ABB kauft das «Microsoft der Automation»

Mit einem Milliardeneinkauf in Österreich will der Technologiekonzern seinen Geburtsfehler beheben und zum Erzrivalen Siemens aufschliessen.

Fahnen wehen beim Firmensitz der Innviertler Bernecker + Rainer Industrie-Elektronik GmbH. (4. April 2017)

Fahnen wehen beim Firmensitz der Innviertler Bernecker + Rainer Industrie-Elektronik GmbH. (4. April 2017) Bild: APA/Daniel Scharinger/Keystone

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ABB erwirbt die österreichische B&R. Mit der Übernahme des Steuerungsherstellers will der schweizerisch-schwedische Elektrokonzern den Rückstand auf den grossen Rivalen Siemens verkürzen, der die Nummer eins in der Industrieautomation ist.

B&R sei das «Microsoft der Maschinen- und Fabrikautomation», sagte ein sichtlich hocherfreuter ABB-Chef Ulrich Spiesshofer am Dienstag in einer Onlinekonferenz. Das 1979 von Erwin Bernecker und Josef Rainer im Keller einer Bank gegründete Unternehmen B&R (Bernecker Rainer Industrie-Elektronik GmbH) sei in den vergangenen zwei Jahrzehnten durchschnittlich um 11 Prozent pro Jahr gewachsen und damit mehr als doppelt so stark wie der Markt, sagte Spiesshofer.

Kaufpreis von bis zu 2 Milliarden Dollar

Der Umsatz schoss von 70 Millionen im Jahr 1995 auf über 600 Millionen Dollar 2016 nach oben. Das Unternehmen in der Nähe von Salzburg erzielte letztes Jahr einen Betriebsgewinn (Ebit) von 75 Millionen Dollar.

Die beiden Firmenbesitzer Bernecker und Rainer machen jetzt Kasse. Auf ihren Wunsch halte man den Kaufpreis geheim, sagte Spiesshofer. Nur so viel: Der Kaufpreis entspreche branchenüblichen Bewertungen. Analysten schätzen, dass ABB 1 bis 2 Milliarden Dollar auf den Tisch legt. Ein solcher Kaufpreis sei vernünftig, urteilten die Experten.

Geburtsfehler beheben

«B&R ist eine Perle der Welt der Maschinen- und Fabrikautomation», sagte Spiesshofer. Damit könne ABB eine Lücke im Angebot schliessen und stark wachsen. Bis in spätestens fünf Jahren soll die Umsatzgrenze von 1 Milliarden Dollar übertroffen werden.

«ABB wurde mit einem Geburtsfehler aus der Taufe gehoben», sagte Spiesshofer. Der Konzern habe bisher kaum ein Angebot an speicherprogrammierbaren Steuerungsgeräten und Industriecomputern für die Maschinen- und Fabrikautomation gehabt.

Diese Steuerungsgeräte und Industriecomputer sind das Gehirn von Industrierobotern, die beispielsweise in der Fertigung von Autokarrosserien eingesetzt werden. Diese historische Lücke von ABB werde nun geschlossen.

Rückstand verkleinern

«Mit der Übernahme können wir den Abstand zu Siemens deutlich verringern und uns klar von den Verfolgern absetzen», sagte Spiesshofer. In der Industrieautomation kommen ABB und B&R nun auf einen gemeinsamen Umsatz von rund 15 Milliarden Dollar. Damit ist ABB hinter dem Platzhirsch in der Fabrikautomation, Siemens, die klare Nummer zwei vor den US-Konzernen Emerson und General Electric auf den Plätzen drei und vier.

Die Bank Vontobel bezeichnete die Transaktion als klugen strategischen Schachzug. Und Barclays-Analyst James Stettler erklärte: «Damit wird ABB die einzige Firma, die die komplette Fabrikautomation mit Robotik kombiniert.»

Neue Kunden im Nahrungsmittelsektor

Mit der Übernahme der gut 3000 Mitarbeiter zählenden Gesellschaft weitet ABB nicht nur das Produktangebot aus, sondern sichert sich auch Zugang zu neuen Endkunden. Während die Schweizer vor allem Versorger und Infrastrukturanbieter beliefern, ist B&R bei Nahrungsmittel- und Verpackungsherstellern stark.

«Es geht darum, die Abhängigkeit vom Öl- und Gassektor zu reduzieren», erklärte Spiesshofer der Nachrichtenagentur Reuters. Angesichts der niedrigen Rohstoffpreise hatte die Branche zuletzt weniger investiert und damit auch Bremsspuren bei ABB hinterlassen.

Hebel umgelegt

Mit der Übernahme der österreichischen B&R legt Spiesshofer den Hebel um. Sein Vorgänger Joe Hogan war ein leidenschaftlicher Firmenkäufer gewesen, der rund 20 Milliarden für die internationale Expansion von ABB ausgeben und den Umsatz auf die Rekordhöhe von 42 Milliarden Dollar getrieben hatte.

Spiesshofer machte sich nach seinem Amtsantritt im Herbst 2013 dagegen durch Kostensenkungen einen Namen und trennte sich von einigen Geschäftsbereichen. Unter seiner Ägide schrumpfte der Umsatz angesichts des heftigen Gegenwinds im operativen Geschäft um rund 8 Milliarden auf knapp 34 Milliarden Dollar.

Nun ist der Kauf von B&R für ABB die grösste Übernahme seit 2012. Damals hatte der Schweizer Konzern für die Übernahme des US-Unternehmens Thomas & Betts 3,9 Milliarden Dollar ausgegeben. Und Spiesshofer will seine Einkäufe fortsetzen. «In Zukunft wird es weitere Akquisitionen von ABB geben.»

Die Ankündigungen lösten an der Schweizer Börse keine grossen Kursbewegungen der ABB-Aktie aus. «In den Zahlen von ABB wird diese Akquisition nicht sehr viel bewegen», urteilte ein Analyst. Denn B&R erziele lediglich rund 2 des Umsatzes und des Betriebsgewinns von ABB. Gleichwohl könnte sich der Deal laut der ZKB von grösserer strategischer Wichtigkeit erweisen. (rub/sda)

Erstellt: 04.04.2017, 15:49 Uhr

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