Daniel Vasella steigt bei Novartis-Konkurrent ein

Der Ex-Chef des Basler Pharmakonzerns wird Verwaltungsrat der texanischen XBiotech. Diese steht vor dem Börsengang und setzt auf ein neuartiges Krebsmedikament.

Daniel Vasella im Januar 2013, kurz bevor er seinen Rücktritt bei Novartis bekannt gab. Foto: Reuters

Daniel Vasella im Januar 2013, kurz bevor er seinen Rücktritt bei Novartis bekannt gab. Foto: Reuters

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Daniel Vasella steht vor einem überraschenden Comeback. Der einstige Topverdiener der Schweizer Wirtschaft, der nach seinem Abgang mit Nebengeräuschen bei Novartis nach Boston ausgewandert ist, wird neuer Verwaltungsrat des US-Biotech-Start-ups XBiotech mit Sitz in Austin, Texas.

XBiotech setzt auf eine neuartige Krebstherapie und hofft, bereits in einem Jahr ein Medikament mit deutlich lebensverlängernder Wirkung zu lancieren. Vasella ist zudem nicht der erste Schweizer, der bei den Texanern anheuert: Nobelpreisträger und Ex-Novartis-Verwaltungsrat Rolf Zinkernagel sowie Thomas Kündig, ein Forschungsleiter am Unispital Zürich, sind bereits seit Jahren im Hintergrund aktiv.

Vasella erhält für sein Mandat wie alle Verwaltungsratsmitglieder jedes Jahr Optionen von XBiotech und würde von steigenden Börsenkursen profitieren. Diese sollen sich bald einstellen, denn XBiotech will noch vor Jahresende an die Börse gehen. Derzeit werden die erforderlichen Unterlagen bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht, wie Recherchen des «Tages-Anzeigers» zeigen. Danach startet eine Auktion für XBiotech-Aktien, die von einem bekannten Investmentbanker der Wallstreet begleitet wird. Das Unternehmen will damit 100 Millionen Dollar am Markt aufnehmen.

Entfremdung von Novartis

Mit seinem Einstieg beim Jungunternehmen entfremdet sich Vasella weiter von seinem ehemaligen Unternehmen Novartis, das er über Jahre stark geprägt hat. Anfang 2013 wurde bekannt, dass der langjährige Konzernchef und damalige Verwaltungsratspräsident sich für die Zeit nach seinem Rücktritt 72 Millionen Franken Entschädigung in Form eines Konkurrenzverbots gesichert hatte. Das war eine Woche vor seiner letzten Generalversammlung in dieser Funktion. Der Zeitpunkt hätte kaum ungünstiger sein können: Die bevorstehende Abzockerinitiative bekam damit erst recht Schub.

Unter öffentlichem Druck verzichtete Vasella zwar rasch auf den goldenen Fallschirm, der Imageschaden für den Pharmakonzern aber blieb. In der Folge distanzierte sich Vasellas Nachfolger Jörg Reinhardt vom einstigen Übervater. So blies Reinhardt ein von Vasella initiiertes prestigeträchtiges Campus-Projekt in dessen Wohnort Risch ZG ab, worauf Vasella den Baslern das Land abkaufte. Sogar der Firmenhelikopter, den Vasella auf Novartis-Kosten erworben hatte, ging an den Ex-Präsidenten über.Auch wenn das texanische Biotechunternehmen keine unmittelbare Bedrohung für den Milliardenkonzern Novartis darstellt, entbehrt Vasellas Entscheid, der Ehrenpräsident bei Novartis bleibt, nicht einer gewissen Brisanz. XBiotech stellt nicht nur Krebsmittel her, sondern auch Nachahmerprodukte biotechnologisch hergestellter Medikamente. Solche sogenannten Biosimilars stellt auch Novartis her. Und: Sowohl der Basler Pharmakonzern als auch die junge Biotechfirma entwickeln ein Nachahmerpräparat eines Medikaments der Firma Amgen, das gegen eine niedrige Anzahl weisser Blutkörperchen eingesetzt wird. Auf diesem spezifischen Markt treten die beiden ungleichen ­Firmen also direkt gegeneinander an.

Ein Jahr lang hat Vasella laut einer Quelle die Firma und dessen Gründer John Simard geprüft. Dieser hatte XBiotech nach einem gescheiterten Börsengang eines anderen Jungunternehmens 2005 gegründet. Wie Vasella selbst ist Simard ursprünglich Mediziner. Seine Idee: Ein menschliches Gen sollte zahlreiche Krebsarten auf eine neue Art bekämpfen, indem die Therapie auf die Entzündung rund um den Tumor statt auf diesen selbst zielt.Früher galten Entzündungen als gut, weil man glaubte, das Immunsystem würde den Krebs bekämpfen. Tatsächlich ist es aber genau umgekehrt: Der Krebs nährt sich von der umliegenden Entzündung, von dort bezieht das Geschwür Frischzellen zum Wachsen und Wuchern. Simard ist nicht der Erste, der das erkannte. Sein Verdienst ist die ­Suche nach einer Lösung.

Die Suche im Heuhaufen

Simard suchte dazu Menschen, die bestimmte Antikörper aufweisen. Eine Aufgabe, die Simard selbst als Suche nach der berühmten Stecknadel in einem Heuhaufen von der Grösse des Empire State Building bezeichnet. Er liess zusammen mit dem Zürcher Universitätsspital und Forschern in Kopenhagen 10 000Personen untersuchen. Am Ende gab es einen einzigen Treffer. Damit konnte jenes Gen eruiert werden, das die gesuchten Antikörper produziert.

Was danach passierte, schildert Thomas Kündig, leitender Dermatologe am Universitätsspital Zürich: «Wir erhielten von der US-Gesundheitsbehörde FDA die Erlaubnis, das neue Medikament an Krebskranken im Endstadium zu testen.» Nach einer Woche erhielt Kündig einen Anruf von Simard: Die erste Patientin fühle sich deutlich besser. Im Wochentakt berichtete der Gründer danach von weiteren Erfolgen. Und zwar, obwohl sich der Krebs selber nicht zurückgebildet habe. Für Kündig war klar: Hier passiert etwas Spezielles.

Das befand auch die US-Gesundheitsbehörde. Die neue Therapie von XBiotech hat die Lebensdauer von todkranken Krebspatienten um bis zu 50Prozent verlängert, eine höhere Erfolgsquote, als bestehende Blockbustermedikamente ausweisen können – Grund für die FDA, der Biotechfirma ein Schnell-verfahren für die Schlusstests vor der Markteinführung zu gewähren. Viele Krebskranke sterben nicht am Tumor, sondern an dem, was man früher Schwindsucht nannte. Was XBiotech laut den Tests auszeichnete: Statt immer weiter abzumagern, legten die Patienten um bis zu 10Prozent an Gewicht zu. Ein Durchbruch, von dem sich Vasella nun offenbar ein eigenes Comeback erhofft.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.11.2014, 21:53 Uhr)

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