Darum trat Joe Ackermann zurück

Kritik an den schlechten Zahlen: Pierre Wauthier fühlte sich von seinem Vorgesetzten unter Druck gesetzt und schrieb dies in seinem Abschiedsbrief.

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Dass der Wechsel von Joe Ackermann von seinem Posten als CEO der Deutschen Bank ins Präsidium der Zurich Insurance nicht ganz einfach werden würde, war klar. Ackermann ist nicht bekannt dafür, dass er gern zuschaut und die anderen machen lässt. So war es auch in diesem Fall. «Er fand, die Zurich sei ein etwas verstaubter Beamtenladen, den man auf Vordermann bringen sollte», sagt ein Insider, der nicht genannt sein will. Ganz im Gegensatz zum CEO Martin Senn, der immer wieder betonte, wie erfolgreich das Unternehmen sei und wie gut die Zurich durch die Finanz- und Eurokrise gekommen ist.

Offenbar fand Ackermann, der Zustand der Zurich würde gegen innen und aussen zu positiv dargestellt. Eine Ansicht, die ihn in Konflikt mit Ex-Finanzchef Pierre Wauthier brachte, den man vor wenigen Tagen tot in seiner Wohnung gefunden hatte. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus. Offenbar hat sie einen Abschiedsbrief gefunden, in dem Wauthier Ackermann Vorwürfe macht und aus dem hervorgeht, dass er sich unter Druck gesetzt fühlte.

Halbe Milliarde abgeschrieben

Der steigende Druck auf das Management ist objektiv gesehen nicht unbegründet. Im Jahr seit Ackermanns Amtsantritt sind Dinge passiert, die ihn in seiner kritischen Beurteilung bestätigt haben dürften. Da war vor einem Jahr ein Abschreiber von einer halben Milliarde Franken in Deutschland. Dies hatte bereits 2011 personelle Konsequenzen, sagt Zurich-Sprecher Angel Serna: «Als man im Laufe des Jahres 2011 realisierte, dass der Schadensverlauf einen anderen Verlauf nahm als gedacht, kam es in Deutschland als Teil der Korrekturmassnahmen auch zu Managementwechseln.»

Warum der Abschreiber erst ein Jahr später mit einer Ad-hoc-Meldung beziffert wurde, erscheint seltsam. Die Anleger goutierten es nicht. Die Aktie tauchte sofort und nochmals einen Monat später bei der Veröffentlichung der Quartalsergebnisse. Eine externe Untersuchung des Vorfalls wurde angekündigt und ist abgeschlossen. Die Ergebnisse würden nicht kommuniziert, sagt Serna.

Gegen Ende Jahr kamen Signale, dass der Verlust nicht so hoch ist wie erwartet. Die Aktie stieg und der Versicherungsanalyst der CS erhöhte sein Rating. Das Jahresergebnis 2012 fiel dann auf den ersten Blick tatsächlich besser aus als erwartet, weil einerseits ein Teil des Verlusts ins Jahr 2011 zurückverlagert und weil Rückstellungen aufgelöst wurden. Hätte man das nicht gemacht, wäre es um eine Milliarde schlechter ausgefallen, die Rentabilität nicht wie ausgewiesen gestiegen, sondern gesunken. Serna: «Wir haben die Art der Abschreibungspolitik und der Reservenbildung nicht verändert.»

Der Druck der Märkte

In den beiden letzten Quartalen enttäuschten die Zahlen aber die Erwartungen, etwas was Analysten überhaupt nicht goutieren. J. P. Morgan, Nomura, Canaccord, Barclays senkten ihre Bewertung, der Analyst von der CS gleich mehrere Male, die Aktie sank seither um 13 Prozent. Dass die Zahlen nicht gut waren, dafür konnte Wauthier nichts, aber das Management der Erwartungen gehört zu seinen Aufgaben. Auch sollte der offizielle Gewinnausweis im Titel der Pressemeldung nicht zu sehr von der kritischen Betrachtung durch den Analysten abweichen. Peter Eliot, Versicherungsanalyst in London bei der Bank Berenberg sagt: «In den vergangenen Quartalen waren die vermeldeten Hauptkennzahlen jeweils schwächer als die zugrunde liegenden Geschäftszahlen. Es gab Druck vonseiten der Märkte auf die Zurich, diese Lücke zu schliessen, und es gab häufiger rückwirkende Gewinnberichtigungen.» Aber letztlich hätte das Unternehmen die Gründe dafür laut dem Analysten transparent kommuniziert. Von katastrophalen Zahlen spricht aber niemand, auch Ackermann nicht und schon gar nicht die Zurich selber. Serna; «Für uns gibt es aufgrund des Geschäftsgangs keinen ersichtlichen Grund, der zu einem Selbstmord führen konnte.» Auch Ackermann habe eine rein sachliche Kritik geübt, sagt einer, der die Sitzungsprotokolle gelesen hat.

Doch offenbar konnte Wauthier nicht mit der Kritik Ackermanns umgehen. Jedenfalls gab er dies in seinem Abschiedsbrief so an. Die Witwe Wauthiers, die bei der Zurich vom Personalchef und von Senn betreut wurde, machte Ackermann für den Tod ihres Mannes mitverantwortlich. Das wurde Ackermann auch so mitgeteilt. «Ich habe Grund zur Annahme, dass die Familie meint, ich solle meinen Teil der Verantwortung hierfür tragen, ungeachtet dessen, wie unbegründet dies objektiv betrachtet auch sein mag», schrieb er in seinem Communiqué. Bei der Zurich nahm man zum Abschiedsbrief keine Stellung. Serna: «Gerüchte über einen Abschiedsbrief und dessen Inhalt kommentieren wir nicht.»

Anders als bei der Swisscom

Beschlossen wurde Ackermanns Rücktritt vorgestern an einer ausserordentlichen Verwaltungsratssitzung. An mehreren Orten wurden Parallelen gezogen zum Suizid von Swisscom-Chef Carsten Schloter vor gut einem Monat. Auch er hatte mit seinem Verwaltungsratspräsidenten Hansueli Loosli Meinungsverschiedenheiten und brachte sich sehr stark ins Geschäft ein. Auch Schloter hinterliess einen Abschiedsbrief, doch darin führte er nur persönliche Gründe für seinen Selbstmord an. Das war bei der Zurich eben anders und darum sah Ackermann im Gegensatz zu Loosli keinen anderen Weg als den Rücktritt, um der Unternehmung lange Diskussionen und einen Imageschaden zu ersparen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.08.2013, 07:40 Uhr)

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Die Zurich Insurance Group ist der grösste Versicherungskonzern der Schweiz. 1872 als Zürich-Versicherungs-Gesellschaft gegründet, ist die Zurich heute in über 170 Ländern tätig. Rund 60'000 Angestellte arbeiteten Ende 2012 für den Versicherungskonzern. Bis Ende März 2012 hiess sie Zurich Financial Services. Im vergangenen Geschäftsjahr erzielte die Zurich einen Gewinn von 4,1 ­Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 35,6 Milliarden Dollar.

Die Zurich ist in die drei Geschäfts­bereiche General Insurance (Schaden- und Unfall­versicherung), Global Life (Lebens­versicherungen) und Farmers (Managementdienstleistungen in Zusammenhang mit Schaden- und Unfallversicherungen in den USA) gegliedert. Den grössten Anteil am Gewinn trägt der Bereich General Insurance bei. Hauptsitz der Zurich Insurance Group ist Zürich. (ssc)

Klaus J. Stöhlker zur Kommunikation der Zurich

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