Auf dem Tessiner Finanzplatz liegen die Nerven blank

Die Attacken des italienischen Finanzminister zeigen Wirkung: Seine Landsleute ziehen massiv Schwarzgeld von Tessiner Banken ab. Bankangestellte fürchten um ihren Job.

Seine Einschüchterungstaktik scheint aufzugehen: Italiens Finanzminister Giulio Tremonti.

Seine Einschüchterungstaktik scheint aufzugehen: Italiens Finanzminister Giulio Tremonti.
Bild: Keystone

In Tessiner Bankerkreisen kursieren derzeit wilde Spekulationen über die Gründe für das rabiate Vorgehen der Italiener. So heisst es etwa, dass Italiens Premier Silvio Berlusconi den Steuerstreit nutze, um offene Rechnungen mit dem Tessiner Finanzplatz zu begleichen. «Die Tessiner Banken haben der italienischen Justiz vor ein paar Jahren umfangreiche Informationen geliefert, die den unter Korruptions- und Bestechungsvorwürfen stehenden Berlusconi stark belasteten», heisst es hinter vorgehaltener Hand. Jetzt räche sich Berlusconi.

Das Beispiel zeigt: Auf dem Finanzplatz Tessin liegen die Nerven blank. «So eine Attacke auf die Schweizer Banken habe ich noch nie gesehen», erklärt ein langjähriges Führungsmitglied einer Schweizer Grossbank im Tessin. Die Einschüchterungsmanöver des italienischen Wirtschafts- und Finanzministers Giulio Tremonti zeigen Wirkung: Seine Landsleute beeilen sich jetzt, ihr Geld nach Italien zurückzubringen. Dank des «Scudo fiscale», der dritten italienischen Steueramnestie, kommen sie mit ihren bisher geheim gehaltenen Auslandskonti straflos davon. Insgesamt sollen Italiener in der Schweiz Schwarzgeld in der Höhe von 185 Milliarden Franken vor dem Fiskus versteckt halten.

Kleinkunden ziehen Geld ab, Superreiche bleiben

«Vor allem Kunden mit kleineren Vermögen haben kalte Füsse bekommen und ziehen ihr Geld jetzt ab», so der Banker. Grössere, international vernetzte Kunden dagegen machen von der juristischen Repatriierung Gebrauch. Die dritte Steueramnestie ermöglicht es Italienern, ihre Auslandkonten zu deklarieren und alle steuerrechtlichen Verpflichtungen einer Treuhand-Firma in Italien zu übertragen. So können sie ihr Geld im Ausland belassen, zum Beispiel auf einer Schweizer Bank.

Dabei treibt nicht nur die Furcht vor dem Fiskus die Italiener dazu, Geld von ihren Banken in der Schweiz abzuziehen oder dem Fiskus zu melden. Auch die Kreditknappheit in Italien schadet der Tessiner Finanzbranche. Gerade kleinere Firmen erhalten derzeit kaum Kredite von den italienischen Geldhäusern. «Weil kein Geld verfügbar ist, greifen viele auf ihr Auslandkonto zurück», erklärt der Bankmanager.

Einschüchterungen verfangen bei älteren Italienern

Die Drohungen Tremontis verfangen vor allem bei älteren Italienern, die ihr Vermögen über Jahrzehnte in der Schweiz deponiert habe - und damit ausserordentlich gut fuhren; während in Italien eine Regierung die nächste ablöste, und die Lira stetig an Wert verlor, wussten sie ihr – oft unversteuertes – Geld in der Schweiz in bester Sicherheit. «Deswegen haben die Leute ihr Vermögen im Tessin angelegt - und nicht, um Geldwäscherei zu betreiben», erklärt der Banker.

Heute jedoch ist das Vertrauen in den Finanzplatz geschwunden: «Die Italiener glauben nicht mehr daran, dass die Schweiz das Bankgeheimnis halten kann. Deshalb beteiligen sie sich an der Steueramnestie», sagt der Tessiner Rechtsanwalt Tuto Rossi, der Italiener in finanzrechtlichen Fragen berät. Viele seiner Kunden hätten bis vor Kurzem noch mit grosser Gelassenheit den Bestrebungen der italienischen Behörden zugeschaut. Genauso wie den ersten und den zweiten «Scudo», werde man auch den dritten überstehen, so die vorherrschende Meinung. «Heute aber, nach all den Schlägen Tremontis, haben meine Kunden wirklich Angst», so Rossi.

Frustrierte Bankkundenberater

Längst hat sich die Verunsicherung der Kunden auch auf die Bankangestellten übertragen. Dass hunderte Italiener ihr Geld abziehen, frustriert dem Vernehmen nach die Mitarbeiter der UBS Lugano; viele fürchten um ihren Arbeitsplatz. Kundenberater klagen, sie erhielten widersprüchliche Direktiven von oben, wie sie die Kunden überzeugen sollen, ihr Geld trotz Tremontis Drohungen im Banksafe zu lassen.

Welche längerfristigen Folgen die Attacken des italienischen Staates für den Finanzplatz Tessin haben werden, ist für Finanzexperten schwierig einzuschätzen. Sicher ist: Hält der Vermögensabfluss an, droht der Branche ein Kahlschlag. «Wir gehen davon aus, dass die Tessiner Banken zwischen 20 und 30 Prozent ihrer Kunden verlieren werden. Dies wird zu einem Personalabbau führen», so der Bank-Manager. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 30.10.2009, 08:49 Uhr




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