Böses Erwachen für Zalando-Kunden

Schuhe und Kleider bestellen und bei Nichtgefallen gratis zurückschicken: So einfach sollten es Zalando-Kunden haben. Nun häufen sich Vorfälle, bei denen sie zu Unrecht von Inkasso-Firmen angegangen werden.

Selbst Bankräuber kreischen wegen der Angebote: Ausschnitt aus einem Zalando-Werbespot.

Selbst Bankräuber kreischen wegen der Angebote: Ausschnitt aus einem Zalando-Werbespot. Bild: Youtube

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit vollmundigen Werbeversprechen geht der deutsche Internetversandhändler Zalando seit Oktober 2011 in der Schweiz auf Kundenfang: Markenkleider, Schuhe und Accessoires zu günstigen Preisen, innert kürzester Zeit ohne Versandkosten nach Hause geliefert. Gefällt die bestellte Ware nicht, kann sie innert 30 Tagen kostenlos zurückgeschickt werden. So lautet das Angebot.

Ganz anderes erlebten aber zwei Zürcherinnen. M. Z.* schickte zwei Tage nach Erhalt von vier Paar Schuhen, zwei davon zurück und bezahlte die restlichen. Kurze Zeit später erhielt sie eine erste Mahnung, auf welche sie sogleich reagierte, indem sie Zalando über die Rücksendung informierte. Trotzdem erhielt sie weitere Mahnungen. Schliesslich schickte sie die Bestätigung der Post ein, welche die Rücksendung belegte.

Umgang mit Kunden: «Eine Frechheit»

Die Mahnungen hörten nun vermeintlich auf. Monate später aber, hatte sie plötzlich eine Zahlungsaufforderung der Infoscore Inkasso AG im Briefkasten. Zur eigentlichen Rechnung von 43 Franken kamen über 70 Franken hinzu, welche mit «Bonitätsprüfkosten» und «Verzugsschaden» begründet wurden. Zudem stand im Schreiben, dass «alle Daten über diesen Inkassovorgang an die Wirtschaftsauskunftei Deltavista AG weitergeleitet werden». M. Z. stand nun also in einer Art privatem Betreibungsregister.

Gleiches passierte einer zweiten Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leserin. Auch sie hatte einen Teil der bestellten Ware fristgerecht zurückgeschickt und war schliesslich von der gleichen Inkassofirma angegangen worden. «Wie Zalando mit Kunden umgeht, ist eine Frechheit», erklärt M. Z. Sie hatte nicht nur zusätzlichen Aufwand mit einem Inkassobüro, sondern musste sich auch noch darum kümmern, aus dem Register der Deltavista AG gestrichen zu werden. «Obwohl ich alles richtig gemacht und nie zuvor in meinem Leben eine Mahnung erhalten habe.» Für M. Z. und die andere Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Leserin ist klar: «Bei Zalando bestellen wir nichts mehr.»

Inkassofirmen haben «langen Atem»

Laut Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, besteht bei Internetportalen die Gefahr, dass es zu Komplikationen bei der Rechnungsstellung kommt. Oft würden zudem Inkassofirmen mit dem Mahnwesen betraut: «Einige von ihnen gehen sehr einschüchternd vor und haben meist einen sehr langen Atem.» So könne es sein, dass über Monate hinweg die immergleichen Forderungen gestellt würden, mit immer härteren Drohungen oder höheren Mahngebühren.

Stalder rät betroffenen Kunden, sich direkt nach Erhalt einer ersten Mahnung mit einem eingeschriebenen Brief an die Inkassofirma zu wenden. «Legen Sie mit Vorteil eine Kopie des Zahlungsbeleges oder einen Postbeleg über die retournierte Ware bei, erklären Sie schriftlich die Situation und verweisen klar darauf, dass Sie auf weitere Korrespondenz nicht reagieren werden.» Zudem solle man vermerken, dass man eine Kopie des Briefes der Stiftung für Konsumentenschutz zustelle.

Meist folge nach weiteren Mahnschreiben eine Betreibungsandrohung. «Unsere Erfahrung zeigt aber, dass in den letzten Jahren nie eine Betreibung eingereicht wurde.» Falls dies dennoch geschehe, hätte man die Möglichkeit, Rechtsvorschlag zu erheben. «Dann liegt die Beweispflicht beim Inkassobüro. Wenn Sie also alles korrekt gemacht haben, kann dieses keine Forderungen mehr geltend machen.»

Registereinträge sind ein Problem

Schwieriger sei es mit den Einträgen in Register, wie jenes der Deltavista AG: «Das ist tatsächlich ein Problem», erklärt Stalder. In Kürze schalte die Stiftung für Konsumentenschutz eine Online-Petition auf, die verlange, dass man Kenntnis hat von solchen Einträgen und dass diese automatisch gelöscht werden, wenn erwiesen ist, dass die Betreibung ungerechtfertigt eingeleitet wurde oder gar kein Zahlungsverzug vorliegt. Aber: «Zurzeit ist es eine höchst mühsame Sache.»

M.Z. konnte den Ärger mit Zalando mit viel Aufwand zum Guten wenden. Die Inkassofirma Infoscore bestätigte ihr schliesslich, dass ihr Fall erledigt sei. Wie ein schlechter Scherz kam es ihr vor, als sie kurze Zeit später abermals eine Mahnung von Zalando in ihrem Mailordner sah. M.Z.s Fazit: «Die haben ihren Laden offenbar nicht im Griff.» Der Internetversandhändler Zalando nahm bis zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung zu den Vorwürfen. Die Inkasso-Firma Infoscore verweist darauf, dass sie gegenüber ihren Auftraggebern eine Schweigepflicht einzuhalten habe. Bei der Wirtschaftauskunftei Deltavista AG war für eine Stellungnahme bisher niemand erreichbar.

*Name der Redaktion bekannt (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.06.2012, 12:30 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

«Wir machen ja nur das Inkasso»

Billag-Präsident Werner Marti über die Proteste der Gewerbler gegen die TV-Gebühren und den richtigen Stil im Umgang mit den Kunden. Mehr...

Die Billag muss jährlich eine Million Mahnungen verschicken

Das Inkasso der SRG-Gebühren ist schon ohne SVP-Boykott harzig – und für die Säumigen teuer. Mehr...

Unangenehme Post aus Ringwil

Wer im Kanton Zürich eine Busse nicht zahlt, dem heftet sich ein Oberländer Team an die Fersen. Die fünf Mitarbeiter drohen mit Gefängnis und treiben so 4,3 Millionen Franken im Jahr ein. Mehr...

Werbung

Neuwagenkonfigurator

car4you.ch: Alle Marken – Jetzt Ihr Wunschauto konfigurieren!

Die Welt in Bildern

Einen Liter Nagellack bitte: Ayanna Williams zeigt in London ihre 58 Zentimeter langen Fingernägel.
(Bild: Kirsty Wigglesworth) Mehr...