AKW Mühleberg soll 2019 definitiv vom Netz

Die BKW ist bereit, das AKW früher abzuschalten – im Gegenzug zu Lockerungen bei der Nachrüstung.

Diskussion um die Zukunft: Das AKW Mühleberg. <nobr>Foto: Keystone</nobr>

Diskussion um die Zukunft: Das AKW Mühleberg. Foto: Keystone

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Gross ist er nicht, der Anteil der BKW, der an der Börse gehandelt wird. Und trotzdem gibt der Kursverlauf der letzten Jahre ein zutreffendes Bild von der Lage des Unternehmens: 75 Prozent Kursverlust in den letzten fünf Jahren und heute ein Kurs, der gerade mal noch rund die Hälfte des Substanzwertes ausmacht – dies zeigt deutlich, wie die Investoren das Unternehmen einschätzen.

Grund für den Kurstaucher ist die Energiewende in Deutschland und die schlechte wirtschaftliche Lage in Italien. Die Energiewende hat dazu geführt, dass am Mittag – früher die Zeit der höchsten Strompreise – wegen Milliardeninvestitionen in Solar- und Windkraftanlagen ein Überfluss an Strom zur Verfügung steht. Kraftwerksbetreiber zahlen heute teilweise sogar dafür, dass sie Strom ins Netz einspeisen können. Die wirtschaftliche Flaute in Italien bescherte der BKW zudem hohe Abschreibungen auf ihre dortigen Werke, gleichzeitig ist das lukrative Geschäft von Stromverkäufen aus Schweizer Werken nach Italien vorbei.

Beide Entwicklungen führten dazu, dass der Strom auf dem freien Markt in Deutschland zurzeit viel billiger zu haben ist als vom AKW Mühleberg. Dessen Gestehungskosten liegen bei gut 7 Rappen pro Kilowattstunde (kWh). Das war 40 Jahre lang gut genug und garantierte sichere Gewinne. Noch im ersten Quartal 2012 lag der Grosshandelspreis an der schweizerischen Strombörse Swissix bei 7,7 Rappen/kWh. Im zweiten und dritten Quartal lag er mit 5,0 respektive 5,4 Rappen/kWh aber bereits massiv tiefer als die Produktionskosten von Mühleberg. Dieses Jahr wurde es nicht besser und auch für die nächsten Jahre sieht es nicht gut aus: So werden Terminkontrakte bis ins Jahr 2017 für 4,5 Rappen/kWh gehandelt.

Nun hat die BKW zwar laut Aussagen ihrer Chefin Suzanne Thoma in der «Finanz und Wirtschaft» sich gegen Preisveränderungen abgesichert, aber «ab 2016 sind die tieferen Preise relevant».

Dies hat bereits Folgen für die Bewertung der Anlagen, deren Wert knapp 3,5 Milliarden Franken beträgt. Betreffend das AKW Mühleberg kommt erschwerend hinzu, dass die Atomaufsichtsbehörde (Ensi) nach Fukushima teure Auflagen gemacht hat. Dies sind:

  • Bau einer zusätzlichen, von der Aare unabhängigen Kühlwasserversorgung
  • Nachrüstung eines erdbebenfesten Brennelementbecken-Kühlsystems
  • Zusätzliches Nachwärme-Abfuhrsystem

Entschädigung fürs Abschalten?

Die Massnahmen müssen laut Ensi gestaffelt spätestens bis zum Ende der Jahresrevision 2017 umgesetzt werden. Kostenpunkt: gegen 400 Millionen Franken. Hinzu kommt noch die Forderung nach einer Verstärkung des Staudamms oberhalb des AKW, der man eigentlich nachkommen will.

Im Sommer hat die BKW dem Ensi zwar einen Plan vorgelegt, wie die Auflagen zu erfüllen wären, doch ob sie die Investitionen durchführt, ist noch nicht entschieden. Der BKW-Verwaltungsrat wird bis Ende 2013 den Grundsatz- und Investitionsentscheid zum Weiterbetrieb des AKW fällen. Dem Vernehmen nach kommt der Entscheid bereits im Oktober oder November.

Doch was bisher als Entweder-oder-Entscheid aussah, ist nun offenbar zur Verhandlungssache geworden. Auf Anfrage bestätigt BKW-Verwaltungsratspräsident Urs Gasche, dass man einen dritten Weg ins Spiel bringen will: «Der Betrieb des KKW Mühleberg bis 2019 ist eine Option, die zu prüfen ist. Die BKW würde den Teil der Nachrüstungen umsetzen, die das Ensi für eine kurz begrenzte Laufzeit fordert.» Der Sprecher des Ensi, Anton Treier, bestätigt auf Anfrage: «Die BKW ist mit uns im Gespräch wegen verschiedener Laufzeitszenarien. Unsere Fachleute prüfen das.»

Nationalrat Eric Nussbaumer (SP), ein AKW-Gegner, ist Präsident der zuständigen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie des Nationalrates. Er sagt: «Wenn man mir einen konkreten Vorschlag bringt, der den Abschalttermin vertraglich regelt, kann man mit mir über vieles verhandeln.» Er würde allerdings einen früheren Termin begrüssen und lockt mit Geld: «Man könnte über eine Entschädigung verhandeln, wenn eine vorzeitige Abschaltung erfolgt.» Das wäre dann ein Tabubruch, der politisch bisher nicht vorgesehen war. Marianne Zünd, Kommunikationschefin im Bundesamt für Energie BFE sagt: «Solange es um eine Abschaltung aus Sicherheitsüberlegungen geht, stellt sich die Frage der Entschädigung nicht.» Allerdings, so Zünd weiter: «Im Parlament werden Szenarien gewälzt, wie eine Abschaltung der AKW gestaltet werden kann.» Ein Vorschlag kam gestern im Ständerat durch, der der BKW den Ausstieg aus Mühleberg erleichtern könnte. Wird ein AKW endgültig vom Netz genommen, bevor es 50 Betriebsjahre auf dem Buckel hat, können die Betreiber die verbleibenden Einzahlungen in den Stilllegungsfonds gestaffelt tätigen – bisher hätte die Einzahlung auf einen Schlag erfolgen müssen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.09.2013, 06:46 Uhr)

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