Wirtschaft

«China aufzugeben, heisst, die halbe Welt aufzugeben»

Von Reto Knobel. Aktualisiert am 13.01.2010

Google, die wertvollste Marke der Welt, könnte sich aus dem grössten Markt der Welt, China, zurückzuziehen. Wie realistisch ist diese Drohung?

1/5 Angriffe auf US-Unternehmen hatten ihren Ursprung in China: Googles Hauptquartier in Peking.
Bild: Keystone/Keystone

«China aufzugeben, bedeutet, die halbe Welt aufzugeben»

   

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Blumen für Google

Es kommt nicht oft vor, dass die hohe Politik die Geschäfte des weltgrössten Internetunternehmens kommentiert. Und wenn, dann in der Regel nur, um auf der Welle der Datenschutz-Empörung zu reiten.

Umso mehr erstaunt die Aktion der amerikanischen Aussenministerin Hillary Clinton. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters verlangt Clinton von China eine Erklärung zu dem von Google (GOOG 591.53 -2.01%) erhobenen Vorwurf der Zensur (Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete). Am Dienstag gab der US-Konzern bekannt, sich nicht länger den Zensurforderungen der chinesischen Regierung zu beugen und sich notfalls ganz aus China zurückzuziehen.

Reaktion auf Hackerangriff im Dezember

Warum diese überraschende Reaktion? Wie David Drummond, Chef der Google-Rechtsabteilung, im Firmenblog schreibt, fand Ende 2009 ein massiver Hackerangriff statt, dessen Urheber in China geortet wurden. Diese haben laut Drummond Gmail-Konten chinesischer Menschenrechtsaktivisten angegriffen.

Wenn der Google-Vertreter im Unternehmensblog nun schreibt, dass man in den nächsten Wochen mit der chinesischen Regierung über die Grundlage verhandeln will, «auf der wir im Rahmen des Gesetzes eine ungefilterte Suchmaschine betreiben können, wenn überhaupt», heisst das nichts anderes, als dass der Suchmaschinenriese die Urheber der Cyberattacken mindestens in von höchster Stelle legitimierten Computerexperten sieht.

Lob von Menschenrechtsorganisation

Das ist auf den ersten Blick ein mutiges Statement. Erstens ist die kommunistische Führung des Landes nicht dafür bekannt, gegenüber öffentlich gemachten Forderungen ausländischer Konzerne besonders aufgeschlossen zu reagieren – auf die Antwort Pekings darf man gespannt sein. Zweitens ergreift Mountain View implizit Partei für Human Rights Watch, welche der chinesischen Regierung vorwirft, «massive finanzielle und personelle Ressourcen» für die Internetzensur und die Online-Verfolgung Oppositioneller einzusetzen. Die Menschenrechtsorganisation hat für den Entscheid Googles denn auch nur Lob übrig. Doch welcher Entscheid? Bislang fehlen konkrete Aktionen von Seiten der Firma.

Google startete vor drei Jahren mit der Site Google.cn und akzeptierte die Selbstzensur. Wer dort googelt, bekommt nach wie vor gefilterte Suchresultate geliefert, wie ein kleiner Test von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt (siehe Bildstrecke): Im Gegensatz zur Bilderrecherche auf Google.ch, zeigt Google.cn nicht ein einziges Bild der blutigen Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989 an («Tiananmen-Massaker»).

Ein Rückzug wäre teuer

Experten schätzen, dass eine Beendigung des China-Engagements den Konzern dieses Jahr 600 Millionen Dollar an Umsatz kosten würde. Darum zweifelt die Konkurrenz am echten Willen, der Drohung Schritte folgen zu lassen: In chinesischen Medien wird der ehemalige Chef von Microsoft China, Tang Jun, mit folgenden Worten zitiert: «Sich aus China zu verabschieden, wäre die dümmste Entscheidung von Google. China aufzugeben, bedeutet, die halbe Welt aufzugeben.»

Ist Google wirklich zu diesem Schritt bereit? Neuesten Schätzungen zufolge sind fast 340 Millionen Chinesen online. Die Volksrepublik ist damit der grösste «Internetmarkt» der Welt. Das Potenzial ist riesig, zumal man mit einem Marktanteil von 17 Prozent noch nicht mal die Nummer 1 unter den Suchmaschinen im Land ist (der Spitzenreiter in China heisst Baidu). «Wenn Google in China nicht tätig sein darf, hätte das potenziell weitreichende Auswirkungen auf die allgemeinen langfristigen Wachstumsaussichten für das Unternehmen», ist auch die Investmentbank J.P. Morgan überzeugt.

Mehr Internetnutzer als in den USA

Kann es sich die laut dem Marktforschungsinstitut Millard Brown teuerste Marke der Welt leisten, diesen Markt links liegen zu lassen? Google will sich in China nicht mehr selbst zensurieren – wird dieses Versprechen gebrochen, hat der globale Konzern ein Glaubwürdigkeitsproblem globalen Ausmasses. In diesem Bereich wird Google in kommenden Gesprächen mit Peking keine Abstriche machen dürfen. Aber den totalen Bruch (die Aufgabe des China-Engagements) wird man mit allen Mitteln verhindern wollen. Die Gegner des Regimes würden sich noch so gerne vom Gegenteil überzeugen lassen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.01.2010, 19:47 Uhr

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