Das Sorgenkind der NZZ

Die «Neue Zürcher Zeitung» setzt seit letztem Sommer auf eine neue Nachrichtenseite im Web und seit Herbst auf eine Bezahlschranke. Die Zugriffszahlen sind auf einem Rekordtief angelangt.

Was nutzen die NZZ-Leser? Ausschnitt aus der aktuellen Werbekampagne der NZZ. 
(Bild: adi)

Was nutzen die NZZ-Leser? Ausschnitt aus der aktuellen Werbekampagne der NZZ. (Bild: adi)

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Die «Neue Zürcher Zeitung» und ihre ehrgeizigen Ambitionen in der Onlinewelt geben in der Medienbranche derzeit viel zu reden. Die Zeitung überarbeitete im letzten Sommer von Grund auf ihre Nachrichtenseite und führte im Herbst die Bezahlpflicht für Inhalte im Netz ein. Seither beobachtet die Zeitungswelt, wie sich die «Alte Tante» im Netz so schlägt.

Doch irgendwie punkten die neue Strategie und der neue Auftritt nicht so, wie sich das die Macher vorgestellt haben. Die Leserzahlen brachen nach dem Relaunch im Sommer ein, was bei einem etablierten Titel im Netz eigentlich nicht passieren darf. Und auch nach der Lancierung der Paywall im Herbst kämpft die NZZ im Netz um die Reichweite, die für Erträge aus der Werbung doch entscheidend ist.

Klickzahlen eingebrochen

Das Bild präsentiert sich so: Laut den jüngsten Zahlen des Internetbeobachters Netmetrix ist «NZZ online» auf einem Rekordtief angelangt. Klickten sich die Leser im Dezember 2011 monatlich noch 50 Millionen Mal durch das entsprechende Angebot, so zählte man im Dezember 2012 rund 38 Millionen Seitenaufrufe. Auch seit dem Relaunch der Seite im Sommer zeigt der Trend klar nach unten. Das Angebot bei den Unique Clients, die im Rahmen der Paywall-Strategie wichtig sind, ist ebenfalls rückläufig und nicht von der Hand zu weisen. Im Juni klickten sich noch 1,5 Millionen User durch das Angebot. Im Dezember – in einem zugegebenermassen schwachen Monat, was die Internetnutzung betrifft – waren es noch 1,45 Millionen User. Die Visits, was als Seitenbesuch zählt, sind ebenfalls rückläufig und für die Führung sicherlich unbefriedigend: von 10,7 Millionen um minus 2,2 auf 8,5 Millionen (Vergleich Juni und Dezember).

Die schlechte Entwicklung des Onlinetitels hat Konsequenzen. Wie bereits die «SonntagsZeitung» kurz vor Neujahr schrieb, haben die Verantwortlichen, Chefredaktor Markus Spillmann und Digitalchef Peter Hogenkamp, eine Projektgruppe ins Leben gerufen. Man werde «gewisse Anpassungen am Design» vornehmen, hiess es. Was das heisst? Stimmen die Informationen, die von der Falkenstrasse zu hören sind, wünschen sich nicht wenige im Kader die Rückkehr zum ursprünglichen Layout vor dem Relaunch. Der luftige Auftritt mit grossen Bildern und Schriften sei ein Reinfall und müsse ersetzt werden, heisst es hinter vorgehaltener Hand.

Mehr Kommentare und Fremdmeinungen

Tatsächlich soll in wenigen Wochen – Brancheninsider gehen von Februar aus – «NZZ online» in einem neuen Gewand daherkommen. Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet bestätigt Chefredaktor Markus Spillmann, dass das Layout der Seite derzeit überarbeitet werde. Von einer Rückkehr zum alten Auftritt will er allerdings nichts wissen. Er teilt mit, dass die Website künftig «kleinteiliger» organisiert würde, um mehr Einstiegspunkte in «das sehr grosse und vielfältige Angebot der NZZ zu ermöglichen». Was heisst, dass man sich vom angelehnten Blogstil-Layout verabschieden wird. Und das Layout wird – wie in der Branche kolportiert – tatsächlich weisser. «Wir verabschieden uns vom schwarzen Balken, der die Seite im oberen Bereich unnötig zerschneidet.» Über andere gestalterische Änderungen will Spillmann in wenigen Wochen informieren.

Weiter sollen die publizistischen Kernstärken neben der rein nachrichtlichen Orientierung besser sichtbar gemacht werden. Konkret: Die NZZ will im Netz die User mit mehr Kommentaren, Fremdmeinungen, Kolumnen und Lesestoffen auf die Seite locken. Um die Leser an das Angebot zu binden, bricht man offenbar auch mit einem Tabu. Waren Newsticker bislang auf Plattformen der Konkurrenz zu finden, will nun auch die NZZ so um die Gunst der User buhlen. Spillmann erläutert die Idee: «Wir werden eine rein nachrichtlich orientierte Newsticker-Bewirtschaftung einbauen, um auch diesen Ansprüchen besser entsprechen zu können.» Spillmann will sich allerdings von der Konkurrenz unterscheiden: «Wir werden nicht einfach den Agenturticker laufen lassen, sondern nach unseren NZZ-internen Richtlinien für Relevanz und Stichhaltigkeit zur generellen Ausrichtung unserer Publizistik Meldungen setzen.»

NZZ-Qualität nicht einfach dem reinen Bolzen opfern

Dass die Besucherzahlen wegen des jetzigen Designs rückläufig sind, stellt Spillmann nicht in Abrede: «Die jetzige Seitenstruktur bietet aus verschiedenen Gründen zu wenig Möglichkeiten. Sie ist in der Tendenz zu grossflächig, zu statisch, vielleicht sogar eine Spur zu aufgeräumt, zu sehr strukturiert, sodass inhaltliche Veränderungen zu wenig wahrgenommen werden.» Er ist mit der Reichweitenentwicklung nicht zufrieden. Aber es sei umgekehrt nicht so, dass er alles dieser unterordnen wolle. Aus publizistischen Gründen, weil er die NZZ-Qualität nicht einfach dem reinen Bolzen, wie er schreibt, opfern wolle. Zum anderen, weil er mit der Paywall die Wertigkeit des Angebots glaubwürdig hochhalten müsse.

Auf die Frage, ob das Projekt Paywall und Website denn nicht als katastrophal bezeichnet werden müsse, sagte Spillmann: «Es gibt viel zu tun – da wir aber wissen, was wir alles schon eingeleitet haben, mag ich effektiv nicht von Katastrophe sprechen. Die NZZ ist insgesamt gut aufgestellt und gut unterwegs, aber es gibt durchaus einige Baustellen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.01.2013, 16:36 Uhr)

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