Wirtschaft

Lehman-Papiere: CS lässt viele Fragen offen

Von Bruno Schletti. Aktualisiert am 15.10.2008 87 Kommentare

Die Finanzkrise war bereits da, und doch verleitete die Credit Suisse viele Kunden zum Kauf von Lehman-Papieren. 4500 Kunden sollen betroffen sein. Viele heikle Fragen – die Grossbank mag nur wenige beantworten.

Die Privatbank Clariden Leu und ihre Mutter Credit Suisse handeln sich den Zorn ihrer Kunden ein.

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Kundenbetreuung à la Clariden Leu

Die Topadresse für Anleger unter dem Dach der Credit Suisse ist die Privatbank Clariden Leu. Das jedenfalls dachte sich Kunde S. R. Am 4. Oktober nahm er den Depotauszug seiner Bank in Empfang. Und damit indirekt die Botschaft, dass sich ein strukturiertes Lehman-Produkt im Wert von 100'000 Franken in Luft aufgelöst hatte. Persönlich informiert hat ihn seine Bank nicht. Vor Jahresfrist hatte Clariden Leu auf Drängen des Kunden Wertschriften verkauft und – ohne sein Wissen – die ganze Summe in ein einziges Lehman-Produkt investiert. Am 6. Oktober schickte S. R. seiner Bank einen eingeschriebenen Brief. Bis gestern erhielt er nach eigenen Angaben nicht einmal eine Eingangsbestätigung.

Thomas Ackermann, Kommunikationschef, sagt dazu: «Jede Anfrage, die bei uns eingeht, wird beantwortet.» Sei dies nicht erfolgt, hänge das mit der sorgfältigen Abklärung zusammen, die Zeit in Anspruch nehme. Auf der Internetseite verspricht die Bank: «Wir haben den Anspruch, für unsere Kunden durch einen ganzheitlichen und professionellen Beratungsansatz zusätzlichen Wert zu generieren.» (bsi)

Unternehmenssprecher sind nicht immer gesprächig. Beim Thema der strukturierten Lehman-Produkte verlegen sich die Credit-Suisse-Leute lieber aufs Schweigen. Insbesondere die Zahl ihrer Kunden, die heute praktisch wertlose Lehman-Papiere im Depot haben, will die CS nicht herausrücken.

Aus dem Innern der Bank ist dem «Tages-Anzeiger» zugetragen worden, dass 4500 Kunden betroffen seien. Ihre Lehman-Anlagen hätten auf dem Papier insgesamt einen Wert von 700 Millionen Franken. Im Durchschnitt wären das pro Kunde 155'555 Franken. Offiziell will die CS diese Zahlen nicht kommentieren. Zum Vergleich: Die Berner Kantonalbank bezifferte den Gegenwert der Lehman-Papiere in ihren Kundendepots mit 50 Millionen, die Luzerner Kantonalbank mit 80 Millionen.

«Gemeinsam sind wir stark», schreibt die Anleger-Selbsthilfe auf ihrer Internetseite. Bis gestern hat die Gruppe 200 Fälle von Betroffenen gesammelt. Mehr als die Hälfte sind mittels Fragebogen ausgewertet. Ein Ergebnis sticht besonders ins Auge: 2007, besonders in der zweiten Jahreshälfte, hat der Verkauf von Lehman-Produkten durch die CS markant zugenommen. 29 Prozent aller von der Anleger-Selbsthilfe ausgewerteten Fälle fallen in diese Zeitperiode. Die Datengrundlage dieser Erhebung genügt wissenschaftlichen Ansprüchen zwar nicht. Alle neu hinzukommenden Fälle bestätigen aber den bisherigen Befund.

Die CS bestreitet die Zunahme von Lehman-Verkäufen im Jahr 2007: «Die Anzahl der mit Lehman emittierten Produkte ist in der zweiten Jahreshälfte 2007 gegenüber der ersten zurückgegangen.» Bisher hat die CS immer bestritten, Mitherausgeberin der Lehman-Produkte gewesen zu sein.

Wenn die Credit Suisse den Vertrieb von Lehman-Produkten in der zweiten Jahreshälfte 2007 forciert hat, ist das deshalb wichtig, weil zu diesem Zeitpunkt bereits düstere Wolken über den Finanzmärkten hingen. Aus neutraler Perspektive ist das nicht der ideale Moment, um finanzunkundigen Anlegerinnen und Anlegern spekulative Produkte zu verkaufen. Die Auswertung der Anleger-Selbsthilfe zeigt zudem, dass die Initiative zum Kauf immer von der Bank ausging. Ein Vertreter der Gruppe: «Keine einzige Person ging auf die CS zu und sagte, sie wolle ein strukturiertes Produkt kaufen.»

Die Fälle der Anleger-Selbsthilfe und jene, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, zeigen, dass die Lehman-Produkte nicht nur von einzelnen Beratern, sondern auf breiter Front vertrieben wurden. Die Credit Suisse bestreitet aber, Lehman-Produkte offensiver verkauft zu haben als jene von andern Anbietern. «Es gab keinen speziellen Anreiz, verstärkt Lehman-Produkte zu vertreiben.»

Zufall oder nicht – am 1. August 2007 nahm Robert Shafir Einsitz in der Geschäftsleitung der Credit Suisse. 17 Jahre stand der Amerikaner zuvor im Dienst von Lehman Brothers. Die Anleger-Selbsthilfe hegt den Verdacht, dass deshalb der Verkauf von Lehman-Produkten in der zweiten Jahreshälfte 2007 emporgeschnellt ist. Die CS reagiert auf Fragen nach Shafirs Rolle nicht. Sie hält aber fest: «Wir hatten keine besondere Vereinbarung mit Lehman.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2008, 11:10 Uhr

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87 Kommentare

banker bank

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liebe leute, strukturierte produkte haben besonders hohe kommissionen und sind daher interessant für die banken, dass aber eine lehman "belly up" geht, kann niemand voraussehen, banker sind in der regel gierig auf gewinne aber keine hellseher Antworten


Paul Heinrichs

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Auch ich habe 50'000 in Lehman Papiere investiert und wurde 100% über die Risiken informiert - auch das viel besagte Emittentenrisiko. Vor einem Jahr wurde Lehman als sichere Bank mit einem Top Rating versehen, was mich zu einem positiven Investitionsentscheid verleitete. Ich gebe nicht anderen Schuld für meinen Fehlentscheid ! Also hört auch mit den absurden Beschuldigungen. Antworten



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