Comeback eines Gescheiterten

Was der Sunrise-Job dem früheren UBS-Präsidenten Peter Kurer bringt und wie er diese Rückkehr schaffte.

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Die Sunrise-Gruppe, eine Schweizer Mobilfunkbetreiberin mit Aktien an der Börse, holt überraschend einen der bekanntesten – und umstrittensten – Banker als neuen Präsidenten an Bord. Peter Kurer, der vor 7 Jahren nach einem Kurzeinsatz das UBS-Steuer abgeben musste, soll an der Sunrise-Generalversammlung in den VR gewählt und von diesem zum neuen Vorsitzenden gekürt werden. Dem Vorhaben steht angesichts der Mehrheitsverhältnisse nichts im Wege.

Auf Kurer als obersten Kopf und Aushängeschild der Sunrise, die wie Mitkonkurrentin Salt (früher Orange) unter der Vormachtstellung von Ex-Monopolistin Swisscom leidet, hätte kaum jemand getippt. Selbst zeigte sich Kurer in einem Telefongespräch mit dem «Tages-Anzeiger» wie immer: unaufgeregt, analytisch, besonnen. Hinter dem Vorschlag des Verwaltungsrats, ihn zum neuen Präsidenten zu machen und damit einem vermeintlich für immer von der grossen Bühne verbannten Ex-Spitzenbanker ein Comeback zu ermöglichen, stecke «kein Freundschaftsdienst», auch sonst «keine private Beziehung», meinte er. «Für so ein Comeback, wie Sie es nennen, braucht es immer die Empfehlung von ein paar Leuten – und eine Portion Glück.»

Der grosse Bösewicht der Schweizer Wirtschaft

So einfach das klingt: Es bleibt die Frage, warum ausgerechnet er das Amt erhält. Mit 67 Jahren wäre Kurer schon Pensionär, seine Ära wird somit zeitlich nicht überaus lang ausfallen. Sein Werdegang macht ihn ebenfalls nicht zum naheliegenden Kandidaten. Kurer gehörte zur Crew, welche die Homburger Anwälte zur führenden Wirtschaftskanzlei auf dem Banken- und Wirtschaftsplatz Zürich gemacht hatte, ehe er im Frühling 2001, also vor 15 Jahren, die Fronten wechselte und bei der UBS als oberster Rechtsverantwortlicher anheuerte.

Nur ein halbes Jahr später stand Kurer dann als der grosse Bösewicht der Schweizer Wirtschaft da. Er hatte gemeinsam mit UBS-Präsident Ospel der überschuldeten Swissair-Gruppe harte Grounding-Bedingungen diktiert. Seit dem historischen Moment steht Kurer nicht nur im Ruf eines knallharten Verhandlers, sondern ihm wurde auch Illoyalität vorgeworfen, selbst von Verrat war die Rede. Bis zum Wechsel zur Grossbank war Kurer nämlich aufseiten der Homburger Swissair-Anwalt und verfügte über präzise Informationen zum Gesundheitszustand der Aviatik-Gruppe.

Persona non grata

Swissair-Grounding, das Scheitern bei der UBS, dann die nicht enden wollenden Untersuchungen und Rechenschaftsberichte rund um den US-Steuerkrieg – das alles machte Kurer in den Augen von Beobachtern zur Persona non grata. Zeitweise hiess es gar, dass der Jurist nicht mehr nach Amerika reisen könne, weil ihm eine Befragung durch die US-Justiz drohen würde.

Kurer liess sich in all den Jahren vom grossen Druck fast nie etwas anmerken. Einzig als im Frühling 2009 nach nur einem Jahr Alt-Bundesrat Kaspar Villiger ihn als UBS-Präsident ablöste, stand Kurer die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Die wiederkehrenden Vorwürfe aber, wonach er als General Counsel über die illegalen Praktiken der UBS-Banker mit amerikanischen Steuersündern bestimmt im Bild gewesen sei, dementierte Kurer ebenso klar wie konsequent.

Ruhiger um Kurer und seine Rolle im US-Steuerfall wurde es erst in den letzten Jahren, nachdem der ganze Finanzplatz in den Strudel um amerikanische Schwarzgelder geraten war. Der Fokus verschob sich auf die zweite Grossbank, die Credit Suisse, die auch sonst die mediale Aufmerksamkeit auf sich zog, während Kurers Ex-Bank, die UBS, durch neue Köpfe an der Spitze und eine angepasste Strategie sich stabilisieren konnte.

Zurück ins Geschäft geschrieben

Das kam auch Kurer zupass. Er bezog ein Büro in der Anwaltskanzlei seines Bruders, war als Berater tätig und hielt sich im Hintergrund. Bis letzten Frühling. Da publizierte Kurer im renommierten Oxford-Verlag ein Werk über Rechts- und Compliance-Risiken – was ihm durch seine lange Karriere ein besonders vertrautes Thema war. Das englisch verfasste Juristenwerk zum stolzen Preis von 118 Franken und über 288 Seiten führte dazu, dass Kurer erneut in der Öffentlichkeit zum Thema wurde, mit einer ausführlichen Besprechung im Wirtschaftsblatt NZZ und einem Interview in der «SonntagsZeitung».

Möglicherweise liegt da der Ursprung für Kurers dritte Karriere, nach Anwalt und Banker jetzt Präsident der börsenkotierten Sunrise. Opinion Leaders befanden offenbar, dass Kurer nach den vielen negativen Schlagzeilen kein Risiko mehr für den Ruf eines Unternehmens darstellte. Gleiches hatte zuvor Peter Wuffli geschafft, bis 2007 CEO der UBS und damit lange operativer Vorgesetzter von Kurer. Auch Wuffli brachte sich mit Schreiben – in seinem Fall sind es Bücher über Ethik – wieder ins Geschäft, er übernahm das Präsidium der Finanzfirma Partners Group.

Gefragt, was er denn mit seinem Anwalts- und Banken-Background der Sunrise, einem Mobilunternehmen, bringen könne, meinte Kurer in seiner typisch trockenen Art und der rauchigen Stimmlage: «Wegen Telecom-Know-how bin ich nicht zu Sunrise berufen worden, davon hat das Unternehmen genug.» Von ihm würde anderes erwartet. «Meine Aufgabe wird sein, den Verwaltungsrat nach guten Grundsätzen zu führen. Hier habe ich meine Stärke und Erfahrung.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.03.2016, 13:07 Uhr)

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