Das entschleunigte Skigebiet

Mitten in der Krise wird die Davoser Schatzalp-Strela aus dem Dornröschenschlaf geweckt – aber ganz sanft.

So gemütlich solls wieder werden: Der alte Schlepplift auf den Strelapass in einer Aufnahme um 1900.

PD

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Hochgerüstete Skigebiete mit Schneekanonen und flach gehobelten Pisten gebe es in Davos schon genug, sagt Pius App, Mitbesitzer der Davoser Schatzalp. Zweierlei könne er deshalb versprechen, wenn Schatzalp-Strela kurz vor Weihnachten nach sieben Jahren aus seinem Dornröschenschlaf geweckt werde: «Die Lifte werden gleich langsam laufen wie vorher, und es hat garantiert nur Naturschnee.» Schatzalp-Strela werde «das erste entschleunigte Skigebiet» sein. Für das Liftpersonal seien SKA-Mützentragen und Brissagorauchen nicht Vorschrift, aber gern gesehen. Wenn sich zu viele Snöber auf den «langsamen Berg» verirrten, lasse er Ländlermusik laufen, «das selektioniert», sagt App nur halb unernst.

Entdeckt hatte App den Zauberberg – sogenannt nach Thomas Manns gleichnamigem Roman –, als er auf Tourenski am Jugenstil-Hotel vorbei auf den Strelapass hochfellte. Die Vorbesitzer hatten das Skigebiet 2002 mangels Ertrag stillgelegt. Als Pius App und Erich Schmid die Schatzalp im Frühling 2003 kauften, sagten sie, Sesselbahn und Schlepplift würden wieder in Betrieb genommen. Niemand glaubte ihnen; die Wirtschaft steckte damals in der Krise.

Babyboomer als Zielgruppe

Seither hat das Duo das Hotel sanft renoviert und zum Laufen gebracht, die Schlittelbahn betrieben und die Schatzalpbahn erneuert. Dass die Erweckung des Skigebiets erneut in eine Krisenzeit fällt, stoppt die Initianten nicht.

Die Philosophie der Langsamkeit passt zu den sanft abfallenden Hängen oberhalb der historischen Hotelanlage. Andere Skigebiete wie Davos-Parsenn und Laax hätten zwar auch gemerkt, dass ihr Angebot zu einseitig sei, und sogenannte Chillout-Pisten eingerichtet, sagt App: «Aber die meisten Fahrer rasen auch auf diesen Entspannungspisten, weil ihnen gar nicht bewusst ist, dass hier ein gemütlicheres Tempo angesagt wäre.» Das soll auf dem Zauberberg nicht passieren. Pistenraser würden gezielt entfernt.

«Unsere Zielgruppe sind vor allem Babyboomer, die es beim Skifahren gern gemütlich nehmen», sagt App. Ihm war aufgefallen, dass er zu einer immer grösser werdenden Gruppe gehörte, die hin und wieder noch eine Skitour macht, Skipisten aber meidet: «Ich fühlte mich, und das ist vielleicht auch eine Altersfrage, einfach nicht mehr wohl auf den glatten, unpersönlichen Schneeautobahnen.» Auch Jüngeren ergehe es so – das Alter der Aussteiger sinke ständig. Ihm sei ein Rätsel, warum die Skibranche nicht stärker versuche, die geburtenstarken älteren Jahrgänge als Kunden zurückzugewinnen.

Mit günstigen Preisen abheben

Die Nischenstrategie wird strikte durchgezogen. Von umliegenden Skigebieten will sich die Schatzalp mit günstigen Preisen abheben. Erwachsene zahlen für die Tageskarte unter der Woche 30, an Wochenenden und Feiertagen 35 Franken. Jugendliche zahlen ein Drittel, Kinder zwei Drittel weniger.

Wer nur wenig Lift fahren und dafür mehr in den vier Beizen oder an der «Snow Beach» auf der Davoser Sonnenseite ausspannen will, kann auch einen selbst gewählten Betrag auf die Chipkarte laden und Liftfahrten einzeln beziehen, sagt App.

Nicht garantieren könne er, dass das Skigebiet immer offen sei: «Wir behalten uns vor, bei Hudelwetter, Sturm oder Schneemangel zu schliessen.» Aber dann mache Skifahren ja ohnehin keinen Spass.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.12.2009, 07:19 Uhr)

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