Wirtschaft
CS-Chef Brady Dougan irritiert selbst an der Wallstreet
Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 03.04.2010
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«Es war eine gute Zeit für die Paranoiden«, sagte Brady Dougan auf die Frage, wie es ihm und der Credit Suisse (CSGN 19.09 -1.39%) gelungen sei, die Finanzkrise relativ unbeschadet zu überstehen. Er bezog sich dabei auf den früheren Intel-Chef Andy Grove und dessen Führungskrise, als er den Chiphersteller wegen Mängeln am Pentium-Prozessor völlig neu aufstellen musste. Grove habe er immer bewundert, so Dougan, und er glaube wie dieser, dass der Erfolg träge mache und Selbstzufriedenheit schliesslich zum Misserfolg führe. «Nur die Paranoiden überleben», so Grove damals. Nur jene Manager schaffen es, die nichts für gesichert akzeptieren und das Geschäftsmodell permanent anpassen.
Seit 20 Jahren bei der CS
Das Verrückte allerdings ist, dass in der Bankenwelt von heute nicht der kreative, unkonventionelle und risikofreudige Unternehmer belohnt wird, sondern der vorsichtige, unsichtbare Manager. Und dass ein Brady Dougan, der seine ganze Karriere in der Finanzindustrie absolviert und schon 20 Jahren für die Credit Suisse tätig ist, allein schon deshalb fürstlich entlöhnt wird, weil er gesunden Menschenverstand bewies. Denn letztlich sind ein Salär von 17,9 Millionen Franken und ein Sonderbonus von 71 Millionen Franken genau das: die Entschädigung für einen Manager, der die Exzesse an Wallstreet nicht mitgemacht hat.
Abgesehen von der mehr als berechtigten Debatte, wie absurd solche Löhne sind, fällt auf: In den USA wurde nicht die Höhe der Boni des geborenen Amerikaners kritisiert, sondern der Vergleich mit dem Branchenleader Goldman Sachs gezogen. Die Bank hatte einen um 40 Prozent höheren Gewinn erzielt als die Credit Suisse, doch musste sich der Chef Lloyd Blankfein mit «nur» 9,6 Millionen Dollar begnügen oder 5 Millionen Dollar nach Steuern, so der Finanzblog des «Wall Street Journal» – «kaum eine Summe, für die es wert ist, arbeiten zu gehen».
Die Irritation darüber, dass für einmal einer der höchstbezahlten Bankenmanager in Europa zu Hause ist, «der Bastion des sozialistischen Denkens» («Wall Street Journal»), hat mit der Person Dougan zu tun. Der 50-Jährige ist der atypische Wallstreet-Banker. Öffentlich tritt er kaum in Erscheinung, er spielt weder Golf, noch trinkt und raucht er. Sein absolutes Lieblingsgetränk ist Coca-Cola. Er nimmt auch nicht am New Yorker Gesellschaftsleben teil. Im persönlichen Gespräch wirkt er etwas abwesend, allgemein, knapp. Unvorstellbar, dass er sich so richtig aufregen oder einen saftigen Fluch loswerden könnte, wie dies von den meisten seiner Kollegen erzählt wird. Dougan taucht auch in keinem Untersuchungsbericht zur Finanzkrise auf, was für sein Risikobewusstsein spricht.
Kostspielige Scheidung
Dougan pendelt regelmässig zwischen Zürich und New York. Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Die Scheidung von seiner Frau kostete ihn über 16 Millionen Dollar, eingeschlossen die Strafzinsen von fast einer Million Dollar, die er schuldete, weil er die zweite Tranche der Trennungssumme zu spät zahlte. Der Richter befand damals, Dougan sei «hoch gebildet und finanziell gewieft», habe also die Zahlung absichtlich verzögert, um noch Zinseinnahmen für sich zu generieren.
Joggen am Zürichsee
Dougan gilt als Schwerstarbeiter und Trainingsbesessener. Sein Bestzeit an einem Marathon steht bei hervorragenden 2 Stunden, 21 Minuten. Etwas vom Schönsten sei, sagt er, in alle Frühe am Zürichsee entlang zu joggen. Weniger bekannt ist, dass er sich an zwei Firmenanlässen verkleidete, wie die britische «Times» berichtet. Sein Auftritt als blonde Ex-Abba-Sängerin Agnetha habe allerdings eher gemischte Reaktionen ausgelöst.
Dougan war vor vier Jahren der jüngste Banker, der es an die Spitze eines globalen Finanzhauses geschafft hatte; er war auch der erste Derivatehändler, der es so weit brachte. Dies deutet auf eine hohe analytische Begabung und Selbstdisziplin hin. Wenn Dougan über seine zweite Heimat spricht, dann lobt er immer wieder den pragmatischen, realitätsnahen, verschwiegenen Charakter der Schweizer. Es ist, als ob er sich selber meine. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.04.2010, 06:53 Uhr
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