wie Tarnfirmen in Steueroasen zu errichten sind. Mafiajäger Paolo Bernasconi warnte schon 1991 vor Missbrauch. Mehr...

Die UBS sagt «Stopp»

Die Eidgenössische Steuerverwaltung verlangt von der UBS, dass sie Kundendaten an Frankreich liefert. Die Bank wehrt sich dagegen. Und das lautstark. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kommentare

Paid Post

Psychologie im Business

Ökonomie ist mehr als Aufwand und Ertrag, Effizienz, Güterknappheit und Ressourcen.

Die Welt in Bildern

Unendlicher Kürbis: Die Ausstellung «Infinity Mirrored Room - All the Eternal Love I Have for Pumpkins» des Japanischen Künstlers Yayoi Kusama wird im Hirshhorn Museum in Washington ausgestellt (25. April 2017).
(Bild: Joshua Roberts ) Mehr...