Das Rennen um Ricardo

Die Konsolidierungswelle im Onlinehandel hält an. Jetzt steht ein neuer Abschluss bevor: Die Auktionsplattform Ricardo.ch befindet sich in einem Bieterverfahren. Auch Detailhändler und die Post zeigen Interesse.

Wohin mit Ricardo.ch? Im Bild der Empfang des Unternehmens in Zug. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Wohin mit Ricardo.ch? Im Bild der Empfang des Unternehmens in Zug. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

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Online-Experten sagen ihrem Geschäft im laufenden Jahr grosse Übernahmen voraus. So heisst es etwa, der chinesische Internetgigant Alibaba könnte Konkurrent Ebay übernehmen. Die beiden sollen so ein Gegengewicht zu Internetriese Amazon bilden. Der von Ebay abgespaltene Online-Bezahldienst Paypal wird ebenfalls als Übernahmekandidat gehandelt. Namen wie Google, Walmart, Visa oder Microsoft werden genannt. Auch Amazon selbst ist auf der Jagd nach externem Wachstum. Der amerikanische Konzern soll Kaufabsichten in Indien haben.

Das Fusionsfieber grassiert auch hierzulande. Viele Shops können beim knallharten Kampf um virtuelle Käufer zu tiefen Preisen nicht mithalten. Kein Wunder, hat deshalb das grossen Fressen begonnen. Grosse Anbieter kaufen kleine auf. Die Kleinen reagieren ihrerseits auf den Appetit der Grossen, indem sie sich zusammenschliessen, um sich so besser wehren zu können. Die Konsolidierung hat in der Schweiz bereits bekannte Shops erfasst: Microspot, Steg, Digitec, Kindertraum.ch und andere operieren nicht mehr alleine.

Online bringt Wachstum

Eines der bedeutendsten Akquisitionsrennen ist momentan am Laufen. Gleich mehrere Unternehmen aus verschiedene Branchen buhlen um die Schweizer Auktionsplattform Ricardo. Die aktuelle Besitzerin, die südafrikanische Naspers, äusserte sich auf Anfrage nicht dazu. Doch der Bieterprozess um die Plattform ist in vollem Gang, wie mehrere gut informierte Quellen dem «Tages-Anzeiger» bestätigen. Es wird der grösste Deal, den der Schweizer Markt in den letzten Jahren gesehen hat.

Ricardo generiert laut Handelsforschungsinstitut EHI einen Umsatz von rund 660 Millionen Franken. Unter den Schweizer Onlineshops belegt Ricardo nach Umsatz Platz zwei, hinter Swiss.ch mit 1,1 Milliarden Franken. Direktkonkurrent Ebay weist einen Umsatz von 170 Millionen Franken aus.

Auch Detailhändler interessiert

Interessiert an Ricardo sind nicht nur Online- und Medienhäuser wie Ebay, Ringier und Tamedia (die auch den «Tages-Anzeiger» herausgibt), wie bereits in verschiedenen Medien berichtet wurde. Auch andere namhafte Schweizer Unternehmen buhlen um das Auktionshaus. Mit von der Partie sind die Detailhändler. Beide grossen Player haben sich Ricardo.ch angeschaut. Die Migros ist gemäss mehreren gut informierten Quellen nach wie vor im Bieterprozess dabei, Coop hat sich derweil zurückgezogen. Die Migros nimmt zu möglichen Akquisitionen keine Stellung.

Die beiden Händler haben in den letzten Jahren im E-Commerce-Bereich kräftig zugekauft: Coop mit Nettoshop und die Migros mit Digitec. Der Onlinehandel ist im Vergleich mit dem stationären Geschäft derjenige Bereich, welcher Wachstum bringt. Coop knackte letztes Jahr die Milliarden-Umsatzgrenze mit E-Commerce. Die Migros, die für 2014 noch keine Zahlen bekannt gegeben hat, dürfte inklusive des Digitec-Galaxus-Umsatzes schon gegen 1,5 Milliarden Franken erreichen. Ab diesem Jahr wird der Digitec/Galaxus-Umsatz voll bei der Migros konsolidiert.

Der orange Riese will aber noch mehr. Ziel ist es, mittelfristig einen Online-Umsatz von 2 Milliarden Franken zu erzielen. Mit Akquisitionen geht das am einfachsten, und die Kasse der Migros ist gut gefüllt. Der grösste Schweizer Marktplatz kann da schöne Umsätze bringen, auch wenn auf den ersten Blick Ricardo-Teile wie die Autoplattform und die Kleininserate-Plattform als Fremdkörper erscheinen mögen. Einen Marktplatz zu besitzen, kann für den Händler interessant sein. Allein die 2,3 Millionen registrierter Nutzer und die damit verbundenen Daten sind für die kommerzielle Vermarktung von hohem Interesse. Man denke da beispielsweise an den ­Abgleich der Cumulus-Daten mit den Suchanfragen auf ricardo.ch.

Einziger Knackpunkt einer allfälligen Übernahme: Ricardo holt mit ricardo.shops vor allem ausländische Onlinehändler in die Schweiz, was den Einkaufstourismus fördert.

Autos und Kleinanzeigen

Warum sind die Medienhäuser Tamedia und Ringier an Ricardo interessiert? Beide Unternehmen verfolgen ebenfalls das Ziel, den Digitalanteil am Unternehmensergebnis weiter auszubauen.

Gerade im Bereich Onlinerubriken investierten Ringier und Tamedia in den letzten Jahren viel Geld. Mit Ricardo könnten beide ihre Marktanteile in den Sparten Auto und Gratis-Kleinanzeigen bedeutend ausbauen. Vor allem die Autoricardo, nach Umsatz die stärkste Kategorie, dürfte im Fokus von Ringier und Tamedia liegen. Übernimmt Tamedia (die mit ihrer car4you-Plattform auf Platz drei liegt) Ricardo, könnte das Medienhaus zu Marktführer Autoscout (Ringier) aufschliessen.

Im Fokus liegt aber auch das Kleinanzeigengeschäft. So buhlen Tamedia mit Tutti.ch, Ringier mit Anibis.ch und Ricardo mit Olx.ch um Marktanteile. Wer Olx.ch schnappt, wird zum unangefochtenen Marktführer. Das ist entscheidend: Dem Onlinerubrikenmarkt wird in den nächsten Jahren laut einer jüngsten Studie des Beratungsunternehmens PricewaterhouseCoopers ein grosses Wachstum vorausgesagt. Tamedia wollte zum Rennen um Ricardo keine Stellung beziehen.

Neben den bekannten Medienhäusern und Detailhändlern ist auch die Schweizer Post an Ricardo interessiert. Allerdings wollen auch die Post-Verantwortlichen mögliche Verhandlungen mit Ricardo nicht kommentieren. Übernahmegelüste im Handel hatte die Schweizer Post schon früher. So war es post-intern regelmässig ein Thema, die Kioske von Valora zu übernehmen, ent­wickeln sich diese doch als gute Paket-Annahmestellen.

Bekannt ist zudem, dass die Post mit E-Commerce Volumen und Umsatz generieren will. Deshalb hat die Post eine spezielle Logistikplattform entwickelt, über welche stationäre Detailhändler ihr Onlinegeschäft abwickeln können. Eine Vorwärtsintegration, wie das mit der Übernahme von Ricardo der Fall wäre, ist in der neuen Post-Vision eigentlich nicht vorgesehen. Das ist für die Post auch gar nicht nötig. Das Paketvolumen nimmt durch den Onlinehandel sowieso zu, die Post kann auch mittels Kooperationen davon profitieren. Kommt dazu, dass die Post durch den Eintritt ins Onlinegeschäft selber Gefahr läuft, bestehende Kunden wie Ebay zu verärgern.

Kopfschütteln über Preis

Egal, wer Ricardo übernimmt: Ein Schnäppchen wird die Übernahme nicht. Der Preis liegt laut mehreren Quellen im Bereich von 300 Millionen. Die «NZZ am Sonntag» schrieb kürzlich sogar, dass zwei Personen den Firmenwert von Ricardo gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg auf 500 Millionen Dollar schätzten. Dieser Betrag dürfte allerdings eindeutig zu hoch sein und aus dem Umfeld von Naspers stammen.

Selbst bei der Höhe von 300 Millionen Franken schütteln Marktbeobachter den Kopf über den Preis. Zum Vergleich: Die Migros hatte vor drei Jahren für den Unterhaltungselektronik-Anbieter Digitec laut Branchenschätzungen 140 Millionen Franken bezahlt. Das Unternehmen generierte damals einen Umsatz von 400 Millionen Franken. Im Markt wurde das damals als teure Akquisition bewertet.

Klar ist: Ob derart vielen Interessen kann sich die Ricardo-Mutter Naspers nur die Hände reiben. Es dürfte ihr nicht schwerfallen, den Preis in die Höhe zu treiben. Wer den Zuschlag für diese ­begehrte Firma im Onlinehandel bekommt, wird sich in den nächsten Wochen zeigen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.01.2015, 20:05 Uhr)

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