Bayer schlägt zu

Der deutsche Pharma- und Chemiekonzern übernimmt den US-Saatgutkonzern Monsanto für 66 Milliarden Dollar. Derweil wächst die Kritik an der immer stärkeren Konzentration im Agrochemiesektor.

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Die Beute ist erlegt. Der Chemie- und Pharmakonzern Bayer schluckt den US-Agrochemiekonzern Monsanto. Die Deutschen lassen sich die Übernahme 66 Milliarden Dollar kosten, der grösste Deal dieser Art in diesem Jahr. Wollte Monsanto-Chef Hugh Grant zunächst selbst derjenige sein, der die Zukunft des Agrochemiesektors bestimmt, wird er nun beinahe zur Rolle des Statisten degradiert. Er muss zusehen, wie Monsanto als bisheriger Branchenprimus der deutschen Bayer einverleibt wird. Eine Firma notabene, die im Geschäft mit Pestiziden und Saatgut bislang von Monsanto, aber auch von Syngenta auf die Plätze verwiesen wurde. Bayer macht zurzeit mehr Geld mit dem Verkauf von Medikamenten.

Zähe Verhandlungen: Bayers Kaufangebot für den US-Konzern Monsanto ist die höchste Barofferte aller Zeiten. Bild: Oliver Berg/Keystone

Monsanto versuchte im letzten Jahr, Syngenta zu übernehmen. Die Basler wehrten sich nach Kräften, bis das Management um Hugh Grant frustriert aufgab. Der Übernahmekampf wurde zeitweilig gehässig geführt. Der damalige Syngenta-Chef Mike Mack fragte an die Adresse von Monsanto: «Welchen Teil unseres Neins verstehen die nicht? Wir haben 2011 Nein gesagt, wir haben 2012 Nein gesagt, und jetzt lautet unsere Antwort ebenfalls Nein.» Mack spielte dabei auf die wiederholten Übernahmeversuche durch Monsanto an.

Obwohl sich die Amerikaner zurückzogen, blieb der Druck der Syngenta-Aktionäre gross. Die schleppende Umsatzentwicklung drückte auf den Aktienkurs, die Aussicht auf eine rasche Erholung war ohne Übernahmefantasien gering. Schliesslich willigten die Basler der Übernahme durch Chemchina ein. Der staatlich kontrollierte Konzern lässt sich den Kauf 43 Milliarden Dollar kosten. Monsanto mutierte durch diesen Deal vom Jäger zum Gejagten.

Protest ist programmiert

In US-Händen bleibt damit nur noch einer von drei künftigen Agrochemie-Giganten. Die beiden US-Firmen Dow Chemical und Dupont schoben das Übernahmekarussell an. Die Reaktionen waren bereits bei der Syngenta-Übernahme kritisch. Selbst Präsident ­Obamas Landwirtschaftsminister sprach von «höchster Besorgnis» und unterstellte der Volksrepublik China, die Gentechnologie «nicht unter wissenschaftlichen, sondern politischen Gesichtspunkten» zu beurteilen. China agiere voll von «Widersprüchen und Unvereinbarkeiten». Nun gerät Monsanto in die Hände eines Unternehmens, dessen Heimatland gegenüber dem Einsatz gentechnisch veränderten Saatguts ähnlich kritisch eingestellt ist wie die Schweiz. Der Protest von US-Politikern dürfte dem Fusionsvorhaben gewiss sein.

Gleichzeitig hat die grosse Gentech-Skepsis weder Bayer noch Syngenta aufgehalten, die aus ihrer Sicht «fortschrittliche Technologie» überall dort in grossem Stil anzuwenden, wo sie toleriert wird. So zeigte das Syngenta-Management im letzten Jahr stolz eine Folie, auf der zu erkennen war, dass etwa der ­Anteil von gentechnologisch verändertem Saatgut für Soja, Mais oder Baumwolle in den USA über 90 Prozent liegt und in Brasilien und Argentinien ­irgendwo zwischen zwei Dritteln und 100 Prozent.

Was sagen die Wettbewerbshüter?

Es wird interessant sein, zu sehen, wie die Wettbewerbsbehörden auf den Deal reagieren. Mit der Fusion von Dow Chemical und Dupont und dem nun geformten Gebilde nimmt die Konzentration in gewissen Teilen der Agrochemiebranche enorm hohe Ausmasse an. Bei Saatgut für Mais etwa erreicht der kombinierte Marktanteil der drei Player über 80 Prozent, bei den Unkrautvertilgern 78 Prozent, bei den Pestiziden immerhin 65 Prozent. Die Bayer- und Monsanto-Manager geben sich derweil gelassen. Erste Signale der Wettbewerbshüter seien positiv, sagte Bayer-Chef Werner Baumann an der Telefonkonferenz für Investoren. Allerdings beginne nun erst das eigentliche Verfahren.

Während Bayer die Übernahme als einen «wahrhaft historischen Tag» feiert, zeigen sich Bauern und Umweltschützer kritisch. «Eine Konsolidierung dieser Grössenordnung kann nicht die Norm für die Landwirtschaft sein, noch sollten wir es ihr erlauben, die künftige Wettbewerbslandschaft zu bestimmen», schreibt etwa der US-Bauernverband National Farmers Union. «Der neue Agrochemiegigant häuft eine bislang ungekannte Marktmacht an», sagt derweil Greenpeace-Experte Dirk Zimmermann der Nachrichtenagentur Reuters. Er werde massgeblich mitbestimmen, welches Saatgut und welche Pestizide auf den Markt kämen.

1350 Mitarbeiter in der Schweiz

Ohnehin hat der Saatgutkonzern Monsanto ein denkbar schlechtes Image. Neben seinen gentechnisch veränderten Produkten steht der Konzern auch wegen seiner Geschäftspraktiken in der Kritik. So sind die Amerikaner Entwickler des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Eine Neuzulassung ist in der EU sehr umstritten, zu einem Verbot kam es bislang jedoch nicht.

Der deutsche Konzern wird sich stark verschulden müssen, um die Übernahme zu stemmen. Der Eigenkapital­anteil der Finanzierung soll bei rund 19 Milliarden Dollar liegen und durch eine Kapitalerhöhung und Wandelanleihen finanziert werden. Der Rest wird über Schulden finanziert. Eine Brückenfinanzierung über 57 Milliarden Dollar wurde Bayer bereits von einem Bankenkonsortium garantiert. An diesem ist auch die Credit Suisse beteiligt.

Die beiden Firmen kommen derzeit auf einen Börsenwert von mehr als 120 Milliarden Euro. Die Firma wird pro Jahr über 47 Milliarden Euro umsetzen und rund 120'000 Mitarbeiter beschäftigen. Davon befinden sich knapp 1350 in der Schweiz. Die Hälfte davon arbeitet in Basel, am Hauptsitz der Sparte für rezeptfreie Medikamente. Der Rest verteilt sich auf die Standorte Zürich, Morges VD, Muttenz BL und Zollikofen BE. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2016, 03:53 Uhr

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