Der Chefbuchhalter schliesst ab

Nach 40 Jahren Universität Zürich ist Schluss, Wirtschaftsprofessor Conrad Meyer tritt ab. Spuren hat er auch in der Privatwirtschaft hinterlassen, wo er teils turbulente Zeiten durchlebte.

Bei ihm war Buchhaltung nicht langweilig: Professor Conrad Meyer. Foto: Sabina Bobst

Bei ihm war Buchhaltung nicht langweilig: Professor Conrad Meyer. Foto: Sabina Bobst

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Experten nennen ihn eine Koryphäe. Studenten lieben ihn. Fünf goldene Schwämme zieren, fein säuberlich aneinandergereiht, den Fenstersims in seinem Büro. Jeder einzelne steht für den Titel des beliebtesten Wirtschaftsprofessors. Fünfmal hat er den Schwamm also gewonnen – in jenem Fach, das gemeinhin als das langweiligste gilt. Gestatten: Conrad Meyer, Professor an der Universität Zürich, Fachgebiet Buchhaltung, im Jargon Accounting genannt.

Ein Mann, der auch in der Privatwirtschaft seine Spuren hinterliess: Er war Verwaltungsratspräsident der NZZ und gilt als Vater des Rechnungslegungsstandards Swiss Gaap FER – das Schweizer Pendant zu IFRS und US Gaap. Mit dem feinen Unterschied, dass das Regelwerk nicht wie das amerikanische 25'000, sondern bloss 200 Seiten umfasst. «Pragmatismus war unser Ziel», sagt Meyer.

Ende Semester tritt der Professor von seiner Hauptbühne ab, Meyer wird im Sommer pensioniert. 40 Jahre lang hat er an der Universität Zürich gearbeitet und sie lieb gewonnen – was ihn nicht von kritischen Beobachtungen abhält: Er stelle einen Trend fest, dass die Forschung der Lehre immer mehr den Rang ablaufe. Dass der Bezug zur Praxis zunehmend verloren gehe. Dass dadurch auch andere Professorentypen gefragt seien. Meyer ist ein Mann der Praxis, erzählt in seinen Vorlesungen Anekdoten aus seiner Zeit als Verwaltungsrat der NZZ oder der Adecco, zitiert immer wieder Zeitungs­artikel, tadelt den Journalisten, lobt ihn, «das hat er für einmal richtig bemerkt». Das kommt an bei den Studenten.

In die Praxis hingegen zog es ihn nie, beispielsweise zu einer Grossbank, wo er mehr verdient hätte. Gereizt habe es ihn, doch nie so stark, «dass ich nach den Sternen griff». Das Risiko, dass es ihn «in den Boden gehauen hätte», schien ihm zu hoch. Immer wieder Risiko – der Begriff zieht sich durch das ­Gespräch wie durch Meyers Leben: Die Bewertung von Risiken gehöre zum Wichtigsten im Accounting, 1291-mal werde der Begriff im Geschäftsbericht 2013 der Credit Suisse erwähnt, sagt er. Früher sei er oft mit seiner Harley Typ Fat Boy ausgefahren, über Pässe, die Ehefrau hintendrauf. Heute sei ihm das Risiko mit der 380-Kilo-Maschine zu gross. Selbst beim Philosophieren über das Glücklichsein ist Risiko drin: «An der Universität war ich glücklich und frei, das wollte ich nicht riskieren.» Konsequenz daraus: Meyer liess die Finger von 100-Prozent-Jobs in der Privatwirtschaft und begnügte sich mit VR-Mandaten.

Im Wirbelsturm der Medien

2002 trat er sein Amt als NZZ-VR-Präsident an. Als Glückspilz wurde er damals von den Medien bezeichnet, als solcher fühlte er sich nie. Zu stark war der Gegenwind, der ihm damals entgegenblies: Journalisten schrieben, Meyer führe «die beste Zeitung mit der schlechtesten Struktur», den Wandel in der Branche habe er verschlafen. Jahresverluste von bis zu 50 Millionen Franken drückten auf seine Laune. «Da bin ich sensibel; das war nicht lustig», sagt Meyer. Als erste Amtshandlung schuf er die Sonntagsausgabe, mittlerweile die Cash Cow der NZZ-Gruppe. Danach wollte er den Konzern «fit» für die Zukunft machen. Meyer spricht von NZZ-spezifischen Prozessen, die länger dauern als anderswo. NZZ-spezifisch à la Meyer heisst, man geht Risiken ein, dosiert diese, immer um einen diplomatischen Ton bemüht. Aus dem Umfeld der IG «Freunde der NZZ» – in den Nullerjahren eine grosse Kritikerin der Zeitung – heisst es, man müsse Meyer im Nachhinein dankbar sein: Meyer sei es gewesen, der das Unternehmen vom FDP-Filz befreit und die Personalunion von Chefredaktor und CEO aufgelöst habe. 2011 war Schluss, Meyer verliess den Verwaltungsrat.

Die Tradition der NZZ will es, dass von jedem abtretenden VR-Präsidenten ein Porträt gefertigt wird. Hat Meyer kontrolliert, ob sein Abbild auch wirklich hängt? «Sicher nicht», antwortet er mit schallendem Lachen. «Wenn ich etwas beende, dann ist es abgeschlossen. Deshalb schaue ich auch nicht, ob ich irgendwo in den Gängen der NZZ hänge.»

Abgeschlossen hat Meyer auch bei Adecco, ein zweites prägendes VR-Mandat zwischen 2001 und 2004. Im Januar 2004 kam eine amerikanische Buchprüferin zu ihm und sagte: «There are Potenzial risks.» Das Unternehmen verschob darauf die Veröffentlichung der Geschäftszahlen auf unbestimmte Zeit. Es bestand der Verdacht, dass Umsätze falsch verbucht wurden. Die Marktreaktion war harsch: Die Adecco-Aktie verlor innert weniger Stunden fast die Hälfte ihres Werts, 5,4 Milliarden Franken wurden an der Börse vernichtet. Ein medialer Sturm brach über Adecco herein, Meyer stand als Buchhaltungsprofessor und VR-Verantwortlicher für die Buchprüfung mittendrin. Er, der in seinen Vorlesungen Transparenz predigt, ging auf Tauchstation. Die Medien stellten die Führungsriege als unfähige Truppe mit schwacher Kommunikation dar. Meyer sagt, er habe wegen der laufenden Ermittlungen nichts sagen dürfen. 500 Wirtschaftsprüfer untersuchten darauf sechs Monate lang die Bücher – Illegales kam nicht zum Vorschein.

Der Zwillingsbruder

VR-Präsident, Professor, Rotarier, Oberst im Militär. Alles Titel verbunden mit gesellschaftlichem Status. Beim Sport dagegen, beim Biken, da sei er Durchschnitt. Und in der Familie, «da bin ich normal, die ist mir unglaublich wichtig». Bedeutsame Entscheide wie VR-Mandate bespricht Meyer mit seiner Frau und seinem eineiigen Zwillingsbruder Armin, der 15 Minuten jünger ist. Der jüngere Meyer war wie der ältere Pfadiführer, war ebenfalls Professor, war ebenfalls Oberst. Gerne erzählt Meyer, wie er in Zermatt ein Velo kaufte und Bruder Armin im Engadin zur gleichen Zeit das gleiche Modell erwarb. Doch sein Bruder ging im Berufsleben mehr Risiken ein: Als CEO und VR-Präsident von Ciba wurde er erst von der Presse gefeiert, wenig später wegen schlechten Geschäftsverlaufs medial ­angegriffen.

Meyer ist ein angenehmer Gesprächspartner, hört zu, ist schlagfertig, erzählt, dass er es gut fände, wenn man «in dosiertem Masse Elemente hat, die einem das Leben erfreuen». Und meint damit schöne Kleider, Uhren und Autos – der Mann fährt BMW, trägt eine IWC. Nur einmal, da fällt er kurz aus der Rolle. «Studenten sagen, Sie hätten attraktive Assistentinnen.» Meyer wartet lange, will widersprechen. Die Frage ist ihm sichtlich unangenehm, er tut sie als Gerücht ab, erklärt das Auswahlprozedere. Sind denn schöne Frauen ein Risiko? «Ich gehe auch hier keine Risiken ein», sagt er und lacht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2014, 23:33 Uhr

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