Wirtschaft
Bald wieder Milchpreise wie vor 45 Jahren?
Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 16.06.2009 11 Kommentare
Ende April war Schluss mit der 1977 eingeführten Planwirtschaft mit Milchkontingenten. Seither können die Bauern melken, so viel sie wollen. Entsprechend gross ist das Überangebot. Wobei grosse Molkereien wie Emmi, Cremo und Elsa von Migros schon vor der Schaffung des freien Milchmarkts kräftig mithalfen, indem sie die Milchbauern animierten, immer noch mehr Milch zu produzieren.
Ist zu viel Molkereimilch da, sinkt der Preis. Anfang Juli 2008 stieg der Preis, dank dem Milchstreik, kurz um 6 Rappen. Seither geht es steil abwärts. Heute liegt der Preis für Molkereimilch rund 20 Rappen tiefer als vor einem Jahr. Wurden im Sommer 2007 noch um die 80 Rappen pro Kilo Milch bezahlt, bewegt sich der Preis heute um 60 Rappen. So hatten die Bauern der grössten Produzentenorganisation ZMP im Mai Richtpreise von 62 Rappen pro Kilo für 95 Prozent der Liefermenge – und 22 Rappen für den Rest.
Cola im Laden teurer als Milch
Den Verarbeitern reicht das noch nicht. Sie haben Blut geleckt, und wollen die Abschaffung der Mengenbeschränkungen nutzen, um den Preis noch tiefer zu drücken. Der Milchpreis sei im Schnitt immer noch um 12 Rappen zu hoch, verbreitete ihr Branchenverband VMI Ende Mai. Setzen sich die Molkereien durch, hiesse das, dass die Preise die Marke von 50 Rappen durchbrächen. So wenig bekamen die Bauern letztmals 1964, vor 45 Jahren. Ob der Abschlag wirklich so happig ausfällt, ist schwer abzuschätzen. Klar ist, dass die Verarbeiter im derzeitigen Käufermarkt am längeren Hebel sitzen: «Die Milchindustrie kann die Preise im Moment weitgehend bestimmen», sagt Christoph Grosjean vom Dachverband der Milchproduzenten SMP. Noch wenig betroffen ist der Preis für Käsereimilch.
Ein Liter UHT-Milch kostet bei Coop 1.30 Franken, ein Liter Coca Cola aber über 1.40 Franken, selbst wenn man ein Multipack mit sechs 1,5-Liter-Flaschen kauft. Dass Cola im Laden teurer ist als Milch, verärgert viele Bauern. Da stimme doch etwas nicht, wenn ein «Gebräu mit viel Hahnenwasser, etwas Koffein, Kohlensäure und viel Zucker» mehr gelte, brachte der «Schweizer Bauer» jüngst den Bauernfrust auf den Punkt. Milch sei doch ein «aufwendig produziertes und äusserst wertvolles Lebensmittel.»
Bauern gegeneinander ausgespielt
Von den 25 Franken Stundenlohn einer Putzfrau können Milchbauern nur träumen. Einen Fünfliber verdient ein durchschnittlicher Milchbauer derzeit noch pro Stunde, heisst es beim SMP. 2007 waren es noch 15 Franken. Selbst Grossbauern verdienten nicht viel mehr. Deren Mehrverdienst werde von den Zinsen und der Amortisation für die oft siebenstelligen Investitionen weggefressen.
Die Bauern sind teils an ihrer tristen Lage selbst schuld, weil sie sich gegeneinander ausspielen lassen. Die Schaffung des vom SMP propagierten Milchpools, der die Milchmenge beschränken und die Preise stützen wollte, haben ihre Vertreter hintertrieben. Desgleichen durchkreuzten Bauernfunktionäre die Fusion von ZMP und Nordostmilch.
Stattdessen weiten einzelne regionale Produzentenorganisationen die Milchmenge aus, aus Angst, sie könnten sonst noch mehr expansionswillige Grossbauern an die Konkurrenz verlieren. So spannte die Milchpulverfirma Hochdorf jüngst dem ZMP 60 Grossbauern mit höheren Preisen aus. So lange die Menge zunimmt, hält der Preiszerfall jedoch an.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.06.2009, 22:55 Uhr
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11 Kommentare
Es kommt wie kommen muss. Die Bauern werden so gemolken wie die Arbeitslosen. Eines Tages stehen alle in Bern vor dem Bundeshaus. Das Militär und die Polizei werden dann gegen das eigene Volk eingesetzt um die Reichen und das Parlament zu schützen, damit diese ihre Handwerke weiter betreiben können unter dem Staatsschutz. Im dritten Reich gab es das doch auch schon und in China. Wo ist da die UNO? Antworten
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