Cisalpino: «SBB könnten das alleine machen»

Interview: Markus Diem Meier. Aktualisiert am 16.07.2009 15 Kommentare

Verkehrsexperte Christian Lässer von der Universität St. Gallen hält den Cisalpino nicht für gescheitert. Sieht aber im Unterschied der Kulturen von SBB und Trenitalia Konfliktpotenzial.

Professor Christian Lässer, Experte für öffentliche Dienstleistungen in Tourismus und Verkehr arbeitet am Institut für öffentliche Dienstleistungen und Verkehr der Universität St. Gallen.

Professor Christian Lässer, Experte für öffentliche Dienstleistungen in Tourismus und Verkehr arbeitet am Institut für öffentliche Dienstleistungen und Verkehr der Universität St. Gallen.

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Herr Lässer*, Welche Bedeutung haben die Probleme mit dem Cisalpino für die Schweiz, die immerhin den Ruf hat, dass man hier die Uhren nach den Abfahrtszeiten der Züge stellen kann.
Die Pannen sind ärgerlich, aber man sollte sie nicht überbewerten. Auf den guten Ruf der Schweizer Verkehrsbetriebe haben sie jedenfalls keine Auswirkungen. Schaut man sich das gesamte Schweizer Schienennetz an, ist hier nur ein geringer Teil betroffen. Ausserdem setzt die SBB jeweils Ersatzzüge ein, wenn etwas nicht funktioniert.

Die Debatte um den Pannenzug steht also in keinem Verhältnis zu seiner tatsächlichen Bedeutung?
Ja, das gilt erst recht, wenn man sieht, wie wenig Leute mit dem Cisalpino nach Italien fahren. Es handelt sich hier um etwa 6 bis 8 Verbindungen pro Tag. Das steht tatsächlich in keinem Verhältnis zum Schweizer Gesamtnetz mit seinen wohl über 1000 Verbindungen.

Im Fokus steht auch die Zusammenarbeit der stark unterschiedlichen Kulturen von Schweizer Bundesbahnen und italienischer Trenitalia als Besitzer des Unternehmens Cisalpino.
Die beiden öffentlich-rechtlichen Bahngesellschaften SBB und Trenitalia sind kulturell bestimmt unterschiedlich aufgestellt. Daher überrascht es nicht, wenn verschiedene Vorstellungen darüber vorherrschen, was eine ordentliche Zugsverbindung zu sein hat. In Italien sind Verspätungen chronisch. Daher beurteilt man das dort weniger dramatisch als in der Schweiz. Es ist nachvollziehbar, wenn sich deshalb Konflikte ergeben. Der öffentlich-rechtliche Charakter der Trenitalia ist für diese Zusammenarbeit nicht gerade förderlich.

Der Cisalpino ist sowohl für die SBB – wie Sie selber gesagt haben – kein Kernthema, für Trenitalia erst recht nicht. Besteht nicht die Gefahr, dass die beiden daher zu wenig Verantwortung für das gemeinsame Unternehmen wahrnehmen?
Cisalpino wurde zur Abwicklung des grenzüberschreitenden Verkehrs geschaffen, weil ein schlankeres Unternehmen agiler vorgehen kann, als wenn dieser Verkehr direkt zwischen den Kolossen SBB und Trenitalia organisiert werden müsste.

Wäre es denn nicht auch möglich, dass ein Unternehmen – zum Beispiel die SBB – die Verbindungen alleine anbietet?
Man könnte das wahrscheinlich schon alleine machen. Mit der Liberalisierung des Bahnverkehrs in Europa ist das theoretisch möglich. Doch Italien ist hier weniger weit als Deutschland. Die SBB könnten nach Deutschland fahren. Dafür gab es auch Beispiele. Der Regionalverkehr auf der deutschen Seite des Bodensees wurde mit dem «Seehas» etwa an eine Tochter der SBB abgetreten.

Was empfehlen Sie der SBB, wenn die Probleme mit dem Cisalpino weiter anhalten? Hat sie hier nicht auch ein Marketingproblem?
Es ist nicht an mir, der SBB Empfehlungen zu machen. Zudem geht es hier nicht um Marketinglösungen, sondern schlicht darum, was die SBB als Ersatz anbieten. In dem sie parallel ICE zu den Cisalpinos einsetzt, bleibt die Fahrplansicherheit immerhin einigermassen bewahrt. Sinnvoll ist auch, dass die Cisalpino-Neigezüge oft in Lugano stehen gelassen und nicht mehr nach Zürich weitergeführt werden. Es gibt möglicherweise immer noch Unterbrüche, aber vom Marketing her kann man hier nicht viel machen.

Würden Sie das Cisalpino-Konzept als gescheitert betrachten?
Nein. Man sollte nicht Technisches und Institutionelles vermischen. Der Cisalpino hat zwar technische Probleme, aber das Konzept bleibt überzeugend. Es ist ja auch nicht das einzige derartige Konstrukt. Es gibt sehr viele ähnliche Projekte in Europa – wo Kooperationen von nationalen Bahngesellschaften oder deren Tochtergesellschaften den internationalen Bahnverkehr betreiben. Im internationalen Verkehr ist das ein gängiges Modell.

*Professor Christian Lässer, Experte für öffentliche Dienstleistungen in Tourismus und Verkehr arbeitet am Institut für öffentliche Dienstleistungen und Verkehr der Universität St. Gallen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.07.2009, 16:52 Uhr

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15 Kommentare

Oliver Affolter

16.07.2009, 15:21 Uhr
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Vive le TGV! Antworten


Lars Mazzucchelli

16.07.2009, 15:26 Uhr
Melden

Ich erinnere mich an einen wunderbaren Zug, der vor dem Fahrplanwechsel am 17.11 Uhr von Basel nach Zofingen fuhr. Die fahrende Sänfte hiess IC-N. Und wer hats gebaut? Die Schweizer! Wer genau? Ri..., äh, Schindler, Pratteln. Aber eben. Der Eisenbahndirektor geht wohl gerne in Italien in den Urlaub. Antworten



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