Wirtschaft
Anhaltende Anspannung
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 23.06.2010
Die Ängste um die europäischen Banken reissen nicht ab. Erneut Öl ins Feuer gegossen hat mit Christian Noyer am Montag ein Mitglied des obersten Führungszirkels der Europäischen Zentralbank EZB. Noyer, der auch der «Banque de France» vorsteht, sagte wörtlich: «Die Finanzierungsprobleme einiger Banken nehmen zu.» Seither haben die europäischen Banken an den Börsen – gemäss dem europäischen Stoxx-Bankenindex – rund 4 Prozent verloren, selbst wenn man berücksichtigt, dass die Titel sich heute Morgen wieder leicht erholt haben.
Seit die Europäische Zentralbank letzte Woche ihren jüngsten Monatsbericht veröffentlicht hat, werden Äusserungen wie die jüngsten von Noyer besonders aufmerksam wahrgenommen. Das europäische Bankensystem ist laut diesem Bericht vor Kurzem nur knapp an einem Kollaps vorbeigeschrammt. Die EZB, ansonsten eher bekannt für zurückhaltende Worte, äusserste sich in drastischen Worten zur Lage, in der sich die europäischen Banken im Mai befunden haben. Die Anspannung auf den Finanzmärkten sei vergleichbar gewesen mit jener nach dem Bankrott der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008: «Die Wahrscheinlichkeit eines gleichzeitigen Ausfalls von zwei oder mehr grossen und komplexen Bankgruppen – gemessen an den Risikoindikatoren – stieg am 7. Mai stark an und erreichte höhere Werte als nach dem Kollaps von Lehman Brothers», schreibt die EZB wörtlich.
Staatsanleihen als toxische Anlagen
Wie im Herbst 2008 verweigerten die Banken praktisch über Nacht, sich über die Geldmärkte weiter Geld auszuleihen, und auch sonst flüchteten Investoren in die sichersten Anlagen: «Die Funktionstüchtigkeit einiger Segmente der Finanzmärkte wurde ernsthaft beschädigt», schreibt die EZB. Die Banken gerieten in der Folge in arge Liquiditätsnöte. Ursache für die Vertrauenskrise war die Sorge um einen Staatsbankrott von Griechenland und weiterer südeuropäischer Staaten, wie vor allem Portugal und Spanien. Staatsanleihen dieser Länder haben für die europäische Finanzkrise eine ähnliche Bedeutung wie komplex verbriefte Subprimehypotheken in der Finanzkrise der USA. Niemand weiss genau, wer auf welchem Anteil an solchen Papieren sitzt, weshalb das Misstrauen die ganze Finanzbranche erfasst hat.
Die Folgen der Krise waren nur deshalb nicht vergleichbar mit jenen im Hebst 2008, weil die Europäische Zentralbank massiv in die Märkte eingegriffen hat. Seit Mai reagiert sie mit Massnahmen, die ansonsten schlecht zu ihrem konservativen Image passen und die ihr auch jede Menge Kritik eingetragen haben: Sie kauft direkt Staatsanleihen gefährdeter Staaten auf – womit sie indirekt mit Zentralbankgeld diese Länder finanziert – ausserdem akzeptiert sie für ihre Kredite an Banken auch Staatsanleihen mit «Junkstatus», das heisst solche, die als hoch ausfallgefährdet gelten. Ausserdem versorgt die EZB die Banken ausserordentlich grosszügig mit billigem Geld, das diese aber aus Angst in noch nie dagewesenem Ausmass gleich wieder bei ihr parkieren.
Auch der 750-Milliarden-Euro-Rettungsschirm der EU für gefährdete Mitgliedsstaaten wird vor dem Hintergrund der Ängste um die Finanzbranche verständlich. Hier ging es tatsächlich weniger um Griechenland, Portugal oder Spanien, als einmal mehr vor allem um die Rettung der Banken. Weil die Finanzmärkte trotz all dieser Massnahmen nicht zur Ruhe gekommen sind, haben die Europäischen Politiker letzte Woche auch beschlossen, alle grossen Banken sogenannten Stresstests zu unterziehen, die zeigen sollen, dass die Institute fundamental gesund sind. Die Ergebnisse sollen – anders als früher – nicht mehr summarisch, sondern zu jedem einzelnen Institut veröffentlicht werden. Doch selbst das hat noch nicht zu einer echten Beruhigung geführt, wie die Äusserungen von Noyer zu den anhaltenden Finanzierungsproblemen der Banken zeigen.
Schweizer Grossbanken hängen mit drin
Der Krise der europäischen Banken können sich auch die beiden Schweizer Grossbanken nicht entziehen. Das zeigt sich schon am Aktienkurs. Vor allem jener der Credit Suisse (CSGN 19.09 -1.39%) hat seit Mitte April – dem Höchststand im laufenden Jahr – etwa einen Fünftel an Wert verloren, rund denselben Wertverlust zeigt auch der europäische Stoxx-Bankenindex. Mit einem Wertverlust von rund 14 Prozent, kommt die UBS (UBSN 11.15 -0.89%) nur leicht besser weg. Auf ein erhöhtes Ausfallrisiko der beiden Grossbanken deuten ausserdem auch die Prämien von Credit Default Swaps – handelbarer Versicherungen für den Fall eines Bankrotts. Diese Prämien sind in den letzten Monaten im Einklang mit den Banken weltweit deutlich gestiegen und befinden sich aktuell auf einer Höhe wie im Frühjahr 2008, als die US-Investmentbank Bear Stearns gerettet werden musste.
In ihrem jüngsten Stabilitätsbericht zum Schweizer Finanzplatz hat die Schweizerische Nationalbank SNB konkrete Zahlen zu den Risiken der beiden Banken im Zusammenhang mit der Krise um die gefährdeten Eurostaaten veröffentlicht. Danach beläuft sich das direkte Engagement bei den Regierungen Griechenlands, Portugal, Spaniens, Italiens und Irlands auf bloss 11,3 Milliarden Franken. Die grössten Posten stellen Italien mit 5,7 Milliarden Franken und Spanien mit 2,9 Milliarden dar. Diese Summe stellt laut SNB angesichts der vorhandenen Überschussreserven der Banken kein Risiko dar. Etwas anders sieht es allerdings aus, wenn indirekte Risiken wie Ausleihungen an möglicherweise gefährdete Banken und andere private Gläubiger in diesen Ländern betrachtet werden: Dann beläuft sich das Risiko auf 60,3 Milliarden Franken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.06.2010, 14:20 Uhr
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