Bombardier lässt Swiss warten

Die Swiss hatte ursprünglich noch in diesem Jahr mit neuen Kurzstreckenjets gerechnet. Nun können sie erst im Sommer 2015 geliefert werden – frühestens.

Glaubwürdigkeit leidet: Derzeit absolviert Bombardier Testflüge mit den Prototypen der neuen Flugzeugfamilie CSeries.

Glaubwürdigkeit leidet: Derzeit absolviert Bombardier Testflüge mit den Prototypen der neuen Flugzeugfamilie CSeries. Bild: Ryan Remiorz/Keystone

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Auf den ersten Blick liegen die Vorteile auf der Hand. Die neuen Flieger CSeries des kanadischen Flugzeugbauers Bombardier sollen dereinst die Kurzstreckenflotte der Swiss bilden, die vierstrahligen Avro RJ100 (Jumbolino) gehen in Rente. Und von den Maschinen erwartet Swiss-Chef Harry Hohmeister, dass sie mindestens 20 Prozent weniger Treibstoff verbrauchen. Zudem sind sie in der Wartung günstiger als die veralteten Avros; sehr viel leiser sollen sie auch sein, was der Swiss in der Fluglärmdiskussion ein ­gutes Argument verschafft.

Insgesamt 30 Flieger der Standardversion CS100 (110 bis 125 Sitzplätze) hat die Lufthansa für ihre Tochter bestellt; sie gehört zu den ersten Kunden. Die ersten Exemplare sollten ursprünglich 2013 an die Swiss ausgeliefert werden, die Fluggesellschaft wollte sie ab 2014 einsetzen – auch ab dem Basler EuroAirport, wo die Hoffnungen darauf ruhen, dass mit der Lancierung der CSeries das Engagement der Swiss in Basel wieder ausgebaut wird.

Dieser Termin ist längst geplatzt. Der erste Testflug in Kanada verzögerte sich um viele Monate wegen «Problemen mit Zulieferern», gab Bombardier Mitte 2012 ohne nähere Angabe von Gründen bekannt; der Erstflug mit dem Prototyp FTV1 fand schliesslich Mitte September 2013 statt. Aktuell hält das Management von Bombardier am Auslieferungstermin im Herbst 2014 fest. Doch daran glaubt niemand mehr  – auch nicht die Swiss. «Wir planen die Einführung im 2015, auf dieses Datum wird mit Bombardier intensiv hingearbeitet», sagt Swiss-Sprecherin Sonja Ptassek. Doch auch das wird knapp.

Experten bezweifeln, dass Bombardier diesen Auslieferungstermin halten kann. «Wenn alles gut geht, tippe ich auf Sommer 2015. Es könnte aber auch deutlich länger dauern», sagt der aus-gewiesene Aviatikspezialist Jens Flottau zur BaZ. Probleme und Verzögerungen bei Testverfahren gäbe es immer wieder.

Zeitplan knapp bemessen

Offiziell sagt Bombardier dazu, dass die Zulassung zwölf Monate nach dem Erstflug stattfinden soll; einige Wochen später könnte die erste Maschine aus-geliefert werden. Dieser Zeitplan ist aber knapp bemessen. Zum Vergleich: Airbus braucht beim A350 16 Monate vom Erstflug bis zur ersten Auslieferung. Gegenüber der BaZ will sich Bombardier nicht festlegen: «Auslieferungstermine besprechen wir nur mit unseren Kunden, deshalb kann ich nicht sagen, wann Swiss die erste Maschine erhalten wird», sagt Bombardier-Sprecher Marc Duchesne zur BaZ. Er betont allerdings, dass man auf die Produktivität der Testflüge und nicht auf deren Dauer fokussiere. Zurzeit sei man daran, den Zeitplan nach dem Erstflug des zweiten Proto­typs neu zu berechnen; dieser Flug soll laut Expertenschätzungen noch in diesem Monat stattfinden. Danach, oder laut Duchesne «in den kommenden ­Monaten», will Bombardier aufgrund der Daten aus den Testflügen einen ­neuen Auslieferungstermin, ein Update, gegenüber Swiss kommunizieren.

Ärger auch mit den SBB

Nicht nur als Flugzeugbauer, auch bei der Herstellung von Zügen hat Bombardier mit Verzögerungen zu kämpfen. Die SBB hatten für 2013 schnellere, komfortablere Züge bestellt. Doch diese neuen Zugkompositionen fahren wohl erst 2015. Als Grund gibt Bombardier technische Probleme an. Auftraggeberin SBB erwägt nun, gegenüber Bombardier eine Strafzahlung geltend zu machen, wie die SRF-Sendung «10 vor 10» vergangene Woche berichtete.

Bei der Swiss ist eine solche Strafzahlung noch kein Thema. «Eine komplette Neuentwicklung eines Flugzeuges erfährt bis zur Auslieferung gemäss unserer Erfahrung immer Verzögerung», sagt Ptassek. Bei Swiss sei man flexibel, «da ja unsere Avro weiterhin sicher betrieben werden können».

Entschädigungen bei nicht termingerechter Lieferung sind in der Flugbranche Teil eines jeden Vertrags mit Flugzeuglieferanten; Boeing und Airbus haben zuletzt hohe Kompensationen für die Verspätungen bei der 787 und der A380 zahlen müssen. Teilweise werden diese Verzögerungen aber auch in Discounts bei der nächsten Bestellung verrechnet.

Kompensationszahlungen sind auch ein Bestandteil des Vertrags zwischen Swiss und Bombardier. Zum Inhalt und den Bedingungen will Ptassek indes keine Auskunft geben. Sie erwähnt aber, dass bei einigen Flugzeugen der Avro RJ100 in nächster Zeit einige grössere Wartungsprogramme anstehen – diese wären nicht nötig gewesen, hätte Bombardier rechtzeitig geliefert, sagt ein Insider. Damit hätte Swiss, die unter der Ägide von Lufthansa wegen eines internen Sparprogramms ganz genau auf ihre Ausgaben schauen muss, Kosten sparen können. «Gewisse Wartungsprogramme wären tatsächlich nicht angefallen», sagt Ptassek dazu. Zu den dadurch entstehenden Kosten will sie nichts sagen.

Hohe Wartungskosten bei Avros

Ein offenes Geheimnis in der Branche ist aber, dass Swiss das Sparprogramm nun sogar verschärfen muss – weil die Avros/Jumbolinos im Unterhalt unerwartet teuer geworden sind. Das Flugzeug ist in die Jahre gekommen (Durchschnittsalter der Swiss-Jumbolinos: 15 Jahre) und gilt mittlerweile als CO₂-Schleuder. Zudem ist der Spritverbrauch der Flotte im Vergleich sehr hoch – auch dies verursacht Kosten, die bei einer pünktlichen Auslieferung der CSeries hätten vermieden werden können. Darüber dürfte sich Swiss-Chef Harry Hohmeister schwarz ärgern. Dass mit der Bestellung der CSeries ein Risiko eingegangen wurde, darf man dem Lufthansa-Management allerdings nicht ankreiden: Die CSeries gilt bei Fluggesellschaften und unter Experten gleichermassen als Topprodukt, die bisherigen Testflüge verliefen einwandfrei.

Eigentlich wollte Bombardier mit CSeries einen ernsthaften Angriff auf das Duopol von Airbus und Boeing im Bereich der Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge starten. Bislang stellten die Kanadier Regionaljets her; mit der CSeries stossen sie nun in die Klasse der 100 bis 149 Plätze umfassenden Maschinen vor. Derzeit bietet Bombardier zwei Standardversionen an: die CS100 mit 110 bis 125 Plätzen, welche die Swiss bestellt hat, und die CS300 mit 135 bis 145 Sitzen. Daneben ist neu auch eine Stretch-Version der CS300 mit bis zu 160 Plätzen geplant.

Die Glaubwürdigkeit von Bombardier hat durch die Verzögerungen aber arg gelitten. Analysten gehen davon aus, dass potenzielle Kunden sich erst einmal zurückhalten, bevor sie sich für den Flieger entscheiden. Im Moment hat Bombardier 202 Festbestellungen in den Büchern. Und dabei dürfte es auch bleiben, solange nicht klar ist, wann die CSeries tatsächlich abheben kann. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 19.12.2013, 09:16 Uhr)

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