Coca-Cola lobbyierte und taktierte, bis die EU das Ampelsystem kippte

Gesundheitspolitiker und Konsumentenschützer wollten Zucker, Fett und Salz in Lebensmitteln besser kennzeichnen. Der Getränke-Multi verhinderte das Projekt mithilfe von Nahrungsmittelkonzernen.

Ein hoher, mittlerer oder niedriger Anteil Fett? Britische Lebensmittel mit der «Ampelkennzeichnung».

Ein hoher, mittlerer oder niedriger Anteil Fett? Britische Lebensmittel mit der «Ampelkennzeichnung». Bild: Keystone

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Rot, Gelb, Grün: Das sogenannte Ampelsystem zur Kennzeichnung von Lebensmitteln hätte auf einen Blick zeigen sollen, ob der Zucker-, Fett- oder Salzanteil eines Produkts okay ist oder nicht. Hätte, denn Ende September hat der EU-Ministerrat einer jahrelangen Debatte ein Ende gesetzt und dem Ampelsystem den Todesstoss versetzt. Damit ist die Ampel auch für die Schweiz vom Tisch. Man wolle keine Sonderlösung, heisst es beim Bundesamt für Gesundheit in Bern.

Für Nikolaus Tacke, Cheflobbyist von Coca-Cola Europa in Brüssel, ist das Aus für die Ampel ein persönlicher Sieg. Seit seinem Amtsantritt 2008 hat der Lobbying-Experte mit Vergangenheit beim Agrargiganten Monsanto zusammen mit Vertretern anderer Konzerne wie Nestlé, Unilever, Kraft, Mars oder Danone gegen die aus Sicht der Industrie zu plakative Deklaration gekämpft. Ihr Credo: «Es gibt keine ungesunden Produkte, nur eine ungesunde Ernährungsweise.»

Die Brancheninitiative «Ausgezeichnet informiert» wollte verhindern, dass stark zucker-, salz- und fetthaltige Produkte die Rote Karte erhalten. Eine Forderung, die Konsumentenschützer und Gesundheitspolitiker aufgestellt hatten. «Die Ampel soll dem Konsumenten ermöglichen, schnell und unkompliziert Zuckerbomben und Fettfallen zu entdecken», sagte etwa Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Die Industrie befürchtete massive Umsatzeinbussen. Laut einer Studie glaubten nämlich 73 Prozent der Befragten, Rot bedeute, das Produkt solle gar nicht gegessen werden!

Gut taktiert ist halb gewonnen

Lobbyieren heisst taktieren. Die Taktik der Industrie war in diesem Fall matchentscheidend. Nikolaus Tacke: «Am besten lobbyiert, wer den Erwartungen der Gegenseite proaktiv zu entsprechen versucht.» So könne eine strenge Regulierung verhindert werden. Als der EU-Kommissar für Gesundheit im Herbst 2007 erstmals offiziell die Möglichkeit der Kennzeichnung von Lebensmitteln nach dem in Grossbritannien praktizierten Ampelsystem aufs Tapet brachte, hatte die Industrie bereits vorgesorgt. Coca-Cola etwa hatte zusätzlich zu den gesetzlich vorgeschriebenen Nährwertangaben «neue, leicht verständliche» Angaben auf Verpackungen aufgeführt, die sich an der durchschnittlichen Tageszufuhr orientierten.

Diese Richtlinien, auf Englisch «Guideline Daily Amounts», kurz GDA, waren von der Industrie gemeinsam entwickelt worden. Die Konzerne hatten sich freiwillig verpflichtet, die GDA-Kennzeichnung bis 2008 in ganz Europa einzuführen. Coca-Cola musste rund 4500 Verpackungen anpassen, bei Kosten von 8000 bis 10'000 Euro pro Verpackung. In einer Medienmitteilung bezeichnete Coca-Cola sich als «Vorreiter in der Konsumenteninformation» – auch in der Schweiz.

Klare Machtverhältnisse

Die Industrie hatte mit ihrer Initiative Erfolg. Ende 2008 machte die EU-Kommission den Vorschlag, die GDA-Kennzeichnung obligatorisch zu machen. «Besser hätte es für die Industrie nicht kommen können», sagt Tacke. Doch damit begann das Lobbying in Brüssel erst. Auf beiden Seiten wurden unzählige Studien produziert. «GDA-Kompass wird verstanden, Ampel leitet fehl», besagte eine Studie aus Grossbritannien. «Ampel funktioniert, GDA verwirrt», antwortete eine Studie von GfK. Interessanterweise kam das gleiche Institut später zur Erkenntnis, in Deutschland gebe es «eine fast flächendeckende Nährwertkennzeichnung – ohne gesetzliche Verpflichtung!» Der Auftraggeber war natürlich nicht derselbe.

Die Machtverhältnisse allerdings, die waren klar. Auf der einen Seite die wichtigste Industrie Europas – die Nahrungsmittelindustrie – auf der anderen Seite Organisationen wie Foodwatch, medial mit grosser Präsenz, aber vergleichsweise geringen finanziellen Mitteln.

«Auf einen Ampel-Befürworter von Konsumentenorganisationen kommen etwa 100 Lobbyisten der Industrie», so Nina Holland vom Corporate Europe Observatory, eine Gruppierung, die sich laut Selbstdefinition «mittels Forschung und Kampagnen dafür einsetzt, Bedrohungen der Demokratie, Gleichheit, sozialen Gerechtigkeit und der Umwelt abzuwehren, die von der ökonomischen und politischen Macht der Konzerne und ihrer Lobbyisten ausgeht.» Coca-Cola-Lobbyist Tacke verweist auf einen weiteren Vorteil der Industrie: die eigene Konsumentenforschung. Dadurch habe man gewusst, dass der Konsument nicht bevormundet werden wolle.

Freiwillig statt Pflicht

In seinem Entscheid hat der Ministerrat der EU der Industrie nun grosszügige Übergangsfristen eingeräumt. Erst ab 2016 müssen europaweit auf allen Lebensmittelverpackungen sieben Angaben stehen: der Energie- und Fettgehalt, die gesättigten Fettsäuren, Kohlenhydrate, Zucker, Eiweiss und Salz. Die Angaben müssen sich jeweils auf 100 Gramm oder 100 Milliliter des Produkts beziehen.

Freiwillig sind zusätzliche Angaben pro Portion erlaubt, ebenso die Information, wie viel Prozent des Tagesverbrauchs damit gedeckt werden. Diese prozentuale Information hätten sich Konsumentenschützer und Ernährungsspezialisten als Pflichtangabe gewünscht. Coca-Cola und andere geben diese Werte freiwillig an. So erfährt der Schweizer Konsument, dass 2,5 Dezi Coca-Cola bereits 29 Prozent seines Tagesbedarfs an Zucker decken. Für Nikolaus Tacke ist das Fazit klar: «Coca-Cola allein hätte das Ampelsystem nie zu Fall bringen können. Die Basis unseres Erfolgs war die gemeinsame Aktion der gesamten Industrie.»

Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Reise mit einer Gruppe von Alumni in Kommunikation der Universität Lugano. Eingeladen hatte Coca-Cola Schweiz. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.12.2011, 18:16 Uhr)

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