150'000 Dollar für neue Krebsmedikamente

Trotz aggressiver Tumore leben einige Patienten mit den neusten Krebsmitteln über Jahre weiter. Die Kosten geben aber zu reden.

In der Immuntherapie gegen Krebs herrscht ein Wettrennen. Weltmarktführer Roche hinkt nach. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

In der Immuntherapie gegen Krebs herrscht ein Wettrennen. Weltmarktführer Roche hinkt nach. Foto: Martin Ruetschi (Keystone)

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Bis vor wenigen Jahren war die Diagnose in den meisten Fällen ein Todesurteil. Erkrankte ein Patient oder eine Patientin an einem metastasierenden schwarzen Hautkrebs, trat der Tod im Schnitt nach sechs Monaten ein – trotz einer Chemotherapie. Nur 25 Prozent der Betroffenen lebten länger als ein Jahr.

Seit 2011 sind neue Medikamente auf dem Markt. Sie haben die Situation der Hautkrebspatienten markant verbessert. Krebs entsteht vereinfacht dargestellt so, indem körpereigene Zellen entarten. Normalerweise werden diese vom Immunsystem mit T-Zellen identifiziert und zerstört. Mit zunehmendem Alter entwischen die Krebszellen den T-Zellen. Es bilden sich Tumore. Die neuen Medikamente bewirken nun, dass die Krebszellen für das Immunsystem wieder sichtbar gemacht und angegriffen werden können.

Einzelne Patienten, welche die Medikamente bereits im Rahmen klinischer Studien eingenommen haben, sind 10 Jahre nach der Diagnose noch immer am Leben. Dennoch sprechen viele Ärzte nicht von Heilung, weil noch keine Langfristdaten existieren.

Die Immuntherapien wirken allerdings nicht bei allen Menschen. Basierend auf den aktuellsten Daten sprechen derzeit nur rund 30 Prozent aller Hautkrebspatienten auf die neuen Präparate an. Insgesamt geht man bei den Immuntherapien je nach Tumorart von Ansprechraten zwischen 10 und 30 Prozent aus.

Krankheit wird kontrollierbar

Dennoch ist die Euphorie unter den Onkologen gross. Bis am Dienstag treffen sie sich in Chicago zum weltgrössten Krebskongress Asco. Auch Thomas Cerny, einer der führenden Onkologen in der Schweiz, ist dabei. «Dank den Immuntherapien können wesentlich mehr Leute mit Krebs im fortgeschrittenen Stadium behandelt werden, sodass die Krankheit längerfristig gut kontrollierbar wird oder im besten Fall gar geheilt werden kann.»

Alfred Zippelius, stellvertretender Chefarzt Onkologie am Universitätsspital Basel, spricht ebenfalls von einem Durchbruch. Mittlerweile seien die neuen Immuntherapien etabliert, zumindest würden sie gegen schwarzen Hautkrebs standardmässig eingesetzt, zunehmend auch gegen Lungenkrebs.

Im Vergleich zur Chemotherapie sind die Nebenwirkungen der neuen Immuntherapien überschaubar. Dennoch sei die Gefahr nicht zu unterschätzen, sagt Zippelius. Bei den neusten Wirkstoffen, den sogenannten PDL1- und PD1-Antikörpern, erleiden bis zu 5 Prozent aller Patienten schwere Nebenwirkungen. Bei der ersten Generation der Immun­therapien, die sich seit 2011 auf dem Markt befindet, sind es gar zwischen 15 und 20 Prozent. Das Immunsystem überreagiert und es kann beim Patienten zu Hautausschlag, Müdigkeit, Darmentzündungen oder Hormonstörung kommen.

Einer seiner Patientinnen habe eine schwere Herzmuskelentzündung erlitten, erzählt Zippelius. «Werden die Patienten frühzeitig mit Medikamenten behandelt, bekommen wir die Nebenwirkungen relativ gut in den Griff.» Unbehandelt können die Nebenwirkungen jedoch bis zum Tod führen.

Kampf unter Anbietern

In der Pharmaindustrie ist ein regelrechter Wettkampf um die Vorherrschaft auf diesem Gebiet entbrannt. Führend sind derzeit die beiden amerikanischen Konzerne Merck und Bristol-Myers Squibb. Beide habe seit Ende letzten Jahres eine Zulassung für jeweils eine Immuntherapie in den USA.

Roche als Weltmarktführer in der Onkologie hinkt hinterher. Für das am weitesten fortgeschrittene Präparat will der Basler Pharmakonzern im nächsten Jahr die Zulassung in den USA beantragen, erklärt Thomas Büchele, Leiter Global Medical Affairs Hämatologie/Onkologie bei Roche. Zunächst soll der Wirkstoff gegen Blasen- und Lungenkrebs eingesetzt werden. Das Unternehmen prüfe das Medikament Atezolizumab auch für den Einsatz gegen andere Tumorarten wie Nieren- oder Magenkrebs. Roche forsche zudem an weiteren Immuntherapien, sagt Büchele.

Der Konzern betreibt einen enormen Aufwand. «Derzeit laufen neun Studien in der letzten Phase der Entwicklung, zwei weitere werden bis Ende des Jahres noch dazukommen», sagt Büchele. Zudem verfüge Roche über ein umfassendes Studienprogramm in den Phasen I und II. Darunter würden zahlreiche Kombinationen von Wirkstoffen getestet, auch mit Medikamenten aus dem eigenen Haus.

Markt von 35 Milliarden

Die grossen Bemühungen von Roche erstaunen angesichts des riesigen Umsatzpotenzials nicht. Citigroup rechnet für die Immuntherapien mit Verkäufen in den nächsten zehn Jahren von jährlich bis zu 35 Milliarden Dollar. Die US-Bank geht davon aus, dass künftig bis zu 60 Prozent aller Tumorarten mit den neuen Präparaten behandelt werden.

Um solche Umsätze zu erreichen, sind enorm hohe Preise nötig. Die beiden bereits in den USA zugelassenen Präparate von Merck und Bristol-Myers Squibb kosten 150'000 Dollar pro Jahr. Der Preis für das schon seit 2011 zugelassene Hautkrebspräparat Yervoy beträgt in der Schweiz je nach Körpergewicht zwischen 70'000 und 120'000 Franken.

Die hohen Preise sorgen weltweit für Kritik. Selbst in den USA, die als besonders pharmafreundlich gelten, protestieren Onkologen gegen die kaum tragbaren Kosten. Hierzulande ist insbesondere Thomas Cerny als scharfer Kritiker aufgefallen. Er sprach wiederholt von Fantasiepreisen. Nun klingt der Onkologe moderater. «Die Kosten der Krebsmedikamente werden ein grosses Thema bleiben», sagt er. Da viele Pharmakonzerne gleichzeitig an den neuen Immuntherapien forschten, erhoffe er sich einen starken Wettbewerb, der sich dämpfend auf die Preise wirke.

Preise in der Schweiz noch offen

Kritischer äussert sich Alfred Zippelius vom Unispital Basel: «Sobald einzelne Präparate miteinander kombiniert werden, wird es extrem teuer. Das stellt die Gesellschaft vor neue Probleme.» Zippelius macht ein Beispiel anhand eines Patienten mit schwarzem Hautkrebs. Hier können neben der Chemotherapie mehrere neue Medikamente zum Einsatz kommen. Müsse das ganze Arsenal an verfügbaren Präparaten eingesetzt werden, weil ein einzelnes nicht die gewünschte Wirkung gebracht habe, seien in kurzer Zeit Kosten von mehreren Hunderttausend Franken möglich, sagt Zippelius. Das sei zwar nur eine grobe Schätzung, schränkt er ein, zeige aber die Dimension auf. Genaue Zahlen sind derzeit nicht verfügbar, da die neusten Medikamente in der Schweiz noch nicht zugelassen sind. Folglich sind auch deren Preise nicht bekannt.

«Es kann nicht sein, dass man die Preise der einzelnen Therapien zusammen zählt, sonst sind die Kosten für die Gesellschaft nicht mehr tragbar.» Die Pharmaindustrie, die Krankenversicherer und Onkologen müssten sich deshalb zusammensetzen und einen tragfähigen Kompromiss finden, fordert Zippelius.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 31.05.2015, 23:14 Uhr)

Zelltherapie

Novartis geht einen anderen Weg

Novartis hat einen anderen Ansatz gewählt. Der Pharmakonzern baut auf die Zelltherapie: Dem Patienten werden Abwehrzellen entnommen. Anschliessend werden diese T-Zellen im Labor mit einem Rezeptor so modifiziert, dass sie später innerhalb des Körpers wieder in der Lage sind, den Tumor zu erkennen und anzugreifen. Bei dieser Art der Immuntherapien sei die Wissenschaft noch nicht ganz so weit, sagt Ulf Petrausch, Onkologe am Unispital Zürich.

Vor rund einem Monat hat der Basler Pharmakonzern klinische Studiendaten zu seiner Zelltherapie veröffentlicht. Allerdings umfasste die Studie zu wenige Patienten, um klare Aussagen zu machen. Immerhin haben sich die Nebenwirkungen als beherrschbar gezeigt. Die verabreichte Dosis war jedoch zu gering, um eine Wirkung bei den Patienten zu belegen. Die Studie wurde von der University of Pennsylvania erstellt, mit der Novartis in diesem Bereich eng zusammenarbeitet. Nun plant die Uni eine Studie mit mehr Patienten und höheren Dosen. Novartis möchte als Erstes eine bestimmte Form von Blutkrebs (CD19-positiv) behandeln.

Daneben verfügt der Pharmakonzern seit kurzem ebenfalls über mehrere Immuntherapien, die den gleichen Ansatz verfolgen wie die Wirkstoffe von Merck (MSD), Bristol-Myers Squibb oder Roche. Unter anderem handelt es sich um einen PD1-Antikörper. Novartis hat sich die Präparate durch einen Zukauf einer US-Biotechfirma gesichert.

Die Zelltherapie sei bislang im Ruf gestanden, sehr riskant und sehr teuer zu sein, sagt Petrausch. Anstatt nur Medikamente herzustellen, müsse ein Pharmaunternehmen nun plötzlich Zellen kultivieren. Dafür sind neue Anlagen nötig, die einer strengen Prüfung der Gesundheitsbehörden standhalten müssen.

Petrausch ist vom Potenzial der Zelltherapie überzeugt. «Sobald Firmen zelluläre Produkte im industriellen Massstab herstellen können, werden die Kosten sinken.» Er rechnet damit, dass es noch bis zu fünf Jahre braucht, bis erste Produkte die Marktreife erlangen.

Als Erster in der Schweiz hat Petrausch kürzlich selber umprogrammierte T-Zellen hergestellt. Sie richten sich gegen eine seltene Form von Asbest-ausgelöstem Krebs. Dabei handelt es sich um eine hauseigene Forschung des Unispitals Zürich und steht nicht im Zusammenhang mit Novartis. Andreas Möckli

(Tages-Anzeiger)

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