Wirtschaft

Der Auslöser der Goldman-Krise

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 20.04.2010 23 Kommentare

Fabrice Tourre war erst 28 Jahre alt, als er für Goldman Sachs den Deal eingefädelt hat, der der US-Bank jetzt zum Verhängnis wird. Der Franzose verriet sich per E-Mail.

Tatort: Der neue Haupsitz von Goldman Sachs in New York.

Tatort: Der neue Haupsitz von Goldman Sachs in New York.
Bild: Reuters

28 Jahre alt war Fabrice Tourre erst, als er für seine Arbeitgeberin Goldman Sachs ( 96.7 -0.17%) Anfang 2007 den Deal abgewickelt hat, der in den letzten Tagen die Aktienkurse der Finanzbranche weltweit einbrechen liessen, den von Goldman Sachs am Freitag zeitweise um mehr als 15 Prozent.

Die US-Börsenaufsicht SEC wirft der Bank und Tourre als Verantwortlichen eines umfangreichen Geschäfts vor, Investoren getäuscht zu haben. Der junge Franzose ist der Einzige, der in einer Klage der SEC namentlich aufgeführt wird. Dabei geht es um einen Deal mit komplexen Derivaten auf sogenannten «Subprime»-Hypotheken. Die so genannte synthetische «Collateralised Debt Obligation» CDO namens Abacus 2007-AC1 bildete den Wertverlauf einer Anzahl Hypotheken von Kunden mit geringer Bonität (subprime) ab.

Getäuschte Investoren

Die Auswahl der Hypotheken für die CDO hat im Auftrag von Goldman Sachs zum grossen Teil der Hedge-Fund Paulson & Co. vorgenommen. Doch Paulson hat gleichzeitig darauf gewettet, dass der Wert der synthetischen CDO sinkt. Bei einer anderen mit der Strukturierung der CDO betrauten Firma hat man sich gewundert, weshalb Paulson Hypotheken nicht aufnehmen wollte, die eine höhere Bonität genossen. Tourre war offenbar über die Interessen von Paulson im Bilde, nicht aber die Käufer des strukturierten Produkts.

Sie verloren eine Milliarde Dollar, als die gekaufte CDO kollabierte. Paulson dagegen verdiente denselben Betrag durch seine Wetten auf Wertzerfall. Goldman selbst kassierte laut dem «Wall Street Journal» geschätzte 15 bis 20 Millionen Dollar Gebühren für die Abwicklung des Deals. Weil die Bank am Ende selber noch einen Teil dieser CDO in den Büchern hatte, erlitt allerdings auch sie Verluste darauf. Tourre verdiente bei Goldman Sachs 2 Millionen Dollar jährlich.

Abbruch einer Bilderbuchkarriere

Die US-Bank bestreitet bisher, Gesetze gebrochen zu haben. Die beeindruckende Karriere des jungen «Trader und Strukturierer exotischer Derivate», wie sich Tourre im Internet bezeichnet hat – den Eintrag hat er mittlerweile gelöscht – könnte ein vorläufiges Ende gefunden haben. Den mittlerweile 31-jährigen hat die Bank zwar nicht entlassen – das würde einem Schuldeingeständnis gleichkommen –, ihn allerdings unbefristet freigestellt. Bereits 2001 heuerte der Franzose nach einem Mathematikstudium an der renommierten Ingenieursschule École Centrale Paris und einer einjährigen Managementweiterbildung an der Stanford Universität bei Goldman Sachs in New York an, wo er bis 2008 auch stationiert blieb. Im November jenes Jahres wurde er dann als Executive Director nach London gesandt.

«All die Folgen dieser Monströsitäten»

Fabrice Tourre war stolz auf seinen Werdegang und seine Rolle im US-Hypothekenmarkt. Und das könnte ihm jetzt zum Verhängnis werden. «Im System hat es immer mehr Hebeleffekte. Das ganze Gebilde wird in nächster Zeit zusammenbrechen…», schrieb er kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise im Januar 2007, um dann in einem Anflug von Grössenwahn über sich selbst (Fab) zu sagen: « Der einzige potenzielle Überlebende wird der fabelhafte Fab sein, der in der Mitte all dieser komplexen, stark gehebelten exotischen Produkte steht, die er selber geschaffen hat, wenn er auch nicht notwendigerweise alle Folgen dieser Monströsitäten versteht!!!»

Wie es aussieht, ist die Geschichte von Tourre kein Einzelfall und auch keine Spezialität von Goldman Sachs. Solche Deals scheinen in jenen Jahren durchaus an der Tagesordnung gewesen zu sein. Auch die UBS wird hier oft genannt. Deshalb hat nach der Klage der SEC die ganze Finanzbranche gelitten – auch weil sie befürchten muss, dass nun schärfere Regulierungen bessere Chancen haben könnten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.04.2010, 12:47 Uhr

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23 Kommentare

Sonja Maier

20.04.2010, 14:06 Uhr
Melden

Das kommt davon, wenn für manche Menschen Geld einfach nur eine abstrakte Zahl auf dem Papier ist. Würden sie selbst die Erfahrung machen, wieviel Mühe es macht, durch körperliche Arbeit 5000 CHF zu verdienen, und wie es ist, wenn man für einen Tag mit den Kindern im Europapark richtig sparen muss, würden sie vielleicht eine konkrete Vorstellung vom Wert des Geldes bekommen! Auf den Bau mit ihnen. Antworten


Robert Braedon

20.04.2010, 13:11 Uhr
Melden

Das Gesicht des Bösen - oder Blöden, je nach Fokus. Antworten



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