Chinas Wirtschaftswunder in Person
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 30.03.2010 1 Kommentar
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Seit rund drei Jahrzehnten wächst die chinesische Wirtschaft jährlich im Durchschnitt etwa zehn Prozent. Alle sieben Jahre verdoppelt sich deshalb das Bruttoinlandprodukt. Das ist mehr als eine Statistik. Li Shufu, neuer Besitzer von Volvo, ( 11.04 -1.52%) gehört zu der Generation von Chinesen, die am eigenen Leib erlebt haben, was das konkret bedeutet.
Der heute 47-jährige Hauptaktionär des Autoherstellers Geely ( 2.55 -1.54%) begann seine Karriere als Unternehmer nach der Schule. Mit 100 Renminbi Startkapital – eine Kleinsumme – kaufte er eine alte Kamera und ein Velo und fotografierte im Dorf Taizhou in der Provinz Zhejiang Touristen.
Fabrik für Kühlschränke
Innerhalb von sechs Monaten hatte er sein Startkapital verzehnfacht.Daraufhin gründete Li ein Fotostudio, dann eine kleine Fabrik für Kühlschränke, bis er über Motorräder schliesslich auf den Geschmack am Auto kam. Vor zwölf Jahren wurde der erste Geely gebaut.
Heute ist daraus der grösste chinesische Hersteller geworden. Dieses Jahr sollen mehr als 400'000 Wagen vom Band rollen, 2015 sollen es zwei Millionen sein. Li Shufu denkt nicht an dröge Einheitskutschen, sondern an ein ganzes Programm. Die Palette soll dereinst 42 Modelle umfassen und alle Bedürfnisse vom Kleinwagen bis zum «Baby Rolls-Royce» abdecken.
Das technische Knowhow gekauft
Jetzt, mit Volvo, hat sich Li Shufu das technische Knowhow gekauft: 1,8 Milliarden Dollar war ihm das schwedische Traditionsunternehmen wert, das zuletzt zum Ford-Konzern gehörte. Rein betriebswirtschaftlich gesehen ist der Deal ein Unsinn: In der Autoindustrie herrschen nach wie vor grosse Überkapazitäten. Die Wirtschaftskrise hat die Konsumenten verunsichert, der Klimawandel erfordert neue Antriebssysteme. Kluge Manager versuchen die Kosten im Griff zu halten und warten ab.
Li Shufu hingegen hat um Volvo geworben wie ein Liebhaber um seine Braut. Die ersten Annäherungsversuche machte er 2007. Letztes Jahr besuchte er die Fabriken in Schweden und Belgien. Als er von Volvo-Arbeitern gefragt wurde, weshalb er sie kaufen wolle, sagte er: «Ich liebe euch.» Das beeindruckte selbst die kühlen Nordländer. In seiner Heimat ist Li Shufu ohnehin längst ein Star. Bill Russo, einst Chef von Chrysler China, beschreibt ihn so: «Li ist der Typ, der sagt ‹Warum nicht?›, wenn die ganze Welt sich fragt ‹Warum?›.»
Der Osten glaubt an die Zukunft
Der Westen verwaltet die Vergangenheit, der Osten glaubt an die Zukunft. Das zeigt der Verkauf von Volvo an Geely einmal mehr. Speziell die Chinesen strotzen geradezu vor Selbstvertrauen. Und warum sollten sie nicht? «China ist das Wirtschaftswunder des 21. Jahrhunderts», sagt der Brite Martin Jacques, Autor des hoch gelobten Buches «When China Rules the World» (Wenn China die Welt regiert).
Dieses neue Selbstvertrauen Chinas zeigt sich auch auf der politischen Bühne. Lange hat Peking nach der Devise von Deng Xiaoping gehandelt, wonach man bescheiden bleiben und niemals die Führung übernehmen soll. Doch das beginnt sich zu ändern. China scheut vor Konfrontation nicht mehr zurück. Premierminister Wen Jiabao lässt den Westen kühl abblitzen, egal ob er die Aufwertung des Renminbi oder die Abschaffung der Zensur fordert. Schliesslich hat China bisher die Wirtschaftskrise viel besser gemeistert als die USA und Europa. Und jetzt hat man genug Geld in der Kasse, um – siehe Volvo – im Kaufhaus des Westens auf Schnäppchenjagd zu gehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.03.2010, 04:00 Uhr
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1 Kommentar
Ist China soviel besser? In Boomphasen lässt es sich nun einmal viel einfacher wirtschaften, als in Zeiten mit schwachen oder gar keinem Wachstum. Die meisten grossen Konzerne hier sind in solche Boomzeiten entstanden. Ob China am Ende so viel schlauer war, wird sich wohl erst in 30-40 Jahren zeigen. In Boomzeiten macht man gerne strukturelle Fehler, die sich viel später teuer auswirken. Antworten
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