Dauerkrise im IT-Projekt der Postfinance in Indien

Das Softwareabenteuer in Indien könnte für die Posttochter Postfinance böse enden: Das Projekt stockt, der Leiter in Bern schmeisst den Bettel hin. Jetzt soll ein externer Berater die Kohlen aus dem Feuer holen.

Outsourcing mit Tücken: Grossraumbüro einer IT-Firma in Banglore, Indien.

Outsourcing mit Tücken: Grossraumbüro einer IT-Firma in Banglore, Indien. Bild: Reuters

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Im November reiste Hansruedi Köng höchstpersönlich nach Indien. Köng ist der Chef der Posttochter Postfinance. Und wenn der CEO mit einer Delegation aus Postfinance-Kadern eine solche Reise unternimmt, dann muss es wichtig sein. Köngs Ziel war der Sitz des IT-Riesen Tata Consultancy Services (TCS) in der Millionenstadt Bangalore.

Diese TCS wurde 2010 von der Postfinance beauftragt, eine Software für den Zahlungsverkehr zu programmieren. Während Monaten hatten die Verantwortlichen der Postfinance das Angebot der Inder geprüft. Kein Wunder, schliesslich stand für die Postfinance das grösste Projekt der Geschichte an – die «Zukunft Zahlungsverkehr (ZZV)». Die indische Zeitung «Hindu Business Line» schrieb, der Auftrag der Postfinance sei 50 Millionen Dollar schwer. Das Ziel war, die Software Ende 2016 voll zu nutzen.

Mehr Geld? Mehr Zeit?

Doch inzwischen ist die Postfinance mit dem Zukunftsprojekt von der Gegenwart eingeholt worden. Nur ein Teil des Pakets ist auf Kurs. Bislang steht die Basisinfrastruktur, die Bereiche Fonds und Passivgeschäft werden derzeit umgesetzt. Für die Teilprojekte Zahlungsverkehr und Kontoführung jedoch gilt ein sofortiger Marschhalt. In den nächsten sechs bis neun Monaten sollen diese Bereiche auch nicht gestartet werden, steht in einem internen Schreiben, das dieser Zeitung vorliegt. Wie die Postfinance weitermacht, soll mithilfe eines «externen Partners» analysiert werden. Wer das ist, steht noch nicht fest.

Alex Josty, Sprecher der Postfinance, betont, der Marschhalt sei «kein Programmstopp». Man sei nach wie vor überzeugt, das richtige Produkt gewählt zu haben. Das Projekt müsse «besser strukturiert» werden. Vermutlich seien mehr Zeit und Geld nötig. Einen konkreten neuen Fahrplan nannte Josty nicht.

Genervte Postfinance-Leute

Das Projekt der Postfinance muss noch einen zweiten Dämpfer hinnehmen: Der Leiter ZZV in Bern hat genug. Wie es im Schreiben heisst, will er sich beruflich neu ausrichten. Dass der erfahrene Mann gerade jetzt aufhört, dürfte kein Zufall sein. Womöglich ist er frustriert. Laut gut unterrichteten Quellen soll der Projektleiter, der für das indische Softwareprojekt in Bern immerhin 120 Postfinance-Angestellte führt, gute Arbeit geleistet haben. Josty nannte gestern bloss «persönliche Gründe» für den Abgang.

Dass das IT-Projekt Frustpotenzial birgt, zeigt folgende Begebenheit: Laut gut unterrichteten Quellen soll es kürzlich eine Videokonferenz zwischen Bern und Indien gegeben haben. Die Postfinance-Leute sollen das Englisch des zugeschalteten Inders kaum verstanden haben und so genervt gewesen sein, dass sie ihren Unmut lautstark äusserten.

Bereits im September 2012 war publik geworden, dass das Projekt stockt. Schon damals funktionierte die Verständigung nicht wunschgemäss. Deswegen mussten 300 bis 400 Postfinance-Angestellte einen Englischkurs besuchen. Josty betonte gestern, die Verständigung sei «nicht das Grundproblem» des Projekts.

Nicht bekannt ist, wie gut sich die Delegation um CEO Köng beim Besuch in Indien hatte verständigen können. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 23.01.2013, 13:33 Uhr)

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