China – jetzt erst recht

Nirgendwo sonst wächst die Zahl der Vermögenden so rasch. Daher hat der chinesische Markt für Schweizer Banken Priorität. Die momentane Verunsicherung der Investoren sehen sie als Chance.

Auf vermögende Chinesen sind die Schweizer Banken besonders aus - posierende Models auf einer Yachtschau im chinesischen Guangzhou.

Auf vermögende Chinesen sind die Schweizer Banken besonders aus - posierende Models auf einer Yachtschau im chinesischen Guangzhou. Bild: Getty Images/Zhong Zhi

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Die UBS lässt sich durch die neuerlichen Turbulenzen an den chinesischen Aktien- und Devisenmärkten nicht beirren. Im Gegenteil: Dies seien eben auch gute Zeiten, um für die Zukunft zu planen, sagte Sergio Ermotti, Konzernchef der Zürcher Grossbank, in einem Interview, das er heute in Shanghai dem Nachrichtensender Bloomberg TV gegeben hat. «Das ist der Grund, weshalb wir nun damit beginnen, unseren strategischen Plan umzusetzen», ergänzte Ermotti. Dieser sieht unter anderem vor, dass die UBS ihren Personalbestand in China in den nächsten fünf Jahren verdoppelt; dazu muss die Bank etwa 600 Mitarbeitende zusätzlich anheuern.

Aus Ermottis Sicht bietet China eine «grossartige Chance», wie das bereits in den letzten 20 Jahren der Fall gewesen sei. Mit seinen Herausforderungen stehe das Riesenreich nicht allein da, meinte der UBS-Chef im Interview. Das laufende Jahr werde denn weltweit ein herausforderndes sein. Gefragt, in welchen Aktivitätsfeldern die UBS in China ihren Personalbestand aufstocken wolle, nannte Ermotti die Bereiche Vermögensverwaltung für private und institutionelle Kunden, Investmentbanking sowie das Geschäft mit Aktien und festverzinslichen Papieren.

Drohende Verschuldungskrise in China?

Ermottis ungebrochen optimistischer Blick auf das Reich der Mitte wird im Kreis seiner Kollegen nicht einhellig geteilt. So verwies der Konzernchef der Deutschen Bank und frühere UBS-Manager John Cryan unlängst auf den «enormen» Wettbewerbsdruck in Fernost bei gleichzeitig beschränkten Möglichkeiten, Gebühreneinnahmen zu generieren. Zugleich haben sich Konkurrenten wie die britischen Institute Barclays und Standard Chartered – die im letzten Jahr wie auch die Deutsche Bank einen Chefwechsel auf oberster Ebene erlebten – dazu entschlossen, ihre Präsenz in China einzuschränken.

Zu einer überwiegend kritischen Lageeinschätzung in der weltweit zweitgrössten Wirtschaft gelangt auch der Chinakenner und UBS-Wirtschaftsberater George Magnus. Wichtige Bestrebungen im Land, die Realwirtschaft und die staatlichen Monopole zu reformieren, seien zum Stillstand gekommen, schrieb Magnus in einem Beitrag für die «Financial Times». Nach wie vor, so Magnus, würden wichtige Branchen unter schwacher Produktivität und chronischer Überkapazität leiden, und die Produzentenpreise seien nun das vierte Jahr in Folge im Sinken begriffen.

Am meisten Sorge bereitet dem Chinaexperten jedoch die ungebrochene Anhäufung von Schulden. Die Verschuldungsdynamik habe sich in den letzten ein bis zwei Jahren noch beschleunigt, und der Schuldenstand ausserhalb des Finanzsektors habe sich seit 2008/09 von 100 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung auf 250 Prozent erhöht. Trotzdem werde dem Problem in China nur unzureichende Aufmerksamkeit zuteil. Und was Magnus ferner irritiert: Obwohl Kredite also mehr als reichlich fliessen, sähen sich viele chinesische Privatfirmen im Lande mit einschneidenden Kreditbedingungen konfrontiert. Ein Indiz dafür, dass die Mittel vorwiegend in bereits hoch verschuldete Bereiche fliessen wie den Immobiliensektor, die staatlichen Unternehmen und die lokalen Regierungsebenen. Setzt man zu dieser fehlgeleiteten Kreditflut noch die massive Kapitalflucht aus China und die Unsicherheiten rund um den schwächelnden Wechselkurs des Yuan hinzu, kommt George Magnus zu einem beunruhigenden Schluss: «Chinas Kreditkrise könnte jetzt noch ein bisschen schneller kommen.»

Hohe Priorität für Credit Suisse und Julius Bär

Dessen ungeachtet, setzen neben UBS auch Credit Suisse und Julius Bär ungebrochen hohe Erwartungen in den chinesischen Markt. «China ist für uns eine sehr wichtige strategische Priorität, und das wird unverändert so bleiben», lässt sich der CS-Chef für «Greater China», Neil Harvey, zitieren. «China ist und bleibt ein sehr wichtiger Wachstumsmarkt für uns, den wir intensiv aus Hongkong und Singapur heraus betreuen», sagte Jan Vonder Mühll, Sprecher von Julius Bär. Schon im Dezember, also vor den jüngsten Kurseinbrüchen an den chinesischen Aktienmärkten, hatte Bär-Chef Boris Collardi in einem Interview mit der «Financial Times» auf die Chance günstiger Übernahmen hingewiesen, weil die meisten Investoren mit Blick auf die dortigen Wirtschaftsaussichten vor solchen Engagements zurückschreckten. «Der Markt in China ist ziemlich gedrückt – eine gute Zeit, um dorthin zu gehen», so Collardi.

Wie die Credit Suisse bei der Bekanntgabe ihrer neuen Strategie im Oktober 2015 darlegte, will sie in der Region Asien-Pazifik den Vorsteuergewinn und die verwalteten Kundenvermögen bis Ende 2018 jeweils verdoppeln; dazu soll China einen gewichtigen Teil beisteuern. Nach Erhebungen der Grossbank leben inzwischen 46 Prozent aller Menschen, die der Mittelklasse angehören, im asiatisch-pazifischen Raum, und mit rund 109 Millionen verfügt China über die zahlenmässig grösste Bevölkerungsgruppe in dieser Einkommensschicht. Die CS richtet ihren Fokus primär auf die «Reichsten der Reichen» (mit Nettovermögen von über 50 Millionen Dollar), bei denen es sich oft um Selbstständige und Unternehmer handelt. Auch dieses Segment wächst weltweit nirgends so stark wie in China.

Julius Bär versucht, über die Beteiligung an chinesischen Finanztechnologieunternehmen stärker im dortigen Markt Fuss zu fassen. Dies deshalb, weil es laut Vonder Mühll noch kein klassisches, umfassendes Private Banking in China gibt. Ende Dezember hat die Vermögensverwaltungsbank den Erwerb einer knapp 5-prozentigen Beteiligung an der in Shanghai ansässigen Jupai Holdings bekannt gegeben. Julius Bär bezeichnet das Unternehmen als einen der erfolgreichsten Akteure in der Vermögensverwaltung für vermögende Privatkunden, wobei Jupai keine eigenen Produkte, sondern solche von nationalen und internationalen Drittfirmen anbietet. Insgesamt beabsichtigt die Zürcher Bank laut Collardi, etwa 100 Millionen Dollar in solche Firmenkäufe und -beteiligungen zu investieren.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.01.2016, 21:25 Uhr)

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