Den Mächtigen auf die Finger schauen

Der neue Chefredaktor des «Tages-Anzeiger» über die Ansprüche an ein Medium angesichts der Konkurrenz durch US-Internetriesen und Schweizer Monopolbetriebe.

Klassische Vervielfältigung von Inhalten: Tamedia-Druckzentrum in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

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Wir leben in spannenden Zeiten, beunruhigenden manchmal. Wer nach dem Ende des Kalten Krieges gedacht hat, die Geschichte sei geschrieben, sieht sich eines Besseren belehrt: Im Nahen Osten werden im Namen Allahs Köpfe abgeschnitten und die Selfies der Täter in HD-Qualität ins Netz gestellt. Bomben werden mit Bomben vergolten, und der Terror ist in der Ersten Welt angekommen. Ob Beirut, Paris oder San Bernardino, kein Ziel ist zu weit weg, um nicht ins Visier genommen zu werden. Das Elend des Krieges bleibt auch nicht auf der Arabischen Halbinsel, sondern es klopft als menschliche Karawane unerbittlich an Europas Türen und ist kaum mehr abzuweisen. Auch nicht, wenn man immer höhere Grenzzäune baut.

In dieser Situation hat die Schweizer Bevölkerung letzten Herbst gewählt und die Weichen neu gestellt. Nach rechts, für mehr Sicherheit, von der sie sich die Bewahrung des Schweizer Wohlstandssystems verspricht. Wie fest das Pendel wirklich nach rechts ausschlägt, wird sich, wie bei unserer direkten Demokratie üblich, dieses Jahr an der Urne zeigen. Es wird an der Bevölkerung sein, das Verhältnis zur EU neu zu definieren, zu entscheiden, wieweit wir das Strafrecht verschärfen wollen und wo Verhältnismässigkeit in sinnlose Härte umschlägt. In dieser wichtigen Zeit ist es die Aufgabe der Medien, zu informieren, Zusammenhänge aufzuzeigen und zu hinterfragen, was die Regierenden entscheiden. In dieser spannenden Zeit darf ich, zusätzlich zu meinen Aufgaben als Chefredaktor der «SonntagsZeitung», auch die Chefredaktion des «Tages-Anzeigers» übernehmen.

Inhalte, nicht Papier

Res Strehle, der den «Tages-Anzeiger» sieben Jahre höchst erfolgreich geführt und auf das digitale Zeitalter vorbereitet hat, geht in den Ruhestand, wird aber gelegentlich weiter für uns schreiben. Was er aufgebaut hat, werden wir konsequent weiterführen: qualitativ hochstehenden Journalismus im digitalen Zeitalter. Wir produzieren nicht Papier, sondern Inhalte, ob gedruckt oder online aufbereitet, ob sofort zugänglich, täglich oder sonntäglich aufbereitet, das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist die Neugier unserer Journalisten und die Lust der Redaktion, den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Jenseits von allen parteipolitischen Vorlieben und kommerziellen Interessenbindungen versuchen wir, zu recherchieren, was die offiziellen Stellen nicht preisgeben wollen oder was Firmen ihren Kunden lieber verschweigen.

Der Anspruch ist und bleibt hoch, denn weniger haben die Leser nicht verdient. Dafür, dass wir das weiterhin tun können, dürfen wir mit Tamedia auf die Unterstützung eines starken Medienhauses zählen. Das wird immer wichtiger werden, denn amerikanische Internet­riesen wie Google und Facebook werden immer stärker um die Aufmerksamkeit der lukrativen Schweizer Kundschaft buhlen. Und was vielleicht noch gravierender ist: Der Staat und seine Monopolbetriebe werden versuchen, weiter im Mediengeschäft Fuss zu fassen und ihren Einfluss zu vergrössern. Die SRG hat einen immer grösseren Anteil am hiesigen Werbevolumen, denn sie darf seit der Jahrtausendwende, für ein gebührenfinanziertes Medium ein Unikum, praktisch unbeschränkt werben. Nun soll ihr Einfluss in Zusammenarbeit mit der ebenfalls staatlich dominierten Swisscom und Ringier («Blick») nochmals ausgedehnt werden.

Gleichzeitig hat die Post dank ihrer Marktmacht im Geschäft mit den Prospektbeilagen den privaten Verlagshäusern letztes Jahr 15 Prozent des Werbevolumens abspenstig gemacht. Nun ist es glücklicherweise nicht so, dass ab morgen Medienministerin Doris Leuthard den Kurs des «Blicks» bestimmt, aber man darf gespannt sein, wie viel kritische Berichterstattung sich Ringier gegenüber seinen neuen staatsnahen Geschäftspartnern noch erlaubt. Wenn der Staat sich ins Mediengeschäft einmischt, bleibt das nicht ohne Folgen, und Fehler sind oft nicht umkehrbar.

Der Philosoph Jürgen Habermas sagte schon vor fünf Jahren zur Medienpolitik: «Keine Demokratie kann sich ein Marktversagen auf diesem Sektor leisten.» Hier für das Korrektiv zu sorgen und im Dienste der Leser für das Funktionieren der vierten Gewalt im Staat zu garantieren, das sehe ich als meine Hauptaufgabe als neuer Chefredaktor des «Tages-Anzeigers».

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.01.2016, 22:28 Uhr)

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