Interview

«Das ist nur die Spitze des Eisbergs»

Goldman-Sachs-Banker Greg Smith packt aus und mischt damit die Finanzwelt auf. Die Finanz-Expertin Barbara Stcherbatcheff kennt das nur zu gut. Mit dem Buch «Citygirl» wurde sie weltbekannt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet traf sie in Zürich.

In Chicago aufgewachsen, fünf Jahre in der Londoner City als Bankerin tätig und inzwischen in Zürich gelandet: «Citygirl»-Autorin Barbara Stcherbatcheff. (Video: Schmid/Chapman)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Muppets seien die Bankkunden bei Goldman Sachs genannt worden, schrieb Greg Smith in der «New York Times». Ein Affront gegen die Bank selber und die ganze Branche, deren Ruf seit Jahren unter Insideraffären und Boni-Skandalen leidet. Smith dürfte es schwer haben, in der Branche wieder einen Job zu finden, er sei gestempelt, befand die gleiche Zeitung einen Tag später.

Eine Situation, die Barbara Stcherbatcheff bekannt vorkommen dürfte. Mit dem Buch «Citygirl» wurde die Amerikanerin im August 2009 weltbekannt. «Sie verdiente Millionen von Pfund – und verlor sie wieder», heisst es im Promo-Text zum Buch. Und: «Sie erlebte die Machowelt des Investmentbankings hautnah aus der Perspektive einer Frau.»

In Strümpfen und Stöckelschuhen

Inzwischen hat die gebürtige Chicagoerin ihren Lebensmittelpunkt von London nach Zürich verlegt. Ein Job in der Finanzwelt – wo will sie nicht sagen – brachte die Frau an die Limmat. Fast unbemerkt lebt sie nun seit einem Monat hier. Was in der Branche abgeht, verfolgt sie noch immer ganz genau. «Ich habe solche Worte die ganze Zeit gehört», erzählt uns Stcherbatcheff beim Treffen am Zürcher Paradeplatz, Bezug nehmend auf Smith’ Muppets. Die frühere Bankerin geht sogar noch weiter: «Das ist nur die Spitze des Eisbergs.» Aber, findet sie, solche Worte hätten in einem professionellen Umfeld keinen Platz.

In Strümpfen und Stöckelschuhen: Der Auftritt der 31-Jährigen spiegelt das Titelbild ihres Buches wieder. Das zeigt Frauenbeine in rosa High Heels vor einer Schar schwarz beschuhter Männerbeine, den Cityboys. Unterschiede zeigen sich bei Bankern laut Stcherbatcheff aber nicht nur beim Äusseren. «Das ist eine von Machomännern dominierte Kultur», sagt sie zur Branche. Und es habe sich in den letzten Jahren wenig an dieser Situation geändert.

Arbeit an einem neuen Buch

Stcherbatcheff kennt den Umgang mit Journalisten. Nach Veröffentlichung ihres Buches wurde sie in London von Medienschaffenden überrannt. Inzwischen schätzt sie die relative Ruhe Zürichs. Eine Lesung hatte sie bei Orell Füssli, einen Auftritt beim TV. Die Finanzwelt lässt sie nicht los, der Fall Smith bringt sie aufs Thema zurück. «Die Banker haben viel Vertrauen in der Öffentlichkeit verloren», sagt sie. Und es sei sehr schwer, das wiederherzustellen.

Sie hat Zürich inzwischen kennen gelernt. Sprüngli, den See – «wann kann man darin schwimmen?» – und ihre Jogging-Strecken. «Ich liebe Sport und dafür ist es hier super», sagt sie. Das neue Leben zwischen Grossmünster und Paradeplatz nutzt sie übrigens für ein nächstes Buch. Den Titel verrät sie uns zwar nicht. Aber: «Ich habe Interviews mit zahlreichen Frauen aus der Finanzwelt geführt.» Und wer jetzt denkt, sie plädiere einzig für mehr Weiblichkeit in der Branche, der täuscht sich. «Es gibt auch sehr aggressive Frauen.» Überhaupt will sich Stcherbatcheff nicht als Nestbeschmutzerin verstanden wissen. «Man kann nicht alle Banker verteufeln», sagt sie und verschwindet wieder in der Zürcher Altstadt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2012, 16:19 Uhr

Artikel zum Thema

Wie Banker ihre Karriere verspielen

Hintergrund Goldman-Sachs-Banker Greg Smith machte Missstände öffentlich – damit verstiess er gegen ein Tabu. Welche Folgen dies hat, weiss eine hiesige Bankangestellte. Gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet gibt sie Auskunft. Mehr...

Die Muppetshow bei Goldman Sachs

Investmentbanker Greg Smith hat es satt, Kunden als «Deppen» zu bezeichnen. Er hat deshalb gekündigt – und seinen Frust über Goldman Sachs in einem bitterbösen «New York Times»-Artikel niedergeschrieben. Mehr...

Mit «Confessions of a Citygirl» (2009) sorgte Barbara Stcherbatcheff für Aufsehen. Darin schrieb sie über ihre fünfjährige Erfahrung in der Londoner Finanzbranche.

Werbung

Blogs

History Reloaded Der sehr wacklige Wetterprophet

Von Kopf bis Fuss Eine Frau ist kein Rauhaardackel

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Der alte Zopf erlebt derzeit eine Renaissance: Besucherinnen des Coachella Valley Music & Art Festivals 2017 im Empire Polo Club in Indio, Kalifornien. Das Festival findet jährlich statt und dauert über zwei Wochenenden. Es zählt weltweit zu den grössten Festivals. (22. April 2017)
(Bild: Rich Fury / Getty) Mehr...