Das Buchzentrum verpasst den Anschluss

Das Logistikzentrum der Buchläden verliert Verlage und Händler. Es muss die Arbeitszeit erhöhen und Stellen abbauen. Der Grosshändler leidet unter dem schrumpfenden Buchmarkt und neuer Konkurrenz.

Im Schweizer Buchzentrum in Hägendorf stapeln sich die Buchtitel. Es werden aber immer weniger. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Im Schweizer Buchzentrum in Hägendorf stapeln sich die Buchtitel. Es werden aber immer weniger. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer das Buchzentrum (BZ) in Hägendorf anruft, hört erst einmal den Song «Help, I need somebody». Der Beatles-Hit passt zur Situation des Schweizer Büchergrossisten. Der grösste Lieferant der Schweizer Buchläden kann Hilfe gebrauchen. Er verliert Kunden. Auf nächstes Jahr haben zwei bekannte Verlage gekündigt. Die beiden Schulbuchverlage Hep und SKV lassen ihre Bücher künftig von der Konkurrenz ausliefern. «Die Konkurrenz bietet bessere Dienstleistungen und ist deutlich günstiger», begründet Men Haupt, Verwaltungsrat beim Hep-Verlag. Das BZ sagt dazu, es werde die Bücher weiter im Sortiment führen. Fakt ist, das BZ-Auslieferungsgeschäft wird damit geschwächt, und dies im Bereich Schweizer Verlage, der Paradedisziplin des BZ.

Nicht nur Verlage kehren dem Buchzentrum den Rücken, auch die andere Kundengruppe des BZ, die Buchhändler, kaufen lieber anderswo ein. OF/Thalia wird nächstes Jahr wie angekündigt einen Grossteil der Bücher in Deutschland beziehen. Das Unternehmen spart damit je nach Volumen bis 15 Prozent ein.

Das BZ verliert mit den drei Kunden einen Millionenumsatz. Mehrere gut informierte Quellen sprechen von mehr als 25 Millionen Franken. Das BZ will keine Zahlen nennen. Chef und Verwaltungsratspräsident Hanspeter Büchler sagte im Kreise von Buchhändlern, 2014 werde ein «strubes Jahr». 2013 erzielte das BZ einen Umsatz von 190 Millionen Franken. Für 2014 rechnen Insider mit 160 bis 170 Millionen Franken. Zum Vergleich: 2007 betrug der Umsatz noch um die 220 Millionen Franken.

Höhere Arbeitszeiten

Der Einbruch hat Folgen. Intern ist von Produktivitätssteigerungsmassnahmen die Rede. Die BZ-Mitarbeiter müssen ab nächstem Jahr 2,5 Stunden pro Woche länger arbeiten, wie das Unternehmen bestätigt. Dies, um die Personalkosten zu reduzieren. Gemäss gut informierten Quellen müssen die Personalkosten um 1,5 bis 2 Millionen Franken gesenkt werden. Längere Arbeitszeiten werden dazu aber nicht ausreichen. Deshalb werde ein Stellenabbau nötig, sagen Insider. Von 10 Prozent der Arbeitsplätze ist die Rede. Das entspricht rund 30 Stellen. BZ-Sprecherin Gisi sagt zu einem Stellenabbau: «Wir bewegen uns in einem dynamischen Markt und müssen uns flexibel an Veränderungen anpassen können; unabhängig von einzelnen Kundenentscheiden.» Die Mitarbeiterzahl ist bereits in den letzten Jahren stetig gesunken: von 540 Mitarbeitern im Jahr 2002 auf aktuell noch 330. Das Management wurde bereits neu organisiert und eine Person entlassen.

Die Probleme des BZ sind nicht neu. Der Buchhandel schrumpft seit Jahren. 2014 wird der Marktumsatz um weitere 5 bis 6 Prozent sinken. Die Digitalisierung und der Onlinehandel drücken die Preise und nehmen dem klassischen Buchhandel laufend Kunden weg. Diese bestellen lieber mehrwertsteuerfrei bei Amazon in Deutschland als beim Buchladen um die Ecke. Das spürt auch das BZ. Wie ein Erdbeben wirkte zudem die Eurokrise auf die Branche. Auf der Suche nach billigen Preisen kauften die Buchläden ebenfalls vermehrt im Ausland ein.

Den hiesigen Büchergrossisten brach so noch mehr Umsatz weg. Einige bekannte Zwischenhändler wie Herder in Basel oder B&M in Schaffhausen haben das Auslieferungsgeschäft deshalb heruntergefahren oder ganz aufgegeben.

Doch neben den Strukturproblemen hat das BZ auch hausgemachte Probleme. Einst als Selbsthilfegruppe der Buchhändler gegründet – dank mehr Volumen können diese günstiger einkaufen –, hat das BZ heute auch Verlage aus dem In- und Ausland als Kunden. Diesen bietet das BZ Logistik- und Kommunikationsdienstleistungen an. Es vermietet Lagerplatz und organisiert den Weiterverkauf an Buchläden inklusive Inkasso.

Widersprüchliche Interessen

Bloss, die Interessen der beiden Kundengruppen driften weit auseinander. Die Verlage wollen möglichst viel für ihre Bücher erhalten, die Buchläden möglichst wenig dafür bezahlen. Von einem unlösbaren Dilemma ist die Rede.

Verlagskader finden, das BZ behalte zu hohe Rabatte für sich, und monieren hohe Lagermieten und zu wenig professionelle IT-Prozesse. Auf der anderen Seite fühlen sich Buchladeninhaber vom BZ vernachlässigt, was die Kontaktpflege anbelangt. Weil ihnen die Firma über eine Genossenschaft gehört und die meisten mit der Qualität zufrieden sind, bleiben sie dem BZ treu. Viele haben inzwischen aber einen Zweit- und Drittlieferanten.

Lange danach suchen mussten sie nicht. Die Nummer zwei hinter dem BZ mischt den Markt auf. Die AVA Verlagsauslieferung hat kürzlich neu ein sogenanntes Barsortiment für die Buchläden aufgebaut. Wie das BZ schon lange hat nun die AVA Bücher verschiedenster Verlage an Lager, ohne gleichzeitig der Auslieferer zu sein. Und hier ist die AVA erst noch günstiger als das BZ. «Wir können zu gleichen Konditionen wie die ausländische Konkurrenz liefern und sind deshalb billiger als unsere Konkurrenz im Inland», sagt AVA-Chef Stefan Schwerzmann. Die Lieferzeiten seien aber noch länger.

Günstiger ist die AVA, weil sie teilweise die deutsche Mehrwertsteuer an Buchladenbetreiber weitergibt und gleich hohe Rabatte gewährt wie die in der Schweiz tätige deutsche Konkurrenz. Zudem hat die AVA einen Euro-Umrechnungskurs von 1.25 Franken, das Buchzentrum einen von 1.31 Franken. AVA-Chef Schwerzmann betont, mit dem Angebot die deutsche Konkurrenz im Auge zu haben und nicht das Buchzentrum.

DVD-Geschäft ausbauen

Das AVA-Angebot sorgt in der Branche trotzdem für Aufsehen. Es rumort unter den Buchladeninhabern, die am BZ beteiligt sind. Dies auch weil Verwaltungsrat Hanspeter Büchler letztes Jahr auch gleich den Chefposten übernommen hat. Die Machtballung des früheren Thalia-Managers kommt nicht bei allen Genossenschaftern gut an. An Büchler liegt es nun aber, neue Geschäfte zu generieren. Die Ausgangslage ist nicht hoffnungslos. Das BZ steht finanziell auf gesunden Beinen.

Über mögliche Pläne gibt sich das BZ bedeckt. Man setze weiterhin auf die Stärke Buch. Daneben sei es ständig daran, bestehende Partnerschaften auszubauen und neue Geschäftsfelder zu akquirieren. So soll etwa der Bereich DVD ausgebaut werden. Ob mit Erfolgsaussichten, ist unklar. Denn auch hier hat das Onlinegeschäft längst den Markt verändert. Neben DVDs führt das BZ auch schon länger ein Papeterieartikel-Sortiment. Unter dem früheren Chef Andreas Grob wurde auch der Verkauf von digitalen Produkten wie E-Lehrmittel geprüft. Diese Projekte liegen aber auf Eis.

Wenn alles nichts hilft, könnte sich der Grossist notfalls bei der Konkurrenz Hilfe holen. Über eine Kooperation mit der AVA Verlagsauslieferung wurde jedenfalls bereits nachgedacht. Einige halten das nach wie vor für sinnvoll.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 04.12.2014, 21:47 Uhr)

Traditionsbetrieb

Die Geschichte des BZ

Das Buchzentrum (BZ) wurde 1882 von Buchhändlern gegründet. Die Genossenschaft kaufte und lagerte zuerst Bücher für die Händler. Mit der Einkaufsbündelung erhielten die Buchhändler günstigere Einkaufskonditionen und schnellen Zugang. Laufend baute das BZ seine Dienstleistungen aus. Später übernahm es auch die General-vertretung von Verlagen und managte deren Auslieferungsgeschäft. Das operative Geschäft des BZ ist inzwischen in eine AG ausgegliedert worden. Sie wird von 300 Genossenschaftern kontrolliert. Einst mussten die Genossenschafter mit steigendem Umsatz neue Anteilsscheine zeichnen. Jetzt gilt das nicht mehr. (bv)

Artikel zum Thema

Wie sieht das Buch der Zukunft aus?

Serie Die Literaturprofessorin Hildegard Elisabeth Keller ist bekannt für ihre multimedialen Bücher. Sie erweckt darin historische Figuren zum Leben. Mehr...

Bücher à discrétion

Spotify, Netflix und jetzt das: Mit seiner Flatrate für E-Books will Amazon den Buchmarkt umkrempeln. Wir haben das Angebot und die Konkurrenten getestet. Mehr...

Suhrkamp-Umwandlung auf Eis gelegt

Die Umwandlung des Suhrkamp Verlages in eine Aktiengesellschaft galt nur noch als reine Formsache. Doch Miteigentümer Barlach gab nicht auf - und hatte Erfolg in Karlsruhe. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die Kläuse sind los: Kostümiert rennen Hunderte Santa-Run-Teilnehmer durch die Strassen Athens. (4. Dezember 2016)
(Bild: Yorgos Karahalis/AP Photo) Mehr...