Wirtschaft
Der Monopolist hinter dem Bancomat
Von Angela Barandun. Aktualisiert am 16.07.2010 23 Kommentare
Es ist ein verworrenes System mit vielen Beteiligten: Maestro. Das elektronische Zahlungssystem, das zum amerikanischen Kreditkartenriesen Mastercard gehört, ist seit Jahren erfolgreich in der Schweiz. Jahrelang waren alle Beteiligten zufrieden: die Banken, weil sie ihre Kunden aus den Schalterhallen an die Bancomaten locken konnten. Die Händler, weil sie nicht mehr so viel Bargeld abtransportieren mussten. Die Verarbeiter (Aquirer), weil sich für sie ein neues Geschäftsfeld eröffnete.
Nun aber ist ein erbitterter Streit entbrannt. Die Händler fordern offen, Maestro die Freundschaft zu kündigen: «Wir müssen uns ernsthaft fragen, ob ein Partner wie Mastercard überhaupt noch tragbar ist», sagt etwa Pierre-André Steim, Präsident des Verbandes elektronischer Zahlungsverkehr, der Detailhändler wie Migros und Coop, die SBB, den Gewerbeverband und Gastro Suisse in dieser Frage vertritt. «Soll unser Volkszahlungssystem tatsächlich von einem ausländischen Monopolisten abhängig sein?», fragt Steim.
Bereits die zweite Gebühr
Hintergrund des Streits sind die Gebühren, die bei einer Zahlung mit der Maestro-Karte anfallen. Diese sind in der Schweiz im Vergleich zum Ausland ausserordentlich tief. Das versucht Mastercard seit längerem zu ändern. Jüngster Anlauf ist eine sogenannte Entwicklungsgebühr, die der Konzern per 1. Juli eingeführt hat, wie die Zeitung «Sonntag» berichtete. Demnach müssen die Verarbeiter Mastercard neu – zusätzlich zu den Lizenzgebühren – dieses Jahr 0,015 Prozent des Zahlungsvolumens abliefern, ab dem nächsten Jahr sogar 0,035 Prozent.
Das tönt nach wenig, hochgerechnet auf die 20 Milliarden Franken, die jedes Jahr mit Maestro bezahlt werden, handelt es sich allerdings um einen Millionenbetrag. Zudem ist es die zweite neue Gebühr innerhalb von zweieinhalb Jahren. 2008 führte Mastercard für die Verarbeiter bereits eine sogenannte Volumengebühr ein – die ebenfalls einer Umsatzbeteiligung entspricht.
Entscheid in den nächsten Wochen
Dass der Streit erst jetzt eskaliert, liegt daran, dass die Verarbeiter die neuen Gebühren bislang anstandslos überwiesen haben. Damit ist es jetzt vorbei, wie Bernhard Wenger von Six Multipay bestätigt: «Wir haben der Wettbewerbskommission mitgeteilt, dass wir die neue Entwicklungsgebühr sowie die 2008 eingeführte Volumengebühr ab sofort auf den Handel überwälzen werden.» Was das für die Konsumenten bedeuten würde, ist klar: «Sie müssen die Mehrkosten über höhere Preise finanzieren», sagt Steim.
Darum hat der Handel bei der Wettbewerbskommission Klage eingereicht. Die Behörde prüft nun, ob sie vorsorgliche Massnahmen erlassen kann, die sich gegen die beiden zuletzt eingeführten Gebühren richten. Der Entscheid soll gemäss dem Verantwortlichen Olivier Schaller in den nächsten Wochen fallen: «Wenn möglich noch im Juli.»
Das Monopol
Wenn Mastercard neue Gebühren einführt, dann ist das grundsätzlich von Interesse für die Wettbewerbshüter, weil Maestro in der Schweiz faktisch ein Monopol besitzt. Heute sind 5,3 Millionen Maestro-Karten im Umlauf. Alternative Systeme gibt es eigentlich nur bei Postfinance (2,6 Millionen Karten). Jede neue Maestro-Gebühr steht daher unter dem Verdacht, eine Monopolrente zu sein. Gegen Maestro ist denn auch ein weiteres Verfahren bei der Wettbewerbskommission hängig, das die Einführung einer Abgabe blockiert, von der primär die Banken profitieren würden.
Mastercard wehrt sich gegen die Vorwürfe des Handels: «In anderen Ländern gibt es bereits ähnliche Gebührenstrukturen. Die Schweiz war bislang eine Ausnahme», sagt Christian Stolz, Chef von Mastercard Schweiz. Die tiefen Gebühren in der Schweiz führten dazu, dass es kaum Innovationen gebe. «Das wollen wir mit der Entwicklungsgebühr ändern. Das Geld wird vollumfänglich in den Schweizer Markt zugunsten aller am Zahlungsverkehr Beteiligten reinvestiert», sagt Stolz.
Überprüfen lässt sich dieses Versprechen allerdings kaum. Stolz versteht den Unmut seiner Partner nicht: «Ich finde die Reaktionen etwas vermessen. Natürlich freut sich niemand über höhere Gebühren, aber immerhin stehen wir für ein System gerade, von dem heute alle Beteiligten profitieren.»
Visa als Gewinner des Streits?
Der Handel ist wild entschlossen, das Monopol von Maestro zu beseitigen. Offenbar finden derzeit Gespräche zwischen Handel, Verarbeitern und Banken statt, bei denen unter anderem Alternativen zu Maestro diskutiert werden, wie Steim bestätigt: «Der Handel wäre bereit, Hand zu einem zweiten Anbieter wie V-Pay zu bieten.» V-Pay ist das in Europa bereits weit verbreitete Konkurrenzsystem von Visa.
Auch einzelne Banken schliessen den Wechsel auf V-Pay nicht mehr aus, wie Jörg Metzelaers, Chef von Visa Schweiz, bestätigt: «Wir sehen ernsthaftes Interesse erster Banken an unserem System.» Dazu gehört etwa die UBS: «Wir prüfen derzeit, ob sich V-Pay als Alternative zu Maestro eignet», sagt Sprecher Andreas Kern. Grund: Die UBS würde «mehr Wettbewerb» begrüssen, ein definitiver Entscheid über die Einführung sei allerdings nicht gefallen. Auch für Raiffeisen ist V-Pay eine Option. Die Credit Suisse «beobachtet den Kartenmarkt», einzig die Zürcher Kantonalbank sagt klar, im Moment stelle das Visa-System «keine Option» dar. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.07.2010, 11:50 Uhr
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23 Kommentare
@ Fuer Postcardkunden fallen fuer den maximalen Bezug von nicht einmal laeppischen 700 Fraenkli an thailaendischen ATM nebst der schweizerischen Gebuehr von 4 Franken nun neuerdings auch thailaendische "Standort"-Gebuehren von rund 5 Franken an (wahrscheinlich sackt nun PF die ganzen 4 Franken alleine ein), also total ueber ein statt nur 0,0... Prozent. Ob da die WEKO auch endlich mal hinschaut? Antworten
Das ist genau das Problem, wenn man den Zahlungsverkehr privatisiert und er plötzlich ausländischen Monopolfirmen gehört. Alle wettern immer gegen Bargeld, wieso denn? Dies ist der einzig wahre Zahlungsverkehr und erst noch "staatlich", da echte Scheine und Münzen den Besitzer wechseln und nicht irgendwelche Geldmengen und theoretische Guthaben verschoben werden. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.



