«Dann ist Feuer im Dach»

Eine halbe Milliarde Dollar von der EZB für eine Euro-Bank scheucht Investoren auf. Die Finanznot der Banken in Europa schlägt immer stärker auf den US-Geldmarkt durch.

Der Fed-Chef stellt nicht mehr in Aussicht, dass die Refinanzierungszinsen bis 2013 so niedrig bleiben wie jetzt: Ben Bernanke, wie er im Juli vor dem US-Bankensenat aussagte.

Der Fed-Chef stellt nicht mehr in Aussicht, dass die Refinanzierungszinsen bis 2013 so niedrig bleiben wie jetzt: Ben Bernanke, wie er im Juli vor dem US-Bankensenat aussagte. Bild: Keystone

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500 Millionen US-Dollar, die sich eine Bank für eine Woche bei der Europäischen Zentralbank ausgeliehen hat, sind kein Klacks für den Interbankenmarkt. Um welche Bank es sich dabei handelt, wird tunlichst verschwiegen. Denn es wird befürchtet, dass Anleger sich sonst wie die Geier über den Finanztitel der betreffenden Bank hermachen würden und den Kurs nach unten prügeln, als gäbe es kein Morgen mehr. So geschehen bei der Société Générale, deren Aktien kürzlich um 20 Prozent nachgegeben haben. Und das nur wegen des falschen Gerüchts, wie es heisst, die Bank habe schwer verkraftbare Abschreiber auf griechische Staatsanleihen vornehmen müssen und würde wanken.

Fed sorgt sich

Das ist nur ein Beispiel für die hohe Nervosität und das wachsende Misstrauen zwischen den Banken, die einander Geld leihen. Ein anderes Beispiel für die erhöhte Wachsamkeit ist die Sorge der US-Nationalbank Federal Reserve, europäische Institute könnten wegen Liquiditätsknappheit das Geld in den USA zusammenstreichen, wie das «Wall Street Journal» berichtete.

Fast alle europäischen Banken machen in den USA Geschäfte. Einige davon mit einem ausgedehnten Filialnetz, wie etwa die BNP, die Royal Bank of Scotland oder die Banco Santander. Diese Banken können über ihr Filialnetz die vergebenen Kredite mit Einlagen besser absichern als jene Banken, die über kein Filialnetz verfügen. Solche Finanzinstitute sind vor allem Investment- und reine Geschäftsbanken, die sich um Grosskunden kümmern und weniger um den Kleinsparer oder Häuslebauer. Diese Banken refinanzieren sich nicht über die Einlagen, sondern am Kapitalmarkt. Und hier beginnt es, brenzlig zu werden.

Der Reihe nach: Vergibt eine Investmentbank Geld an einen Grosskunden oder will ein grossvolumiges Projekt finanzieren, dann kann die Bank nicht auf Einlagen zurückgreifen. Also wird das Geld am Kapitalmarkt besorgt oder von Geldmarktfonds ausgeliehen. Im konkreten Fall geht es offenbar um eine Bank, die für ihr US-Geschäft von einem Geldmarktfonds US-Dollar geliehen hat. Da Geldmarktfonds kurzfristig operieren und um ihr Geld fürchten, weil viele europäische Banken in der Bredouille sind, drehen sie jetzt den Geldhahn zu. Diese Lücke muss die Geschäftsbank wiederum anderweitig füllen und wendet sich an die Europäische Zentralbank (EZB), um sich dort das Geld zu holen. Eine andere Möglichkeit, um sich für die Finanzierung des US-Geschäfts Dollar zu besorgen, wären die Devisenmärkte. Weil eine Bank in der Regel profitorientiert arbeitet, holt sie sich das Geld dort, wo es die günstigsten Konditionen gibt. Im konkreten Fall war es wohl die EZB.

«Ernstes Warnsignal»

«Dieses Vorgehen ist ein ernstes Warnsignal», sagt Jörn Lange, Aktienanalyst der Raiffeisen Zentralbank im Euroland Österreich, «wenn auch noch keine Katastrophe.» Die Banken seien heute besser kapitalisiert als zu Zeiten der Lehman-Pleite, dem Auslöser der damaligen Finanzkrise. Aber: «Wenn die 500-Millionen-Dollar-Leihe länger als eine Woche anhält oder der Betrag sogar noch erhöht wird und möglicherweise weitere Banken sich bei der EZB um Geld anstellen werden, dann ist Feuer im Dach.»

Die Refinanzierungssituation am Interbankenmarkt ist sehr angespannt, das Vertrauen in die finanziellen Kapazitäten der Geldinstitute schwindet. Die Schuldenkrise der Euroländer und die Involviertheit der Banken tun ihr Übriges zu den aufkeimenden Sorgen, der Geldmarkt würde austrocknen und die Liquidität der Finanzhäuser in Gefahr bringen. Und das eben nicht mehr nur in Europa: Besonders anfällig für Probleme bei der Kurzfristfinanzierung auf dem amerikanischen Markt seien vor allem französische Häuser in den USA, schreibt die «Financial Times Deutschland». Die BNP Paribas habe Ausstände von 94 Milliarden US-Dollar, die Société Générale solche von 56 Milliarden.

Zwei Märkte, unterschiedliche Probleme

Wobei es in wirtschaftspolitischer Hinsicht einen wesentlichen Unterschied zwischen Banken im Euroraum und US-amerikanischen Banken gibt: In Europa kämpfen 16 Regierungen um die Konsolidierung der Schulden und damit verbunden auch um die Finanzsituation der finanzierenden Banken. In den USA hingegen spricht – trotz der jüngsten Querelen um die US-Staatsverschuldung – am Ende eine Regierung.

Was wiederum für die Situation der europäischen Banken spricht: Das Immobilienproblem, aus dem sich ein grosser Teil der Refinanzierungsprobleme nährt, ist in Europa heterogener und damit auch weniger virulent. Bisher hatten nur Irland, Grossbritannien, Spanien und Dänemark nachhaltigere Immobilienblasen. Deutschland, Italien und auch Griechenland kannten dieses Problem bis dato nicht.

In den USA hingegen hat man zwar weniger mit einem Staatsschuldenproblem zu kämpfen als in Europa. Dafür ist der US-Bankenmarkt wesentlich stärker im Immobilienmarkt engagiert. Die Auflage strukturierter Produkte für Häuslebauer in den USA bereitet den ortsansässigen Finanzinstituten noch heute Kopfzerbrechen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.08.2011, 12:35 Uhr

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