Wirtschaft
CS-Präsident war über die Höhe von Brady Dougans Bonus überrascht
Von Stefan Schnyder, Philippe Müller. Aktualisiert am 10.07.2010 9 Kommentare
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Zur Person
Hans-Ulrich Doerig ist ein Urgestein der Credit Suisse: Er wurde 1940 geboren und promovierte an der Universität St.Gallen in Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Nach einer fünfjährigen Tätigkeit bei der Investmentbank J.P. Morgan wechselte er zur Credit Suisse. 1982 wurde er in die Geschäftsleitung der Bank berufen, seit 2003 sitzt er im Verwaltungsrat. Seit April 2009 ist er Präsident des Verwaltungsrats. Er ist verheiratet und wohnt im Kanton Zürich.
Herr Doerig, wie würden Sie im Moment auf einer Zehnerskala das Image der Banker in der Schweiz einschätzen?
Hans-Ulrich Doerig: Natürlich leiden die Grossbanken seit zwei, drei Jahren hier in der Schweiz unter Imageschäden. Schweizer sind gegenüber Grosskonzernen in der Tendenz ohnehin skeptisch eingestellt. In Sachen Boni erhalten wir vom Publikum sicher keine Bestnote. In anderen Gebieten schneiden wir gut bis sehr gut ab. Ich denke da etwa an unseren Beitrag zur Förderung der Jungunternehmer in der Schweiz, wofür wir 100 Millionen Franken einsetzen.
Ein heikles Thema haben Sie eben angesprochen: Den 70-Millionen-Franken-Bonus von Konzernchef Brady Dougan. Wie stark hat dadurch das Image der Credit Suisse Schaden genommen?
Auch hier gilt: Im internationalen Markt haben wir diesbezüglich kein Problem. In der Schweiz aber warf das Thema hohe Wellen. Das sogenannte PIP-Programm, das Sie ansprechen, hatte eine Laufzeit von fünf Jahren. Die Mitarbeiter mussten im Jahr der Zuteilung auf einen Bonus in bar verzichten und erhielten diese für fünf Jahre gesperrten Papiere, deren endgültige Zuteilung an strenge Bedingungen geknüpft war. Das Programm hat uns geholfen, wegen der langen Laufzeit gute Leute an uns zu binden. Wir müssen bei der Lancierung eines Bonusprogramms immer abwägen zwischen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und der nationalen Befindlichkeit.
Der Berner Wirtschaftsprofessor Norbert Thom warf dem Verwaltungsrat vor, die Arbeit nicht gemacht zu haben, wenn es für einzelne Exponenten der Bank möglich ist, so hohe Boni zu kassieren.
Ich muss zugeben: Ja, wir müssen aus dem PIP-Programm die Lehren ziehen und dürfen gewisse Fehler sicher kein zweites Mal machen.
Das heisst, Sie führen in den künftigen Programmen eine Obergrenze ein?
Nein, ich kann nur sagen, wir sind eine lernende Organisation (schmunzelt). Wir sind daran, unsere Entschädigungspro-gramme zu verbessern. Wie diese Änderungen genau ausschauen, werden wir sagen, wenn alles bereit ist.
Waren Sie persönlich überrascht, als Sie erfuhren, wie hoch der Bonus für Brady Dougan ausfällt?
Ja, natürlich. Aber jetzt müssen wir auch einmal ehrlich sein und Herrn Dougan zugestehen, dass er einen Superjob macht.
Das machen andere aber auch.
Klar kann man über das Ausmass streiten. Fakt ist aber auch, dass von weltweit 25 Banken, die wir als Vergleich heranzogen, nur 5 eine ähnlich gute Leistung erzielten. Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass es kein zweites PIP-I-Programm geben wird. Bei PIP II zum Beispiel, das nächstes Jahr ausläuft, werden die Begünstigten gemäss heutigem Stand grosse Teile des damaligen Bonus verlieren.
Die Berner Kantonalbank ist stolz darauf, dass der höchste Lohn maximal 20-mal höher ist als der tiefste. Warum limitiert die Credit Suisse die Löhne nicht, quasi nach Berner Vorbild?
Mit allem Respekt: Wir können uns in diesem Hinblick nicht mit der Berner Kantonalbank vergleichen. Wir sind eine global tätige Unternehmung, die 70 Prozent ihres Gewinns im Ausland erzielt und in einem komplett anderen Wettbewerbsumfeld tätig ist. Wir haben schlicht andere Parameter als die Berner Kantonalbank, und das ist keinesfalls als negatives Urteil gemeint.
Derzeit arbeiten diverse Gremien an Vorschriften für die Banken, die zu gross sind, um vom Staat fallen gelassen zu werden. Vor welcher Regelung haben Sie am meisten Respekt?
Ich sehe nicht das Problem in der einzelnen Regulierung. Es ist die Kumulation der innert kürzester Zeit neu vorgebrachten Regeln, die mir Sorgen macht. Man muss sich bewusst sein: Jede Vorschrift kostet. Es kostet primär die Bank, dann die Kunden und die Kreditnehmer. Entscheidend ist für mich die Frage, ob wir von der Schweiz heraus auch künftig noch wettbewerbsfähig sind. Wichtig ist deshalb, dass die einzelnen Massnahmen aufeinander abgestimmt sind.
Sind sie das?
Das kann ich jetzt noch nicht beurteilen. Die Vorschläge der Expertenkommission liegen noch nicht vor.
Bereits durchgesickert ist aber, dass die neuen Vorschriften verlangen, dass die Credit Suisse ihr Eigenkapital von derzeit etwa 37 Milliarden Franken verdoppeln müsste.
Bevor die Vorschläge der Expertenkommission nicht auf dem Tisch liegen, möchte ich mich nicht zu solchen Spekulationen äussern. Wir sind uns bewusst, dass das Eigenkapital in der Zukunft höher sein wird. Wichtig ist in dieser Diskussion, dass wir in der Schweiz das Eigenkapital massiv erhöht und die Liquidität gestärkt haben. Heute schon müssen die Schweizer Grossbanken die international schärfsten Bestimmungen erfüllen. Das sollte endlich anerkannt werden, bevor wir neue Regeln lancieren. Wenn es zusätzliche Regeln braucht, wird auch entscheidend sein, in welchem Zeitraum wir diese neuen Anforderungen erfüllen müssen.
Ein Vorschlag lautet, dass die Banken Obligationen herausgeben müssen, die ganz oder teilweise in Aktien umgetauscht werden müssen, wenn das Eigenkapital unter eine Schwelle fällt. Was halten Sie davon?
Die Idee von diesen speziellen Obligationen wird in Fachkreisen schon seit längerem diskutiert, und ich finde sie sehr gut. Es ist ein Vorschlag, der mithilft, dass man das Ziel erreicht, das System sicherer zu gestalten und die Obligationäre und Eigentümer der Bank in die Pflicht zu nehmen. Trotz einer gewissen Unsicherheit, wie viel Zins für ein solches Papier bezahlt werden muss, gehe ich davon aus, dass die Zinsen relativ günstig sein werden. Denn die Banken werden auf alle Fälle ihr Eigenkapital vergrössern, was die Wahrscheinlichkeit massiv senkt, dass diese Obligationen in Aktien umgewandelt werden. Entsprechend wird auch die Risikoprämie tiefer ausfallen.
Diskutiert wird auch die Idee, dass die Banken so organisiert werden, dass im Notfall beispielsweise nur die US-Tochterbank untergeht, das Mutterhaus aber weiter funktioniert.
Ich habe Bedenken, dass man eine international tragfähige Lösung findet. Denn es dürfte sehr schwierig – wenn nicht unmöglich – sein, eine international abgestimmte Lösung zu finden. Die juristischen Fragen, die sich stellen, sind viel zu komplex.
In der Pipeline ist ja auch eine Bonussteuer. Das Parlament ist der Ansicht, dass hohe Boni die Bankmanager dazu verleiten, hohe Risiken einzugehen.
Es ist mir bewusst, dass es sich um eine sehr populäre Idee handelt. Aber ich glaube nicht, dass das zusätzliche Steueraufkommen relevant sein wird.
Das Parlament schlägt vor, dass Entschädigungen von über 3 Millionen Franken als Gewinnverteilung gelten, die von der Generalversammlung abgesegnet werden müssen.
Wir haben an unserer Generalversammlung zwei Abstimmungen über die Vergütungen durchgeführt und zweimal die Unterstützung einer grossen Mehrheit der Aktionäre erhalten. Solche Regelungen können einen negativen Effekt haben: Es sind uns Fälle bekannt von ausländischen Firmen, die sich überlegen, in die Schweiz zu ziehen, aber jetzt zögern, weil bezüglich der Boni eine grosse Unsicherheit herrscht. Wir müssen aufpassen, dass wir gute Steuerzahler und unsere Standortvorteile nicht aufs Spiel setzen.
UBS-Präsident Kaspar Villiger hat vor Wochenfrist gesagt, die UBS sei «kein untragbares Risiko» mehr für die Schweiz. Können Sie das auch für die Credit Suisse, die eine Bilanzsumme von 1073 Milliarden hat, sagen?
Entschuldigung: Im Gegenteil. Wir leisten einen grossen Beitrag an die Schweizer Wirtschaft als Kreditgeber und Arbeitgeber. Ein grosser Teil unserer Kredite in der Schweiz wird aus ausländischem Risikokapital finanziert. Und als Ausbildner leisten wir einen entscheidenden Beitrag für den Finanzplatz. Die Credit Suisse war nie ein untragbares Risiko für die Schweiz. Seit der Gründung 1856 brauchte sie nie staatliche Unterstützung. Wir haben uns bereits vor der Krise konservativ refinanziert. Unsere Liquidität war während der Krise immer gut. Und dies wohlgemerkt während der grössten Krise seit hundert Jahren.
Ein aktuelles Risiko ist die Tatsache, dass an der Zahlungsfähigkeit gewisser Euroländer gezweifelt wird.
Wir sind diesbezüglich überschaubaren Risiken ausgesetzt. Unsere Engagements sind proportional zu anderen Aktivitäten. Sie können davon ausgehen, dass dies für die Credit Suisse kein Problem darstellt.
Postfinance zeichnet derzeit keine neuen Anleihen von sechs EU-Ländern, darunter Griechenland und Grossbritannien. Haben Sie auch ein Moratorium verfügt?
Die Verfügung eines solchen Moratoriums wäre ein Fehler. Natürlich muss Griechenland seine Schulden neu strukturieren. Aber die anderen Staaten haben mit einer gewissen Leichtigkeit neue Kredite aufgenommen. Wir würden unsere Aufgabe als globale Bank nicht verantwortungsvoll wahrnehmen, wenn wir für diese Länder die Schalter schliessen würden.
Swissmem-Präsident Johann Schneider-Ammann spricht von Gerüchten, die Banken spekulierten auf einen fallenden Euro.
Wenn das so gesagt wurde, ist es unfair. Dieser Vorwurf stimmt nicht. Wir haben Unternehmenskredite für Dutzende von Milliarden Franken ausstehend. Wir gehen doch nicht hin und schädigen unsere Firmenkunden in der Schweiz und gefährden unsere Kredite.
Die Schweiz ist immer noch im Fokus wegen des Schwarzgeldes, das hier auf Konten lagert. Wie reagiert die Credit Suisse, wenn ein Kunde bei ihr unversteuerte Gelder anlegen will?
Für uns ist das steuerkonforme Privatbankenprinzip schon seit einiger Zeit klare Strategie. Wenn wir den Verdacht haben, es geht um Steuerhinterziehung, kann ich Ihnen versichern, dass wir den Kunden zu einem Steuerberater schicken. Eine abschliessende Sicherheit gibt es aber nicht. Denn wir können und wollen nicht die Aufgabe der Steuerbehörden übernehmen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.07.2010, 10:34 Uhr
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Die Banken sind mir nicht sympatisch, aber dieses Interview finde ich sehr gut. Immerhin gibt Dörig Fehler zu. Das könnte man bei einem Wallstreet-Banker vergessen. Also ich bin stolz auf unsere Schweizer Banken, sie sind immerhin besser drauf als viele andere Institute. Antworten
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