Wirtschaft
Die Boni-Frage ist nicht entscheidend
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 11.11.2009
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Wird der CEO der Credit Suisse, Brady Dougan, bald 40 Millionen Franken pro Jahr verdienen? Oder sollten die Spitzensaläre der Top-Banker auf fünf Millionen Franken beschränkt werden? Oder auf sechs Millionen? Oder sieben? Wer setzt diese Lohnobergrenze fest? Wer überwacht sie? Wie werden Zuwiderhandelnde bestraft? Die Frage der Boni für Banker ist verzwickt. Klar, die Millionen, die für angebliche Leistungen eingestrichen werden, sind obszön. Die Tatsache, dass jetzt bereits – kurz nachdem das Bankensystem mit Steuergeldern gerettet werden musste – einzelne Bankmanager wieder zweistellige Millionen-Boni kassieren und auf den Grossbanken Milliarden für diesen Zweck zurückgestellt werden, ist für Normalsterbliche nicht zu begreifen.
Dass die Finanzaufsicht Finma diesen Praktiken nicht endlich einen Riegel vorschiebt, mag deshalb mit guten Gründen als Skandal empfunden werden. Sind die Wächter unseres Finanzsystems vor den Grossbanken und Versicherungen in die Knie gegangen? Sind sie zu feige? Oder zu stark mit dem finanziell-industriellen Komplex der Schweiz verbandelt? Ja, etwa gar korrupt? Die Fragen sind beides: hypothetisch und falsch gestellt. Es bahnt sich nämlich tatsächlich ein Machtkampf zwischen den Grossbanken auf der einen und der Finma und der Schweizerischen Nationalbank auf der anderen Seiten an. Aber dabei geht es nicht um Boni, sondern um die zukünftige Organisation der Banken.
Stromwerke und Stromversorger
«Too Big to Fail», lautet dabei das Zauberwort. Gemeint ist damit die Tatsache, dass einzelne Institute so gross - oder nobler ausgedrückt «systemrelevant» - geworden sind, dass sie auch dann nicht mehr pleitegehen können, wenn sie Mist gebaut haben. Der Steuerzahler ist gezwungen, die Banken zu retten. Diese Erpressung ist möglich, weil heute die Grossbanken sehr unterschiedliche Geschäftsfelder zusammengeführt haben: das normale Kreditgeschäft, das Privatebanking und das Investmentbanking. Vor allem das normale Kreditgeschäft ist seinem Wesen nach vom Investmentbanking völlig verschieden. In den USA war es deshalb bis 1999 durch den Glass–Steagall-Act per Gesetz getrennt.
Prominente Vertreter der Finanzgemeinde fordern, dass diese Trennung wieder eingeführt wird. Einer davon ist Paul Volcker, ehemaliger Präsident der US-Notenbank und weltweit angesehenster Banker überhaupt. Auch der Gouverneur der Bank of England, Marvin King, fordert die Einführung dieser Trennung. Er vergleicht die Geschäftsbanken mit Stromwerken. Sie sind für das Funktionieren der realen Wirtschaft unerlässlich und brauchen deshalb staatlichen Schutz. Die Geschäftsbanken können sich aber wie die Stromversorger mit einstelligen Gewinnmargen zufrieden geben. Die Investmentbanken vergleicht King mit Kasinos. Sie müssen mit den Launen des Marktes leben und sterben. Sind sie aber mit den Geschäftsbanken untrennbar verbunden, können sie Letzteres eben nicht. Deshalb müssen sie wieder voneinander getrennt werden.
«Testamente» für den Krisenfall
In der Schweiz fordert die Nationalbank zwar nicht die Aufteilung der Geschäftsbereiche. Aber ihr designierter Präsident Philipp Hildebrand hat sich mehrfach dafür ausgesprochen, dass die Banken so organisiert werden, dass sie im Notfall leicht aufgetrennt werden können. Die Banken müssen eine Art «Testament» machen, das im Krisenfall zur Anwendung kommt. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dies: Der Investmentteil der Grossbanken geht in den Konkurs, der Geschäftsteil wird verstaatlicht.
Die «Too Big to Fail»-Problematik ist der Elefant im Wohnzimmer der Bankenwelt. Die Art und Weise, wie dieses Problem gelöst werden wird, ist für alles entscheidend. Was die Finma wirklich wert ist, wird sich an dieser Frage entscheiden. Schwenkt sie auf die Linie der Nationalbank ein oder nicht? Wenn ja, wird sich die Boni-Frage automatisch erledigen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.11.2009, 13:26 Uhr
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