Wirtschaft

«Das Volk sympathisiert mit seinen Geiselnehmern – den Banken»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Autor Philipp Löpfe hat ein Buch über das Bankgeheimnis geschrieben. Im Interview erklärt er den Mythos der helvetischen Einrichtung und die Folgen der Abschaffung.

«Die SVP hat dies geschickt ausgenützt und das Bankengeheimnis zu einem Bestandteil des «Sonderfalls Schweiz» gemacht», sagt Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Autor Philipp Löpfe.

TA

Philipp Löpfe, Banken ohne Geheimnisse - Was vom Swiss Banking übrig bleibt. Orell Füssli, 2010. 192 Seiten, ca. 39.90 Fr.

Philipp Löpfe, Banken ohne Geheimnisse - Was vom Swiss Banking übrig bleibt. Orell Füssli, 2010. 192 Seiten, ca. 39.90 Fr.

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Wie lange gibt es das Bankgeheimnis in seiner heutigen Form noch?
Seit die Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug bei Ausländern abgeschafft ist, liegt das Bankgeheimnis im Koma. Sein klinischer Tod interessiert nur noch die Spezialisten.

Selbst bürgerliche Politiker sprechen inzwischen davon, die schweizerische Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und – hinterziehung aufzuheben. Warum kommt es zu diesem Sinneswandel?
Weil es sinnvoll ist. Nur die SVP ist heute noch so schizophren, dass sie glaubt, gleichzeitig auf die Grossbanken einprügeln und das Bankgeheimnis mit Zähnen und Klauen verteidigen zu können.

In Umfragen spricht sich dagegen immer fast 90 Prozent der Bevölkerung für das Bankgeheimnis aus. Warum?
Die Debatte über die Holocaust-Gelder in den Neunzigerjahren hat fatale Folgen gehabt. Damals wurde die Schweiz tatsächlich in einem gewissen Sinn über den Tisch gezogen. Trotz den intensivsten Recherchen hat die Volcker-Kommission kein Geld von Holocaust-Opfern auf Schweizer Bankkonten gefunden. Für viele Schweizerinnen und Schweizer ist seither jeder Angriff auf das Bankgeheimnis automatisch ein fieser Angriff auf die Schweiz. Daher kommt der Abwehrreflex. Zu Unrecht: Jetzt ist das Bankgeheimnis unter Beschuss geraten, weil es von der UBS in den USA schamlos und wahrscheinlich auch kriminell missbraucht worden ist.

Allgemein scheint die Debatte im Inland sehr emotional aufgeladen zu sein. Weshalb?
Seit der Holocaust-Debatte leidet die Schweizer Bevölkerung unter dem «Stockholm»-Syndrom: Sie identifiziert sich mit ihren Geiselnehmern, den Banken. Die SVP hat dies geschickt ausgenützt und das Bankengeheimnis zu einem Bestandteil des «Sonderfalls Schweiz» gemacht.

Mit den 1500 Datensätzen, der aus einer Schweizer Bank gestohlenen CD, glaubt der deutsche Fiskus 100 Millionen Euro einzunehmen. Was glauben Sie, wie viel Steuereinnahmen gehen anderen Ländern wegen des Schweizer Bankgeheimnis pro Jahr verloren?
Gemäss Angaben der Bankiervereinigung werden in der Schweiz mehr als 2000 Milliarden Franken Vermögen von ausländischen Kunden verwaltet. Das entspricht rund einem Drittel der weltweit vorhandenen Privatvermögen. Angaben darüber, wie viel von diesem Geld nicht versteuert wird, gibt es nicht.

Schweizer Bankiers haben immer wieder gesagt, die anderen Staaten seien selber Schuld, wenn ihre Bürger Geld in die Schweiz brächten. Es ging das Bonmot um von der Oase in der Steuerwüste. Ihre Meinung?
Die Schweiz hat alles Recht, darüber zu befinden, wie sie ihre eigenen Bürgerinnen und Bürger besteuern will. Sie hat jedoch nicht das Recht, Ausländern zu helfen, Steuern zu hinterziehen. Vor allem dann nicht, wenn diese Kunden Rechtsstaaten wie Deutschland oder die USA betrügen.

Andere Staaten greifen inzwischen zu juristisch heiklen Methoden, um die Steuerfestung Schweiz zu knacken: Sie kaufen gestohlene Bankdaten. Finden Sie das zulässig?
Zulässig nicht, aber verständlich.

Welche Finanzplätze profitieren davon, wenn die Schweiz das harte Bankgeheimnis auflöst?
Keiner. Singapur beugt sich ebenfall den OECD-Richtlinien, und wer wird heute noch sein Geld nach Dubai tragen?

Die Schweizer Banken seien wegen des Bankgeheimnisses fett geworden, aber auch impotent. Dies sagte einst Bankier Hans Bär. Wo zeigt sich das?
In ihrem Kopf. Die Schweizer Banker sind sehr widersprüchlich, wenn es um das Bankgeheimnis geht. Sie betonen, wie unwichtig es für ihre Resultate geworden sei und malen den Untergang der abendländischen Welt an die Wand, wenn das Bankgeheimnis verschwinden sollte. Beides gleichzeitig kann nicht sein.

Wie konkurrenzfähig ist die Schweizer Finanzindustrie noch, wenn das Bankgeheimnis in seiner heutigen Form fällt?
Sehr konkurrenzfähig, das zeigen die jüngsten Zahlen der Schweizer Banken. Wie gesagt, das Bankgeheimnis ist bereits faktisch tot. Ausser der UBS scheint bisher niemand darunter zu leiden.

Auf welche Stärken müssten sich die helvetischen Banker konzentrieren?
Der wichtigste Trumpf ist nach wie vor die politische Stabilität und die Verlässlichkeit der Schweiz. Reiche Menschen – und in Asien entstehen derzeit sehr viele neue Millionäre – suchen vor allem Sicherheit. Die kann die Schweiz bieten – es sei denn, wir lassen uns von Hitzköpfen in sinnlose Abnützungsschlachten hetzen.

Werden unsere Banken dann kleiner?
Das Bankgeheimnis betrifft primär das Private Banking. Das «Too-big to-fail»-Problem ist ein Problem des Investmentbanking, und das ist wiederum eine ganz andere Geschichte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.02.2010, 14:28 Uhr

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18 Kommentare

André Walser

10.02.2010, 03:01 Uhr
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Das Volk sucht Halt bei Erfolgreichen wie bisher den Banken. Ob das Schweizer Bankengeschäft moralischen Kriterien standhält interessiert weniger, hauptsache erfolgreich... Antworten


Christian Vontobel

05.02.2010, 15:18 Uhr
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Zum Glück gibt es noch Leute, die klaren Kopf behalten und den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen. Zu lange ist zu Vieles einfach tabuisiert und beschönigt worden - auch die Tatsache der Gelder von Holocaustopfern, die sehr wohl auf Schweizer Banken gelagert waren. Antworten


ruth leemann

05.02.2010, 14:33 Uhr
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Länder die Spionage / Datenklau behgehn, kann man nur bestrafen, in dem man sie in Zukunft meidet. Die Schweiz sollte sich auch nach anderen Geschäftspartner umsehen - Deutschland ist kein zuverlässiger Partner mehr. Antworten


Thomi Horath

05.02.2010, 12:42 Uhr
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Also gut Herr Truninger, wenn Sie keine Angst vor dem Zustand "gläserner Bürger" haben, dann sagen Sie mir doch gerne mal, wieviel Sie verdienen und wieviel Sie auf Ihrem Konto haben, oder habe ich da etwas falsch verstanden? Antworten


Anke Bergmann

04.02.2010, 16:06 Uhr
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Sie schreiben: "Trotz den intensivsten Recherchen hat die Volcker-Kommission kein Geld von Holocaust-Opfern auf Schweizer Bankkonten gefunden." Das ist grobe Geschichtsfaelschung. Die Volcker-Kommission hat fast 54'000 Konten von Holocaust Opfern auf Schweizer Bankkonten identifiziert, wie in ihrem Schlussbericht nachzulesen ist. Antworten


Andreas Zimmermann

04.02.2010, 15:38 Uhr
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Herr Löpfe mehr Sachlichkeit! Finanzdienstleister sind eine der wichtigsten Industrien in der Schweiz, auch Netto nach der Krise, den Wohlstand in der Schweiz entscheidend vergrössert haben. Antworten


Armin Truninger

04.02.2010, 15:24 Uhr
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Als Schweizer schäme ich mich je länger mehr, wie Schweizer Politiker ohne Scham versuchen, ehrliche Steuerzahler hinters Licht zu führen. Steuerhinterziehung ist Betrug, und zwar Betrug gegen das eigene Volk. Wer Betrüger versteckt und unterstützt, macht sich schuldig. Es ist kriminell, Steuerflüchtlinge aufzunehmen und ihr Vermögen zu verstecken. Die Mähr vom "gläsernen Bürger" ist lachhaft. Antworten


Peter Paulmann

04.02.2010, 15:24 Uhr
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Seit ich mich für Politik und Wirtschaft interessiere, hat mich dieses Bankgeheimnis gestört. War immer dagegen und verstehe nicht, dass der einfache Bürger so solidarisch mit den Banken, den Betrügern und den Milionären war und immer noch ist. Tja, die Schweiz hat es verpasst mit Würde davon Abschied zu nehmen und jetzt haben wir den Schlammasle. Naja, lieber ein Ende mit Schrecken, als.... Antworten


Thomi Horath

04.02.2010, 15:23 Uhr
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Sind das Bankgeheimnis und die Begriffe "Steuerhinterziehung und Steuerbetrug" nicht zwei verschiedene Paar Schuhe? Den Begriff "Steuerhinterziehung" abzuschaffen bereitet wohl den wenigsten Kopfzerbrechen, wohl aber das Bankgeheimnis. Etwa gleicherart wie wenn man das Arztgeheimnis abschaffen wollte, würde ich schätzen. Antworten


Stefan Meier

04.02.2010, 15:22 Uhr
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Ich sympathisiere NICHT mit den Banken. Statt staatlich Subventionierte Boni zu garantieren hätte ich mit der Peitsche geknallt und die UBS vor die Wahl gestellt, entweder 80% Eigenkapital oder verrecken. Antworten


Rudolf Bächtold

04.02.2010, 15:19 Uhr
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Die übliche Loepfe-Masche: Gegen den Mainstream schreiben. Oft amüsant, aber meist daneben. Auch hier: Mit dem Bankgeheimnis verschwindet der Finanzplatz Schweiz. Das Investment-Banking wird wegwandern (London, New York), da besser Bedingungen. UBS/CS werden als Retailer auf einen Bruchteil ihrer heutigen Grösse reduziert. Private Banking International ist mausetot, da zu schlechte Performance. Antworten


daniel jauslin

04.02.2010, 15:13 Uhr
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Super - mal ein nüchterner Beitrag, was Sache ist und um was es eigentlich geht. Nach dem demagogischen Geschrei derr letzten Tage eine echte Wohltat! Antworten


Raffael Grassi

04.02.2010, 15:02 Uhr
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Es würde der Schweiz tatsächlich gut anstehen, wenn man diesen Nimbus der Steueroasa loswerden würde. Damit sind die globalen Finanzplatzrichtlinien ein Muss, wie sie Philipp Hildebrand bereits gefordert hat. Hören wir auf, uns etwas vor zu machen. Polemik gegen Deutschland hilft hier nicht weiter. Das Finanzbusiness hat hier nur eine Zukunft, wenn wieder seriös und zuverlässig gearbeitet wird... Antworten


rolf neff

04.02.2010, 14:59 Uhr
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Das Interview ist sozusagen die reine Freude.Alle Punkte werden angesprochen und ueberzeugend beantwortet.Das Bankgeheimnis ist ein hohler Mythos,der sich trefflichst von der SVP instrumentalisieren laesst. Wenn die Banken in der Schweiz so gut sind,wie sie dies immer behaupten,verstehe ich die nackte Angst in Sachen Bankgeheimnis nicht.Dieser alte Zopf gehoert auf den Misthaufen. Antworten


Hans Meier

04.02.2010, 14:58 Uhr
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Die Banken als "Geiselnehmer" des Schweizer Volkes zu bezeichnen ist ein primitiver Populismus. Philipp Löpfe will um jeden Preis Aufmerksamkeit gewinnen. Und die FDP-Politiker, welche jetzt plötzlich für die Aufweichung des Bankgeheimnisses und für die Abschaffung der "Steuerhinterziehung" auch im Inland sind, sollten bitte rasch zur SP wechseln. Antworten


bruno fellmann

04.02.2010, 14:56 Uhr
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Herr Loepfe, hat ganz recht, das Bankgeheimnis um jeden Preis ist ein Auslaufmodell. Niemand versteht mehr den Unterschied zwischen Steuerhinterziehnung und Steuerbetrug. Es braucht eine Vorwärtsstrategie und die besteht eingentlich nur in seriöser, zuverlässiger rechtstaatlich sicherer und kompetenter Leistung. Die Trickserei sollte ein Ende haben. die schadet nur und stiftet Unglaubwürdigkeit... Antworten


Marco Kreienbühl

04.02.2010, 14:49 Uhr
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Danke für diesen guten Artikel - das Buch sollte Pflichtlektüre für alle Schweizerinnen und Schweizer werden! Habe nie ganz verstanden, wie man die etwas künstliche Unterscheidung Steuerbetrug und Steuerhinterziehung so lange aufrecht erhalten konnte - und vor allem, weshalb dieser Unterschied vom Schweizer Volk dermassen verteidigt wird, obwohl ja 95% davon gar nicht "profitieren"...! Antworten


Boris Radtke

04.02.2010, 14:49 Uhr
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Das Zeitalter, in denen reiche Ausländer schnell urlaubsweise in die Schweiz geflogen kamen, um dort ihre Millionen-Vermögen anzulegen, um dann noch schnell 2-3 Tage in Saas Fee oder St.Moritz Urlaub zu machen, sind nun vorbei. Wenn eine Deutsche Bank ohne derartige "Bankgeheimnis-Methoden" trotzdem 5 Milliarden Gewinn machen kann, müsste es für CH Banken auch gehen, auf die "faire Tour". Antworten



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