Das Erdölkartell sorgt sich allmählich um die sparsameren Amerikaner
Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 28.11.2008
Der Zerfall des Ölpreises ist für die privaten Haushalte eine gute Nachricht. Treib- stoffe sind viel billiger geworden und wirken wie eine Steuersenkung. In den USA etwa ist der Benzinpreis in einem halben Jahr von bis fünf Dollar pro Gallone – umgerechnet 1,4 Franken je Liter – auf unter zwei Dollar gesunken. Für die Produzentenländer aber geht die Rechnung nicht auf: Bei einem Preis von 50 Dollar je Fass können nur noch drei der in der Opec zusammengeschlossenen Länder ohne Verluste arbeiten. Deshalb erwägt das Kartell dieses Wochenende eine weitere Reduktion der Fördermenge. Längerfristig rechnen Experten mit klar höheren Preisen.
So kometenhaft der Preis bis zum Sommer abhob, so abrupt ist der Anstieg gebremst worden. Ein Fass Rohöl kostete im Juli bis zu 147 Dollar und wird nun – nach einem Rückfall unter 50 Dollar – für rund 54 Dollar gehandelt. Der Rückgang um mehr als 60 Prozent ist der Kombination zweier Ereignisse zuzuschreiben.
Die Amerikaner stellen um
Zum einen kühlt sich die Weltwirtschaft weit schneller ab als im Sommer erwartet; die USA stecken in der schwersten Rezession seit mehr als 30 Jahren. In den USA dürften übers Wochenende von Thanksgiving mindestens zehn Prozent weniger Flugkilometer gebucht worden sein als 2007. Auch lassen die Amerikaner spritfressende Wagen stehen; die Nachfrage nach SUVs ist um mehr als 30 Prozent eingebrochen. Das Energieministerium erwartet beim Absatz von Diesel- und Benzin den grössten Rückgang seit 1980. Als Folge dürften in den USA derzeit pro Tag eine Million Fass Rohöl benötigt werden, was der Opec Sorgen bereitet. Die USA verbrauchen fast ein Viertel der weltweiten Fördermenge; wenn sie weniger nachfragen, bricht der Preis zwangsläufig weg.
Zudem hat sich das Fieber an den Rohstoffmärkten gelegt; es hat gar einem Kater Platz gemacht. Spekulanten hatten die Ölpreise um mindestens 30 bis 40, vielleicht gar 70 bis 80 Dollar pro Fass über das Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage angetrieben. Hunderte von Hedge-Fonds stehen vor dem Aus. Sie hatten die Rohstoffpreise in dieselbe Richtung getrieben, und stürzen über dieselbe Klippe.
Die Opec schätzt, das Angebot liege knapp zehn Prozent zu hoch. Die Vorräte liegen bei 56 Tagesumsätzen, etwa vier Tage über dem für die Jahreszeit üblichen Niveau. Das Kartell entschied im Oktober, die Fördermenge um 1,5 Millionen Fass zurückzufahren; bei einer Produktion von 32 Millionen knapp fünf Prozent. Der Preiszerfall wurde jedoch nicht gebremst, weshalb die Opec einen weiteren Schnitt um rund eine Million Fass diskutiert. Experten rechnen mit einer schrittweisen Drosselung mit der Absicht, ein neues Preisband von 70 bis 90 Dollar zu erreichen.
Saudiarabien und Russland erzielen auch mit 50 Dollar grosse Gewinne, aber die meisten andern Produzenten visieren eine Marke von 70 Dollar an. Erst bei diesem Preis lohnt es sich, schwieriger zu erschliessende Reserven auf Dauer zu fördern, etwa Ölsand in Kanada, Ölschiefer in Venezuela und Tiefseelager in Brasilien.
Russland und Iran sind die Gewinner
Die Preisschwankungen dürften sich legen, sobald klarer zu sehen ist, wie tief die Rezession in den USA, Europa und Japan reicht und wie gut sich Schwellenländer wie China davon abkoppeln können. Die anhaltende Nachfrage in China, Indien, Indonesien oder Brasilien bestimmt den Preis. Schätzungen für 2009 reichen von 63 Dollar pro Fass bis zu 88 Dollar.
Dass die fossilen Energieträger ihre dominante Rolle auf absehbare Zeit behalten, ist für die US-Nachrichtendienste klar. In ihrer neuen Trendanalyse bis 2025 verweisen sie darauf, dass die Bevölkerung um mehr als eine Milliarde Menschen wachse und die Nachfrage hoch halten werde. Sicher bis 2015 werde der Preis weiter steigen, weil immer mehr Vorräte im Besitz von staatlichen Firmen seien. Diese hätten kein Interesse daran, ihre Einnahmequelle zu schnell auszubeuten. Die Hauptgewinner der Entwicklung sehen die US-Nachrichtendienste in Russland und im Iran. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.11.2008, 23:19 Uhr
Wirtschaft
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