Wirtschaft
Das Risiko Daniel Vasella
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 03.09.2010
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Heute ist auf dem Novartis-Campus in Basel Daniel Vasella direkt in den engsten Führungszirkel des Schweizer Wirtschaftsverbands Economiesuisse gewählt worden. Die Wahl ist im Rahmen des Tages der Wirtschaft erfolgt, der mit einer Mitgliederversammlung von Economiesuisse verknüpft ist. Die Zuwahl hat im Vorfeld der Veranstaltung bereits für Schlagzeilen gesorgt.
Auf den ersten Blick ist daran nichts Aussergewöhnliches: Vasella hat sich Anfang Jahr vom Doppelmandat als CEO und Verwaltungsratspräsident des Pharmamultis Novartis auf den zweiten Posten zurückgezogen und die operative Leitung dem Amerikaner Joe Jimenez überlassen. Da kann er sich auch wieder um andere Anliegen kümmern.
Nachfolger seines Angestellten Thomas Wellauer
Laut den Statuten von Economiesuisse haben ausserdem zwei Vertreter der für die Schweiz besonders wichtigen Pharma- und Chemiebranche Anspruch auf zwei Sitze im Verwaltungsratsausschuss. Einen davon nimmt Christoph Mäder ein, der den Branchenverband der chemisch-pharmazeutischen Industrie SGCI präsidiert. Auf dem anderen Sitz war mit Thomas Wellauer schon bisher Novartis vertreten. Bekannt ist Wellauer aber nicht als Mann der Pharmaindustrie, sondern als einstiger Manager bei der Credit Suisse und dem Beratungsunternehmen McKinsey.
Der Wechsel von Wellauer zu Vasella hat für Economiesuisse eine grössere Bedeutung, als deren Präsident Gerold Bührer in öffentlichen Stellungnahmen zugeben will. Der «Basler Zeitung» hat er erklärt, es handle sich um einen «ganz gewöhnlichen Vorgang». Doch mit dem Wechsel sitzt jetzt wieder eine Person für die Pharmaindustrie im Gremium, die diese nicht nur vertritt, sondern darin auch eine grosse Macht hat. Das ist nicht mehr der Fall, seit sich Roche-Chef Franz Humer vom Amt als Vizepräsident des Verbandes verabschiedet hat. Früher kam es sogar oft vor, dass die Spitzen der einstigen «Basler Chemie» das Präsidium im Verband gestellt haben.
Nicht nur Fortschreibung einer alten Tradition
Doch die Zuwahl Vasellas in den inneren Zirkel des mächtigsten Schweizer Wirtschaftsverbands ist nicht bloss eine Fortschreibung einer alten Tradition – wie die «Basler Zeitung» schreibt, aspiriere er sogar auf ein Vizepräsidentenamt: Die Schweizer Wirtschaft hat sich gewandelt und damit auch der Verband. Die unterschiedlichen Interessen haben sich akzentuiert: Jene zwischen den Grossbanken und der Industrie, jene zwischen kleineren Betrieben und Grosskonzernen, und jene zwischen denen, die eher auf den Weltmarkt ausgerichtet sind, und denen, die vor allem für die Binnenwirtschaft produzieren.
Wie schnell diese Spannungen zu Erschütterungen führen können, hat sich vor fünf Jahren gezeigt, als mit Andreas Schmid ein Vertreter des Finanzplatzes zum Präsidenten des Verbands hätte gewählt werden sollen. Die Vertreter der Industrie – allen voran der heutige Bundesratskandidat, Unternehmer und Verbandspräsident Johann Schneider-Ammann – protestierten und drohten mit dem Austritt aus dem Verband, ebenso die Baumeister. Gewählt wurde dann der FDP-Politiker Gerold Bührer als Konsenskandidat aller Seiten.
Scharfe Kritik von Schneider-Ammann
Mit dem neuen Präsidiumsmitglied Daniel Vasella könnten sich die Gräben bei Economiesuisse wieder weiter öffnen. Der stammt zwar nicht von den Grossbanken. Aber er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er von einigen Debatten gar nichts hält, die auch unter inländischen Wirtschaftsführern viel Staub aufgewirbelt haben: So etwa Forderungen nach einer Machttrennung im obersten Gremium eines Konzerns in einen CEO und einen Verwaltungsratspräsidenten. Noch viel schlechter angekommen ist aber der gigantische Bonus, den sich Vasella bei Novartis ausbezahlen liess. Die Stiftung Ethos schätzte dessen Marktwert auf rund 40 Millionen Franken. Schon vor zwei Jahren hat Johann Schneider-Ammann den Novartis-Chef deswegen im «Sonntags Blick» öffentlich kritisiert: «Auch ein Herr Vasella wird erkennen müssen, dass die Zeiten der exorbitanten persönlichen Abschöpfung zulasten der Allgemeinheit vorbei sind.» Damit hat Schneider-Ammann kaum nur seine eigene Ansicht kundgetan.
Selbst wenn Schneider-Ammann nach einer Wahl in den Bundesrat seinen Sessel als Vizepräsident bei Economiesuisse räumt, könnte Daniel Vasella im Spitzenverband der Schweizer Wirtschaft für neue Spannungen sorgen. Sein Ruf und sein gewohnt forsches Auftreten könnten den mühsam zusammengezimmerten Konsenskurs im Spitzenverband der Schweizer Wirtschaft gefährden, dem dieser sich mit der Wahl von Gerold Bührer verschrieben hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.09.2010, 13:47 Uhr


