Reportage

38 Prozent der UBS-Aktionäre gegen Millionenboni

Die UBS-Spitze musste sich am Donnerstag an der Generalversammlung behaupten. Die meisten Anträge wurden angenommen – mit einer Ausnahme. Axel Weber wurde mit einem Glanzresultat zum neuen Präsidenten gewählt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nur 52 Prozent der Aktionäre erteilen der Konzernleitung und dem Verwaltungsrat der UBS die Décharge für das Geschäftsjahr 2011. Dies ergab eine Abstimmung an der heutigen Generalversammlung der Bank. 35 Prozent der abstimmenden Aktionäre wollten die Bankführung noch nicht aus der Verantwortung für den vom Banker Kweku Adoboli verursachten Handelsverlust entlassen. «Das ist kein brillantes Ergebnis, wir alle wissen das», kommentierte UBS-Präsident Kaspar Villiger die Abstimmung. An seiner persönlichen Abschiedsveranstaltung kommt er mit einem blauen Auge davon.

Prominente Aktionärsvertreter hatten sich im Vorfeld der GV gegen die Entlastung der UBS-Spitze ausgesprochen. Kein brillantes Resultat fuhr die UBS-Führung auch in der Lohnfrage ein. Nahezu vierzig Prozent der Aktionäre lehnten den Vergütungsbericht der UBS ab. Rund 60 Prozent der Aktionäre folgten dem Vorschlag der Geschäftsleitung und nahmen in der Konsultativabstimmung den Vergütungsbericht an. Präsident Kaspar Villiger hatte die Lohnpolitik der Bank zuvor vor den versammelten Aktionären verteidigt.

«Schämen Sie sich nicht?»

«Wir haben schon einiges gelernt», so Villiger. Der UBS-Präsident verwies auf die Marktzwänge: Wenn ein kriselnder Schlossereibetrieb keine guten Löhne mehr zahle, kämen eben auch keine guten Schlosser mehr zu diesem Betrieb. Und in der Folge gehe es dem Unternehmen noch schlechter. Auf den Finanzplatz bezogen, sagte Villiger, dass die Kompetenz des Verwaltungsrats bei der Lohnsetzung nicht eingeschränkt werden sollte. Dies wäre schlecht für den Wirtschaftsstandort Schweiz. Nachfolger Axel Weber werde sich aber wohl oder übel mit dem Resultat auseinandersetzen müssen.

Das Resultat kam trotz Kritik von Votanten zustande: «Schämen Sie sich nicht für Ihre exorbitanten Lohnbezüge?», fragte eine Aktionärin. Ethos, Antares, Hermes und weitere Aktionärsvertreter hatten den Vergütungsbericht der UBS abgelehnt, weil die variable Vergütung – sprich, die Boni – der Geschäftsleitung insgesamt zu hoch seien. Es bleibe unklar, wie hoch die Vergütung maximal ausfallen könne. Topverdiener Robert McCann verdiente letztes Jahr 9,2 Millionen Franken, kritisierte Ethos-Präsident Dominique Biedermann an der Generalversammlung.

Weber, Romy und Weder di Mauro stossen zur UBS

Mit einem Glanzresultat wurde der deutsche Ökonom Axel Weber zum neuen UBS-Verwaltungsratspräsidenten gewählt. Das gute Resultat konnte nicht als selbstverständlich erwartet werden: Aktionärsvereinigungen, wie auch Einzelvotanten hatten sich zuvor lautstark über den vier Millionen Franken schweren Antrittsbonus des designierten Verwaltungsratspräsidenten beschwert.

Weber war von 2004 bis 2011 Präsident der Deutschen Bundesbank. Zur UBS stösst er nicht zuletzt auf Initiative Kaspar Villigers, der den Deutschen vor rund einem Jahr angefragt hatte. Seither hat Weber Kontakt zu UBS-Kunden, aber auch zur Schweizer Politik geknüpft. Es werde keine leichte Aufgabe sein, die UBS zu führen, sagte Weber zu den Aktionären: «Die UBS steht an einem Wendepunkt in ihrer Geschichte.»

Mehr als 1,6 Milliarden Aktienstimmen, 99 Prozent Stimmenanteil: Mit ähnlich «sowjetisch anmutenden Resultaten» (Villiger) wurden auch die Anwältin Isabelle Romy und die Ökonomin Beatrice Weder di Mauro in den UBS-Verwaltungsrat gewählt. Mit den beiden Schweizerinnen erhält das Aufsichtsgremium der Bank eine weiblichere Note. Bislang war Ann F. Godbehere die einzige Frau im Verwaltungsrat.

Eine Niederlage setzte es für die Bankführung dagegen bei der Abstimmung über die Verdoppelung des bedingten Kapitals ab. Dieses soll die Ausgabe von Aktien im Rahmen von Mitarbeiter-Beteiligungsplänen ermöglichen, kann aber zu Verwässerungen führen. Aktionärsvertreter hatten sich aus diesem Grund gegen das Vorhaben ausgesprochen. Mit 62 Prozent Aktionärsstimmen wurde der Antrag zwar von einer Mehrheit gutgeheissen; das notwendige Quorum wurde allerdings nicht erreicht. Die Bank muss sich nun eine andere Lösung überlegen, wie sie Mitarbeiterbeteiligungen finanzieren will.

Investmentbank an Kunden ausrichten

UBS-Konzernchef Sergio Ermotti will eine «starke und wettbewerbsfähige» Investmentbank – aber sie soll weniger komplex werden, weniger kapitalintensiv sein und voll auf das Kundengeschäft ausgerichtet. An der heutigen Generalversammlung der UBS erklärte Ermotti den Aktionären, wie er die Bank in Zukunft ausrichten will. Ermotti übernahm die Leitung der Bank im letzten September, nachdem sein Vorgänger Oswald Grübel die Konsequenz aus dem Londoner Handelsverlust gezogen hatte und zurücktrat.

Laut Ermotti hat die UBS daraus ihre Lehren gezogen: Die verantwortlichen Personen seien entweder entlassen worden oder es seien Gehaltskürzungen erfolgt. «Wir haben die Schwäche im internen Kontrollsystem behoben», so der Konzernchef. Karsten Kengeter – neben Neuzuzug Andrea Orcel künftig Co-Chef der Investmentbank – behält jedoch seinen Platz. Ermotti selbst will die Risiken im Investmentbanking künftig «im Griff haben». Spontaner Applaus brandet im Saal auf, als Ermotti seinem Vorgänger Oswald Grübel dankt – offenbar geniesst der deutsche Banker nach wie vor viele Sympathien unter den Aktionären.

«Müssen wir uns Ermottis Namen merken?»

Auf weniger Sympathie stiess der CEO in den Reden einzelner Aktionäre. Journalist und Buchautor René Zeyer übte beissende Kritik am Personenkarussell in der Führungsetage. «Müssen wir uns den Namen des neuen CEO merken?», fragte er und gab die Antwort gleich selbst: «Ich glaube nicht.» Dass Ermotti in seinen acht Monaten bei der UBS ein Gehalt von 6,4 Millionen Franken erhalten hat, quittierte der Redner mit Hohn. «Bravo», sagte er auch zum Verfall von 35 Prozent, den die UBS-Aktie in diesem Zeitraum erfahren hat.

UBS-Präsident Villiger erwiderte auf die Kritik, dass die neue Bankleitung mit dem Verwaltungsrat gegenwärtig die Kriterien für die Entlöhnung des Topkaders überarbeite. Man wolle ein neues, «qualitatives» Notensystem für die Führungsleute einführen. Dinge wie die Mitarbeiterführung, das strategische Vorausdenken sowie die Zusammenarbeit mit Regulatoren wie der Finma würden dabei berücksichtigt. Bei Ermotti habe man das System bereits angewandt: «Der neue Konzernchef erhielt gute Noten.»

Selbstbewusster Villiger

Die UBS feiert dieses Jahr ihr 150. Jubiläum – doch an der heutigen Generalversammlung ist vielen Aktionären nicht zum Feiern zu Mute. Die UBS-Aktie hat sich noch nicht vom Finanzcrash des Jahres 2008 erholt. Die Bankspitze betonte an der Generalversammlung denn auch, dass Gewinn und Dividende aktuell noch gering ausfielen, weil die Bank Kapital aufbauen müsse.

Die UBS sei damit jedoch im Fahrplan und heute die «bestkapitalisierte Bank in der internationalen Vergleichsgruppe», so Villiger. Ihm wurde an der GV auch widersprochen: «Beim Kernkapital steht die UBS schlecht da. Die UBS ist unterdurchschnittlich!», so Aktionär Charles Guggenheim. Villiger schlug versöhnliche Töne an: Es sei verständlich, dass die Reputation der UBS noch immer nicht die beste sei. Aber auch ein Schuss Selbstbewusstsein schwang in seinen Worten mit: Der Finanzplatz sei für die Schweiz noch immer eine «Milchkuh» und volkswirtschaftlich unverzichtbar. Letzteres müsse auch für Einheiten wie die Investmentbank gelten.

Villiger nutzte die Generalversammlung auch für politische Botschaften zum Steuerstreit. Der Informationsaustausch sei klar abzulehnen, so der Alt-Bundesrat. Das System sehe in jedem Bürger «einen potenziellen Gesetzesbrecher». Villiger bevorzugt die Abgeltungssteuer und pochte in seiner Rede darauf, dass das ausgehandelte Steuerabkommen mit Deutschland bald in Kraft tritt. Der Schweizer Finanzplatz habe während Jahren von Bankgeheimnis und Steuerhinterziehung profitiert – künftig dürfe die Finanzbranche aber nicht mehr an Steuerstraftaten mitwirken.

Viel Kritik, aber auch viel Schabernack

Actares-Präsident Meyer prangerte in seiner Rede die Kreditvergabe der UBS an Kohlekraftwerke in China an (siehe Video). In den Kohlekraftwerken würden Menschenrechte missachtet; ausserdem gehörten sie zu den klimaschädlichsten CO2-Schleudern der Welt. Ein Greenpeace-Aktivist aus China zeigt den Aktionären ein Foto, das die Landschaftsverwüstung in China illustrieren soll. Die von der UBS finanzierten Kohlekraftwerke würden der dreissigfachen Menge des CO2-Fussabdrucks der Schweiz entsprechen. Laut Meyer hat sich die UBS verpflichtet, keine umweltschädlichen Projekte zu finanzieren. Offensichtlich werde die Regel aber nicht eingehalten.

Auch Aktionärin Brigitta Moser-Harder – eine bekannte Rednerin bei Banken-Generalversammlungen – übt heftige Kritik an der Bank. Im US-amerikanischen Investmentbanking würden nach wie vor die höchsten Löhne gezahlt, doch der Beitrag zum Konzerngewinn sei nach wie vor niedrig. Nun habe man mit Ermotti und Orcel weitere Merill-Lynch-Banker geholt: Dies sei ein falsches Signal. «Die UBS-Investmentbank in Amerika muss schweizerischer werden», so Moser-Harder. Aktionär Troxler legt in seinem Votum nach: «Will die UBS dumm bleiben?».

Generalversammlungen der UBS sind immer auch für anekdotische Höhepunkte gut. So öffnete Peter Lampart, selbstdeklarierter «Kleinaktionär von kleinstem Format», eine grosse Glückwunschkarte für die Jubiläumsbank. Er überreichte Konzernchef Sergio Ermotti einen Zustupf in Form von Zehnräpplern.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.05.2012, 11:12 Uhr

«Das hat es bei SMI-kotierten Unternehmen noch nie gegeben»: Ethos-Chef Dominique Biedermann. (Video: Simon Schmid)

«Die schönen Worte stimmen nicht mit der Realität überein»: Rudolf Meyer, Präsident der Aktionärsvereinigung Actares, vor dem Hallenstadion in Zürich. (Video: Simon Schmid)

«Bravo»: Buchautor René Zeyer erkennt keine Veränderung im UBS-Kurs.

Artikel zum Thema

Villiger vergleicht UBS-Desaster mit Swissair-Grounding

Auch der abtretende UBS-Präsident Kaspar Villiger findet die hohen Bankerboni überzogen. Der Schweizer Grossbank seien aber mit Einschnitten bei den Gehältern auch Spitzenleute verloren gegangen. Mehr...

Mit Axel Weber kommt eine geballte Ladung Energie zur UBS

Porträt Ein Jahr früher als geplant kommt es am Donnerstag an der Spitze der UBS zum Präsidentenwechsel. Der ehemalige Chef der deutschen Bundesbank, Axel Weber, löst Kaspar Villiger ab. Mehr...

UBS mit solidem Jahresstart

Im ersten Quartal 2012 erwirtschaftet die UBS einen Gewinn von 1,3 Milliarden Franken. An die Erwartungen der Finanzgemeinde kommt die Grossbank damit allerdings nicht ganz heran. Mehr...

Werbung

Kommentare

Abo

Weekend-Abo für 1.- testen

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Die Welt in Bildern

Hinter den Kulissen: Models werden an der Moskauer Fashion Week geschminkt uns posieren für Selfies (24. März 2017).
(Bild: Maxim Shipenkov) Mehr...