«Auf dieses Horrorszenario läuft es hinaus»
Ökonom und Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl rechnet im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet mit der Politik der Eurostaaten ab.
Herr Ritschl, was ist die richtige Strategie für Griechenland?
Die kennt offenbar niemand. Es gibt erste Anzeichen für eine Bankenpanik. Wenn sich diese verstärkt, dann ist es die Frage, ob Griechenland überhaupt bis zu den Neuwahlen durchhalten kann. Womöglich sehen wir schon davor die Zahlungseinstellung fast aller Hilfsgelder.
Die Ereignisse überschlagen sich, die Krise galoppiert davon. Wenn wir kurz innehalten könnten, Herr Ritschl, wie konnte es innert weniger Tage so weit kommen?
Man meinte, die griechische Insolvenz durch immer weitere Zahlungen abwenden zu können. Das war aber von vornherein illusionär. Keine Gemeinschaft dieser Welt hat genug Geld, um die Schuldenkrisen in Europa glaubwürdig abzuwenden. Und niemand hat die Macht, die Rosskuren für eine Sanierung der Staatsbudgets bei den Wählern durchzusetzen. Das macht sich jetzt bemerkbar.
Also fehlt das Eingeständnis der Eurostaaten, sich Griechenland in der Eurozone leisten zu wollen?
Man hatte offenbar die Vorstellung, Schuldenstreichungen sind in der Eurozone tabu. Ganz so, als ob der Euro ein zweiter Goldstandard sei, quasi ein Club der Besten. Nur wer Triple A ist, darf dabei sein. Wenn das aber so weitergeht, wird Deutschland der letzte Eurostaat in diesem Club sein.
Was ist also technisch zu tun?
Die Wertberichtigungen in der Eurozone können ja seit der Einführung des Euro nicht mehr über den Wechselkursmechanismus stattfinden. Also muss man sie explizit vornehmen, und zwar in den Büchern, durch Schuldenerlass und Abschreibungen. Am besten wäre es gewesen, das sofort zu tun und die Insolvenz Griechenlands nicht weiter zu verschleppen. Der Euro wird nur dann überleben, wenn er nicht nur Musterknaben vorbehalten ist, sondern auch die Bad Boys zulässt. Das setzt aber voraus, dass der Schuldenerlass schnell und gründlich geschieht und Griechenland nicht weiter subventioniert wird. Das bedeutet natürlich auch, Bankensanierungen in Kauf zu nehmen, und zwar von Paris bis Frankfurt.
Sie meinen also, die Eurostaaten sollen auf ihre Forderungen verzichten und Griechenland jedenfalls in der Eurozone behalten?
Ja. Die Taktik, Griechenland so in die Enge zu treiben, war wohl der grösste Fehler. Wenn die Eurozonenländer die Griechen jetzt vor die Tür setzen, ist das eine Einladung an die internationalen Finanzmärkte, auch auf das Ausscheiden anderer Wackelkandidaten zu spekulieren. Ein Unterschied wäre es, wenn die Griechen von sich aus austreten. Dann ist das allein deren Entscheidung. Prinzipiell müssen Staatsbankrotte im Euroraum möglich sein. Sonst wird der Euro nicht überleben.
Was ist das wahrscheinlichste Szenario der nächsten Tage und Wochen?
Das hängt davon ab, ob die Griechen schon die Wiedereinführung einer eigenen Währung vorbereitet haben. Informierte Frankfurter Kreise verneinen das zwar. Hier in London hört man aber bereits, dass die Banken unter Hochdruck an einer Umstellung ihrer Zahlungssysteme arbeiten. Es ist zu befürchten, dass eingestellten Zahlungen in der Eurozone eine griechische Bankenkrise und schliesslich der ungeordnete Ausstieg aus dem Euro folgen wird. Für Europa wird das nicht schön, für Griechenland wäre das verheerend. Auf dieses Horrorszenario läuft es aber unweigerlich hinaus.
Haben die Eurostaaten noch eine Wahl?
Nein. Das Hilfspaket und alle damit verknüpften Bedingungen wurden vom griechischen Wahlvolk in der Luft zerrissen. Wenn jetzt nicht noch ein Wunder geschieht, ist ein einseitiger Schuldenschnitt unvermeidbar. Das ist hart, aber unausweichlich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Albrecht Ritschl (53) ist Wirtschaftshistoriker an der London School of Economics (LSE).
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