Auf Aufklärungsmission in der Bankenstadt

Die Universität Zürich verleiht der Bankenökonomin Anat Admati einen Ehrendoktortitel. Das ist auch ein Wink an die Politik: Die Ökonomin fordert, dass sich die Banken mit mehr Eigenkapital absichern.

Anat Admati sei eine Forscherin mit sozialer Relevanz, lobt die Universität Zürich ihre neue Ehrendoktorin. Foto: Giorgia Müller

Anat Admati sei eine Forscherin mit sozialer Relevanz, lobt die Universität Zürich ihre neue Ehrendoktorin. Foto: Giorgia Müller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn Anat Admati anfängt, über Banken zu sprechen, ist sie nicht zu bremsen. Da werden Zeitungsartikel kommentiert, Metaphern umhergeschleudert, Seitenhiebe auf Banker ausgeteilt. Ihrer Kernbotschaft bleibt Admati treu: Nehmt ­Institute wie die UBS oder J. P. Morgan Chase an die Kandare, denn sie bleiben ein volkswirtschaftliches Risiko.

Es spricht für die Universität Zürich, dass sie dieser Forscherin am Samstag einen Ehrendoktortitel verliehen hat. Die Ökonomin aus Stanford ist eine mutige Wissenschaftlerin. Sie fordert eine Eigenkapitaldecke von 20 bis 30 Prozent für Grossbanken, was eine Versechs­fachung im Vergleich zum heutigen Stand bedeutet.

Der Widerstand gegen solche Ideen ist enorm. Als Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf im November laut über eine moderatere Erhöhung auf 6 bis 10 Prozent nachdachte, provozierte dies einen Aufschrei. CS-Präsident Urs Rohner meinte, dafür gebe es «überhaupt keinen Anlass». Sergio Ermotti sprach von einer «unrealistisch hohen Forderung»: Man habe wohl eine «überkritische Sicht importiert», so der UBS-Chef.

Mehr Aufklärerin als Forscherin

Admati ist solche Missbilligungen inzwischen gewohnt. «Des Bankers neue Kleider» heisst ihr Bestseller, den sie 2013 mit dem deutschen Ökonomen Martin Hellwig verfasst hat. «Was bei Banken wirklich schiefläuft und was sich ändern muss.» Der Text ist eine Abrechnung mit all den Halbwahrheiten, Mythen und Verschleierungen, welche die Finanzindustrie zu ihrem eigenen Nutzen gerne verbreitet. Mit der Publikation hat sich Admati an die Spitze der Kritikbewegung gegen die hohen Risiken im Finanzsystem geschwungen.

Die 57-Jährige will die Menschen wachrütteln, wie sie sagt. «Es gibt Unsinn, den kann man einfach nicht widerspruchslos hinnehmen», sagt Admati im Gespräch mit dem TA.

Ihr Insistieren blieb nicht unbemerkt. Das «Time Magazine» führt sie seit letzter Woche in der Liste der hundert einflussreichsten Personen – in der Rubrik «Pioniere». Admati habe es gewagt, eine wichtige Frage zu stellen, so das Magazin: Warum sollen Banken anders sein als gewöhnliche Unternehmen?

Es ist eine der Lieblingsfragen der gebürtigen Israeli, die mit dem Spieltheoretiker David Kreps verheiratet ist.

Weil keiner ihr nach der Finanzkrise eine überzeugende Antwort geben konnte, grub sich Admati in die Bankenregulierung ein. Ein Schwerpunkt­wechsel: Eigentlich ist die Ökonomin spezialisiert auf die Struktur von Finanzmärkten. Ihre meistzitierten Arbeiten befassen sich mit den täglichen Handelsmustern auf dem Aktienmarkt, mit Offenlegungspflichten für Firmen und mit sinnvollen Entschädigungsformen für Portfoliomanager, damit diese im Interesse des Kunden handeln. Inzwischen sei sie mehr Aufklärerin als Forscherin, räumt die Mutter dreier Kinder ein und lacht. «Die Bankenwelt bleibt für viele Leute ein Mysterium.»

Weil die Finanzindustrie noch immer nicht darlegen könne, warum zusätzliches Eigenkapital eine derart kostspielige Sache sei, lässt Admati nicht locker. Zahllose Interviews und TV-Auftritte hat sie bereits hinter sich, sogar einen offenen Brief an die Grossbank J. P. Morgan hat sie geschrieben. «Ich kam mir manchmal vor wie Alice im Wunderland», beschreibt Admati ihre Erfahrung als Wissenschaftlerin, die sich aus Hörsaal 7F aufs politische Terrain vorwagt.

Admati sei eine Forscherin mit sozialer Relevanz, lobt die Uni Zürich. Professoren bezeichnen sie als Idealfall. Ihre Ehrung markiert Distanz zum Bankenplatz: zur UBS, die ein eigenes Kompetenzzentrum sponsert, und zum Swiss Finance Institute, das von den Banken finanziell unterstützt wird. Regulierungsfragen werden dort mehr als zurückhaltend behandelt, wie ein Forschungspapier dieses Frühjahrs zeigt. «Ungewichtete Kapitalquoten sind völlig ungeeignet, um das «Too big to fail»-Problem zu managen», heisst es darin. Dass solche ungewichteten Quoten ein transparentes und effektives Mittel sind, um die impliziten Subventionen an Grossbanken einzugrenzen und deren Risikofreudigkeit einzudämmen, ist aber just der zentrale Punkt, den Forscher wie Admati und Hellwig in ihrer Arbeit betonen.

Die hiesige politische Diskussion dürfte im Februar 2015 wieder aufflackern. Spätestens dann muss der Bundesrat dem Parlament berichten, ob die 2012 beschlossenen «Too big to fail»-­Gesetze den Ansprüchen genügen. Der aktuelle Fahrplan sieht den Aufbau von Kapital im Umfang von 19 Prozent der risikogewichteten Aktiven und eine ungewichtete Eigenkapitalquote von 4,5 Prozent bis 2019 vor. Ein gewichtiges Wort wird dabei auch die Nationalbank mitsprechen. Ihr Präsident Thomas Jordan wird Admati diese Woche treffen.

Laut der Finanzexpertin muss sich die Schweiz nicht vor strengeren Regeln fürchten. Würden Grossbanken wie die Credit Suisse ihre Aktivität wegen strengerer Kapitalvorschriften in die USA verlegen, so sei dies letztlich nicht schlimm. Dann müssten nämlich die US-Steuerzahler mit dem Risiko leben, das die Bank aus volkswirtschaftlicher Sicht darstellt. Auch wenn dies der Industrie nicht gefällt, existiert in der Wissenschaft mittlerweile ein Konsens für strengere Eigenkapitalrichtlinien. ­Eugene Fama, einer der letztjährigen Nobelpreisträger, hält sogar Quoten von 40 bis 50 Prozent für notwendig.

«Perfektion ist das Ziel»

Der Draht von Zürich zu Admati führt über Kjell Nyborg, einen ehemaligen Doktoranden in Stanford und heutigen Finanzprofessor am Institut für Banking und Finance. Gegen die Nominierung der polarisierenden Ökonomin habe sich niemand gesträubt, sagen mehrere Involvierte. Mit Ehrendoktortiteln hat die hiesige Wirtschaftsfakultät bereits öfter ein glückliches Händchen gehabt. Im Jahr 2000 verlieh sie den Titel an George Akerlof, der die Theorie asymmetrischer Informationen mitbegründete. Ein Jahr später erhielt Akerlof den Wirtschaftsnobelpreis. 1999 ging die Auszeichnung an die Umweltökonomin Elinor Ostrom, sie erhielt den Nobelpreis im Jahr 2009.

Von diesem Kaliber sei Admati nicht, sagt ein Wirtschaftsprofessor, der nicht genannt werden will. Sie habe selbst keine neue Teildisziplin eröffnet. Ihre grosse Leistung sei, dass sie Grundprinzipien der Finanzlehre «mit sehr klarem Kopf» angewandt habe. Die lebhafte Ökonomin würde das Lob wohl schätzen. «Perfektion ist das Ziel», schrieb sie einst in einer E-Mail. Meist reichen Zeit und Platz in den Interviews nicht aus für all die Zusammenhänge, welche die Vieldenkerin aus Stanford ihrem Publikum vermitteln will. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.04.2014, 07:08 Uhr)

Vorlesung

Anat Admati hält am Dienstag, 29. April, um 17 Uhr eine öffentliche Vorlesung über Bankenregulierung im Hauptgebäude der Universität Zürich.

Artikel zum Thema

Tiefe Zinsen verhelfen Coco-Bonds zu starkem Zulauf

Banken greifen vermehrt auf die Papiere zurück, um ihr Kapital zu verstärken. Kritiker befürchten, dass die Investoren die Risiken nur unzureichend erfassen. Mehr...

Die Grossbanken müssen bald wieder Gewinnsteuern zahlen

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise müssen UBS und CS keine Gewinnsteuern bezahlen – zum Leidwesen der Stadt Zürich. Für eine der beiden Banken ist es mit dieser Praxis wohl bald vorbei. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Die neue App von car4you.ch

Jetzt downloaden – für iPhone, iPad und Android

Die Welt in Bildern

Im Zoo von Hefei: Ein Affe badet im Karpfenteich - farblich eine harmonische Angelegenheit. (22. August 2014)
Mehr...