Ältere Fachkräfte sind wieder gesucht

Peter Möschler ist 66 Jahre alt und arbeitet. Geht es nach Swissmem, soll sein Beispiel Schule machen.

Der 66-jährige Peter Möschler berät in der Produktion von Feintool in Lyss einen jüngeren Kollegen.

Der 66-jährige Peter Möschler berät in der Produktion von Feintool in Lyss einen jüngeren Kollegen. Bild: Beat Mathys

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Zwei Tage in der Woche setzt sich Peter Möschler im Industrieunternehmen Feintool in Lyss mit jüngeren Kollegen zusammen und begleitet sie beim Umsetzen neuer Projekte. Er hat ein Beratermandat. «Die Wertschätzung tut gut», sagt der ehemalige Produktionsleiter. Schon länger vor der Pensionierung habe ihn das Feintool-Management angefragt, ob er nicht weiterarbeiten wolle. «Bei den über 50-Jährigen gibt es so viel Wissen, Erfahrung und Engagement, aber es braucht auch Unternehmen, die an sie glauben», findet Möschler.

Wer Job verliert, hats schwer

Es ist immer noch selten, dass jemand über die Pensionierung hinaus arbeitet. Das Problem beginnt meist früher: Frauen und Männer über fünfzig, die ihre Stelle verlieren, haben es schwer, eine neue zu finden. Gemäss einer Studie des Amts für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich sind sie je nach konjunktureller Situation und Saison zwischen 200 und 300 Tage arbeitslos. Bei den Jüngeren sind es nur 130 bis 200 Tage. Der Kanton Aargau macht zurzeit mit Plakaten auf das brachliegende Potenzial aufmerksam. «Qualifikation zählt, nicht das Alter», lautet der Slogan.

Hoffnung auf Generation 50+

Dass es solche Kampagnen braucht, ist im Grunde erstaunlich. Denn der demografische Wandel birgt offensichtlich eine Zeitbombe. Im Jahr 2030 werden in der Schweiz nach Prognosen des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien Bass über 400'000 Arbeitskräfte fehlen.

Es brauchte den 9.Februar, damit die Problematik auf breiter Ebene bewusst wurde. Mit dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative können Unternehmen die Lücken nicht mehr so leicht mit ausländischen Talenten füllen. Der Weckruf ist auch bei Swissmem, dem Verband der Maschinen-, Metall- und Elektroindustrie, angekommen. Er hat Ende August eine «Fachkräftestrategie» vorgelegt. «Wir müssen das inländische Arbeitskräftepotenzial noch besser nutzen», betonte Swissmem-Präsident Hans Hess. Seine Hoffnungen setzt er unter anderem darin, ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter länger im Arbeitsprozess zu halten.

Höhere Kosten ein Hindernis

Der Autozulieferer Feintool, der in der Schweiz 380 Personen beschäftigt, zeigt erste Ansätze, wie das funktionieren könnte. Die Firma setzt beispielsweise seit Jahren erfahrene, ehemalige Mitarbeiter als Berater ein. «Dieses System ist bei uns gut verankert», sagt Personalchef Dominik Lütolf. Die Lösungen seien immer sehr individuell und von den gegenseitigen Einstellungen beeinflusst.

Auch bei der Besetzung von offenen Stellen hätten ältere Kandidaten intakte Chancen, meint Dominik Lütolf und gibt gleich ein Beispiel: Vor einigen Jahren habe man bewusst einen 55-Jährigen einem jüngeren Kandidaten vorgezogen. «Er hatte mehr Erfahrung und passte besser für die Position.» In solchen Fällen sei man auch bereit, den höheren Lohn in Kauf zu nehmen.

Die höheren Kosten werden häufig als Argument gegen Neueinstellungen von Älteren angeführt. Ruth Derrer Balladore vom Schweizerischen Arbeitgeberverband schlägt deshalb vor, dass der Arbeitgeber den Betrag, den er für einen über 50-Jährigen zusätzlich in die Pensionskasse einzahlen muss, einfach vom direkt ausbezahlten Lohn abzieht: «Man kann dem Arbeitnehmer ja gut erklären, dass sich sein Lohn zusammensetzt aus dem, was er als Bruttolohn ausgewiesen erhält, und den Beiträgen des Arbeitgebers an die Pensionskasse.» Bei der Gewerkschaft Travailsuisse kommt der Vorschlag allerdings gar nicht gut an. Es könne nicht sein, dass bisherige Angestellte das volle Paket erhielten, aber neue Mitarbeiter nicht, heisst es auf Anfrage.

Viele Ältere sind jung geblieben

Doch nicht nur die Löhne schrecken die Firmen teilweise ab, auch Vorurteile spielen eine Rolle. «Die Personalverantwortlichen sind durch die zunehmende Professionalisierung jünger geworden», sagt Ruth Derrer Balladore. «Damit ist auf ihrer Seite die Hemmschwelle gestiegen, ältere Arbeitnehmende vorzuschlagen.» Bei Feintool ist das anders: Interessenten über fünfzig profitieren einerseits davon, dass der Personalverantwortliche mit 46 Jahren auch nicht mehr ganz unerfahren ist, anderseits achtet Lütolf darauf, dass in einem Team die Altersdurchmischung stimmt.

Weitere Vorbehalte gegenüber älteren Arbeitskräften gibt es, weil sie als tendenziell unflexibel und undynamisch gelten. «Nicht jeder Posten verlangt die gleiche Dynamik», kontert Lütolf. Und: «Es gibt 20-Jährige, die verhalten sich wie 50-Jährige, und 50-Jährige, die wie 20-Jährige sind.»

Die Schwierigkeit besteht darin, die einen von den anderen zu unterscheiden. Will man dem Fachkräftemangel entgegenwirken, ist es diesen Effort aber wohl wert.

(Berner Zeitung)

(Erstellt: 18.09.2014, 12:10 Uhr)

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Pläne des Bundes

Noch diesen Monat will Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann dem Bundesrat darlegen, wie dem Fachkräftemangel vorzubeugen sei. Bereits im Frühjahr hat er mit der sogenannten Fachkräfteinitiative die vier Stossrichtungen definiert. Neben der stärkeren Integration von Frauen in den Berufsmarkt, einer verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf und einer Stärkung der höheren Berufsbildung legt er einen weiteren Schwerpunkt auf die Beschäftigung von älteren Arbeitnehmern. Sie sollen gar nicht erst aus dem Arbeitsmarkt herausfallen und, wenn doch, besser als heute zurück ins Erwerbsleben finden.

Zu diesem Zweck erwägt er Zuschüsse für die Arbeitgeber während der Einarbeitungszeit oder auch eine andere Staffelung der Beitragssätze in der beruflichen Vorsorge (Pensionskassen).

Doch auch die Erwerbstätigen selber sollen animiert werden, über 65 hinaus zu arbeiten, zum Beispiel, indem sie länger in die Vorsorgeeinrichtungen einzahlen oder sich dank Teilrenten schrittweise pensionieren lassen können. Diese Elemente will der Bundesrat mit der grossen Reform von AHV und 2. Säule umsetzen, deren Eckwerte er im Juni bereits definiert hat. Wer nun aber meint, um die älteren Personen länger im Arbeitsmarkt zu halten, wolle der Bundesrat das AHV-Rentenalter über 65 Jahre hinaus erhöhen, sieht sich getäuscht. Er schlägt einzig die Erhöhung des Frauenrentenalters von 64 auf 65 vor. Weiter will er nicht gehen, weil der Arbeitsmarkt nicht genügend Stellen biete. Die Wirtschaftsverbände, SVP und FDP drängen aber auf eine generelle und stufenweise Erhöhung des Rentenalters auf voraussichtlich 67 Jahre.

Dass sich die Politik um die Fachkräfte sorgt, lag ursprünglich vor allem an der Alterung der Gesellschaft. Bis in 15 Jahren sollen gemäss Arbeitgeberverband bereits 400'000 Arbeitskräfte fehlen. Zusätzlich verschärft hat sich die Situation durch die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative. Bund und Verbände wollen die Wirtschaft, die sich wegen der Personenfreizügigkeit lange nicht um das Potenzial an älteren Arbeitnehmern kümmerte, für das Thema sensibilisieren. Der Bundesrat stellt in einer Bestandesaufnahme aber ebenfalls fest, dass in der Schweiz ältere Menschen im internationalen Vergleich bereits gut in den Arbeitsmarkt integriert sind.cab/fab

Der Wiedereinstieg ist für ältere Arbeitslose oft schwierig

Werner Meister* ist heute 63-jährig – und er freut sich auf seine Pensionierung. Eigentlich könnte er sich durchaus vorstellen, länger zu arbeiten, aber nicht so. Als ihn diese Zeitung vor rund zwei Jahren porträtierte, atmete Meister gerade auf: Eine lange Phase von Arbeitslosigkeit ging zu Ende. Endlich hatte er wieder einen Job. Bei der Sicherheitsfirma, die ihn damals einstellte, ist er noch heute. Die Arbeit ist ziemlich streng. «Letzte Woche habe ich über 77 Stunden gearbeitet», sagt er.
Meister hat seit seiner Einstellung im Juni 2012 noch nie gefehlt. Das Personal sei notorisch knapp, erzählt er. Ob der 63-Jährige die mittlerweile angehäufte Überzeit kompensieren kann oder vielleicht dereinst ausbezahlt erhält, weiss er noch nicht. Angesichts des stressigen Alltags kann Meister gar nicht mit Klarheit sagen, ob es ihm nun besser geht als in der ebenfalls aufreibenden Zeit der Arbeitslosigkeit.
Wegen Umstrukturierungen verlor er im Jahr 2008 bei seinem langjährigen Arbeitgeber SBB seinen Job. Danach erhielt er noch eine vorübergehende Beschäftigung bei einer Privatbahn. Zwischen 2010 und 2012 fand der kaufmännische Angestellte mit zahlreichen Weiterbildungen trotz hoher Bereitschaft und seiner à jour gehaltenen Qualifikationen keinen Job mehr.
Darum begrüsst Meister es auch, dass das Thema von Arbeitskräften im Alter 50+ heute breiter diskutiert wird. Allerdings glaubt er nicht, dass es der Wirtschaft ernst ist in ihrem Bestreben, ältere Arbeitnehmer zu behalten und sich um deren Belange besser zu kümmern oder sie gar neu einzustellen: «Das sind Lippenbekenntnisse. Man redet die Situation schön», sagt er. Meister schrieb in seinen zwei Jahren als Arbeitsloser 552 Bewerbungen, eine demütigende Erfahrung.cab
* Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

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