Banken so löchrig wie Emmentaler

Das Datenleck bei der UBS ist gravierender als zunächst angenommen. Die Bundesanwaltschaft ermittelt, derweil die deutschen Medien die Schwarzgeldstiftung des Frankfurter «Bierkönigs» anprangern.

Verdacht auf Datendiebstahl: UBS-Kundendaten haben in ganz Deutschland zu Razzien geführt. (13. November 2012)

Verdacht auf Datendiebstahl: UBS-Kundendaten haben in ganz Deutschland zu Razzien geführt. (13. November 2012) Bild: Keystone

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Inzwischen liegen neue Erkenntnisse über die Herkunft der Kundendaten vor, die in ganz Deutschland zu Razzien der Steuerfahndung geführt haben. Ursprünglich waren die Anwälte der Betroffenen davon ausgegangen, dass die Informationen bei einem Treuhänder abhandengekommen sind. Die UBS (UBSN 16.33 -0.79%) liess die liechtensteinischen Stiftungen, die in den Augen der Steuerfahnder verdächtig sind, jeweils von solchen Partnern verwalten. Wie sich jetzt zeigt, verfügen die deutschen Behörden über Daten aus verschiedenen Treuhandgesellschaften. Dies deutet darauf hin, dass das Leck bei der Bank selber ist.

Wie ein Steueranwalt, der bei einer Razzia dabei war, dem «Tages-Anzeiger» berichtet, wissen die Steuerfahnder alles: Sie kennen die Namen der Stiftungen, die Höhe der investierten Gelder und die Identität der wirtschaftlich Berechtigten. Und sie haben auch die Namen der Treuhänder, die die Stiftungen verwalten. Offenbar ist nicht nur ein Treuhänder betroffen, sondern mehrere. Das nährt den Verdacht, dass die Daten aus der UBS selber stammen müssen, konkret von der UBS in Zürich. UBS-Sprecher Dominique Gerster spricht inzwischen denn auch von Indizien, dass die UBS Opfer eines Datendiebstahls geworden sei. Wie der genau vonstattenging, weiss man bei der UBS noch nicht. Gerster: «Ich kann Ihnen sagen, dass die internen Untersuchungen, die seit Monaten laufen, weitergeführt werden.»

Bildschirm abfotografiert

In der «Financial Times Deutschland» findet sich eine mögliche Erklärung. Demnach hat der Datendieb das IT-Sicherheitssystem der Bank, welches das Kopieren oder Ausdrucken von Daten automatisch meldet und ein Absaugen mit einem Datenstick oder einer CD verunmöglicht, mit einem einfachen Trick überlistet: Er hat schlicht und ergreifend den Bildschirm abfotografiert und die Fotos später am Computer zu Hause zusammengestellt. Nicht immer erfolgreich: Die Fahnder waren wochenlang damit beschäftigt, die Bilder auseinanderzuschneiden und neu zusammenzusetzen, ehe sie die eigentlichen Ermittlungen aufnehmen konnten.

Was den Kontakt mit den Steuerbehörden angeht, hat der Datendieb aus früheren Fällen gelernt. Der UBS-Mitarbeiter sei selbst nie in Erscheinung getreten, berichtet die «Financial Times Deutschland». Der Kontakt zu den deutschen Behörden sei über einen Anwalt hergestellt worden. Somit blieb die Anonymität des Bankmitarbeiters gewährt. Das Geld für die Daten wurde auf ein deutsches Konto einer deutschen Bank überwiesen, um keine Spur zum Täter zu legen. Vor rund zwei Jahren war ein Datendieb bei der Credit Suisse aufgeflogen, weil eine internationale Überweisung zu einem Geldwäschereiverdacht geführt hatte.

Geld im Ausland zu parkieren war normal

In Deutschland werden die Erfolge der Steuerfahnder in den Medien ausgeschlachtet. Auch gestern hat es Hausdurchsuchungen gegeben. Federführend ist die Steuerfahndung Wuppertal, die berüchtigt ist für ihre harte Gangart gegenüber Besitzern von Schwarzgeldkonten in der Schweiz.

Die Beamten nahmen «Bild»-Journalisten zu den Razzien mit, um die mutmasslichen Steuerbetrüger umgehend an den Pranger zu stellen. So etwa den Modeunternehmer Albert Eickhoff, welcher der «Bild»-Zeitung ein Interview gab. Laut ihm gehörte es früher in Deutschland zum guten Ton, Geld im Ausland zu parkieren. In letzter Zeit hatte Eickhoff zwar ein schlechtes Gefühl, eine Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung erstattete er aber nicht. Eickhoff: «Da war ich zu doof.»

Überweisungen an Topbeamten

Daneben laufen weitere Ermittlungsverfahren gegen mutmassliche Steuerhinterzieher, die ihr Konto bei der Credit Suisse hatten. So etwa gegen Meharit Schubert, die 30-jährige Witwe des kürzlich verstorbenen Frankfurter «Bierkönigs» und Ehrenbürgers Bruno H. Schubert. 126 Fahnder durchsuchten vergangene Woche 14 Häuser im Grossraum Frankfurt. Dabei stellten sie einen Computer Schuberts sicher, auf dem sich Aufzeichnungen über Gespräche mit dem Finanzberater in Zürich fanden und Belege für Banküberweisungen an Hermann Clemm, bis 2002 der oberste Finanzbeamte des Bundeslandes Hessen. Schuberts angebliche Schwarzgeldstiftung in Liechtenstein überwies Clemm von 1999 bis 2009 monatlich 2500 Euro – auf die CS in Vaduz. Der Beleg findet sich auf der Website bild.de.

Die liechtensteinische Stiftung ihrerseits legt Wert darauf, dass es sich um eine gemeinnützige Stiftung handelt, die vollumfänglich ihren Steuer- und Deklarationspflichten in Liechtenstein und Deutschland nachgekommen ist. Für die Prüfung der deutschen Belange wurde eigens eine deutsche Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft engagiert und entsprechende Erklärungen abgegeben. Hinsicht der Zahlungen an Herrn Clemm hat die deutsche Finanzverwaltung bestätigt, dass die Zahlungen von Herrn Clemm versteuert wurden. Mutmasslich unversteuertes Geld des Bierkönigs sei veruntreut worden.

Die Bundesanwaltschaft in Bern ermittelt inzwischen auf breiter Front, wie es zu den Datenlecks kam. «Es sind verschiedene Abklärungen bezüglich möglicher Datenabflüsse bei diversen Finanzinstituten im Gang», sagt Sprecherin Jeanette Balmer. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.11.2012, 06:05 Uhr)

Der Frankfurter «Bierkönig» Bruno H. Schubert im Jahr 2008. (Bild: Keystone )

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