Aufspaltung in der Fair-Trade-Szene

Ende Jahr verlässt Fair Trade USA die Dachorganisation Fair Trade International, zu der auch Max Havelaar Schweiz gehört. Die Amerikaner wollen den fairen Handel aus seiner Nische befreien.

Streitpunkt Fair-Trade-Kaffee: Zwischen Max Havelaar und Fair Trade USA ist ein Disput über die Zertifizierung von Kaffeeplantagen ausgebrochen.

Streitpunkt Fair-Trade-Kaffee: Zwischen Max Havelaar und Fair Trade USA ist ein Disput über die Zertifizierung von Kaffeeplantagen ausgebrochen. Bild: Keystone

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Kaffee ist das Urprodukt des fairen Handels. Die Max-Havelaar-Stiftung zum Beispiel wurde 1992 von Schweizer Hilfswerken gegründet, um die Auswirkungen des Preiszerfalls beim Kaffee auf Kleinbauern abzufedern. «Der Kaffee ist das Herz des fairen Handels», sagt Max-Havelaar-Sprecherin Regula Weber.

Ausgerechnet der Kaffee spaltet nun die Bewegung, die den Bauern für ihre Produkte eine Prämie auf dem Weltpreis garantiert. Fair Trade USA, nach Grossbritannien weltweit die Nummer zwei im fairen Handel, hat auf Ende Jahr den Austritt aus dem internationalen Verband gegeben. Die Amerikaner stossen sich daran, dass die Fair-Trade-Bewegung bei Tee, Bananen oder Rosen grosse Plantagen als Partner zertifiziert, bei Kaffee, Kakao und Zucker aber nur Kleinbauernorganisationen. «In einem Modell, das versucht, die Armut zu bekämpfen (...) ist dieser systematische Ausschluss nicht länger akzeptabel», erklärt die Bewegung auf ihrer Website.

Kleinbauern stärken

Fair Trade International will Kaffee- und Kakaoplantagen nicht grundsätzlich ausschliessen. Es müsse aber sichergestellt sein, dass das Geld bei den richtigen Leuten ankommt, denn Plantagen beschäftigen viele Wanderarbeiter.

Fair Trade USA will ein «gerechteres Modell» und führt nun in einigen Anbaugebieten Machbarkeitsstudien durch. Diese sollen die Standards festlegen, mit denen die Zahl potenzieller Produzenten erhöht werden kann. Ziel ist, die Nachfrage nach Fair-Trade-Kaffee anzukurbeln. «Viele Unternehmen sind interessiert, eine beständige Quelle qualitativ hochwertigen Kaffees zu haben, der gut für die Welt, gut für die Bauern und gut für ihr Geschäft ist.» Mit der neuen Strategie «Fair Trade für alle» will Fair Trade USA den Absatz von 1,3 Milliarden Dollar, der zu 70 Prozent auf Kaffee beruht, bis 2105 verdoppeln.

«Fair-Trade-Bewegung ist von Fundis dominiert»

Dabei will Fair Trade USA verantwortungsvoll vorgehen, um der Bewegung keinen Schaden zuzufügen. Man gehe getrennte Wege, die Mission bleibe aber die gleiche, heisst es in einer Erklärung beider Parteien. Kritiker befürchten dennoch, dass industrielle Produzenten die Kleinbauern um Absatzchancen berauben werden. Über 70 Prozent des Kaffees weltweit wird laut Max-Havelaar-Sprecherin Regula Weber von Kleinbauern angebaut. Daher sei das Ziel von Fair Trade, die selbstständigen Bauern zu stärken. «Fair-Trade-Kaffeebauern müssen heute schon einen Teil der Ernte auf dem konventionellen Markt verkaufen, weil die Nachfrage nach Fair-Trade-Kaffee noch geringer ist als das Angebot», sagt Weber. «Wieso also noch die grossen Plantagen ins Boot holen?»

In der «New York Times» hält Paul Rice, Chef von Fair Trade USA, dem entgegen, die Fair-Trade-Bewegung sei von Fundis dominiert, die sich dem nötigen Wandel widersetzten. «Die Frage lautet doch: Soll der faire Handel klein und rein bleiben, oder wollen wir fairen Handel für alle?» Rice geht es nicht zuletzt um die «Ärmsten der Armen», die auf den Plantagen arbeiteten.

Wer erhält das Geld?

Fair Trade USA geht aber noch weiter und hat bereits eine Aufweichung der strengen Regeln von Fair Trade International angekündigt: Mischprodukte wie etwa Glace sollen bereits ab 10 Prozent Fair-Trade-Anteil bei den Rohstoffen zertifiziert werden können. Die internationalen Standards für Fair Trade legen die Schwelle bei 20 Prozent fest. Zudem müssen alle Rohstoffe, die in Fair-Trade-Qualität erhältlich sind, auch Fair Trade sein. «Sinkt diese Eintrittshürde, droht eine Schwächung des Labels», sagt Max-Havelaar-Sprecherin Weber. Die Glaubwürdigkeit des Labels würde leiden.

Hinter dem Disput stecken aber auch finanzielle Überlegungen: Von den 6,7 Millionen Dollar, die Fair Trade USA 2010 als Lizenzgebühren einnahm, flossen rund 1,3 Millionen an den internationalen Dachverband. Dafür habe man wenig zurückerhalten, sagt Rice. Jedoch erhält Fair Trade USA auch beträchtliche Spenderbeiträge. Laut Kyle Freund von Fair Trade International fliessen die Beiträge der Mitglieder in die Entwicklung der Fair-Trade-Standards sowie die Unterstützung der Produzenten, unter anderem auch bei der Zertifizierung selbst. «Der Austritt von Fair Trade USA wird Auswirkungen auf das globale System haben, aber wir setzen alles daran, dass die Bauern und unsere Geschäftspartner dadurch keine Nachteile erleiden.»

In den USA wird der Labelsalat noch verwirrender, als er schon ist. Denn statt auf das altbekannte Label von Fair Trade USA werden die Konsumenten auf zwei neue treffen: das überarbeitete Fair Trade USA und das international gut eingeführte, aber in den USA unbekannte von Fair Trade International. Der Dachverband will den Riesenmarkt USA nicht aufgeben. Den nach eigenen Angaben grössten Aufkäufer von Fair-Trade-Kaffee weltweit haben die Amerikaner auf ihrer Seite: Green Mountain Coffee Roasters nimmt an einem Pilotprojekt in Brasilien teil, das eine über 200 Hektaren grosse Plantage zertifizieren soll. Auch Starbucks will mit Fair Trade USA kooperieren, die Detailhandelsketten Whole Foods und Wal-Mart sind noch unschlüssig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2011, 07:01 Uhr

Nachhaltigkeitslabels

Verwirrende Vielfalt

Neben den Fair-Trade-Labels buhlen weltweit weitere Nachhaltigkeitslabels um Kunden. Die Rainforest Alliance mit dem grünen Frosch im Logo garantiert, dass eine Vielzahl von Produkten umweltfreundlich sowie sozial und wirtschaftlich nachhaltig erzeugt wird. Nestlé, der weltweit grösste Direkteinkäufer von Kaffee, arbeitet für Nescafé und ­Nespresso zum Beispiel mit der Rainforest Alliance zusammen. Als erster multi­nationaler Konzern aus dem Lebensmittelsektor kooperiert Nestlé zudem mit der US-Nichtregierungsorganisation Fair Labor Association (FLA), um Kinderarbeit in der Produktion von Kakao für den Konzern zu verhindern. Das Nachhaltigkeitslabel Utz Certified beschränkt sich auf Kaffee, Kakao und Tee und ist in der Schweiz vor allem auf Produkten der Migros anzutreffen. (meo)

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