Wirtschaft
Der Murdoch aus Moskau
Von Peter Nonnenmacher. Aktualisiert am 11.03.2010
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Alexander Lebedew gibt den Briten Rätsel auf. Der reiche Russe macht sich einen Spass daraus, britische Zeitungen aufzukaufen, die keiner will. Erst legte sich der Moskauer Tycoon Anfang vorigen Jahres den «Evening Standard» zu, das 182-jährige Traditionsblatt Londons, das in eine schwere Krise geschlittert war. Jetzt steht er kurz vor dem Erwerb des «Independent», dem viele Medienexperten auf der Insel schon den Untergang prophezeit hatten.
Der «Indy» hat es ihm angetan
Immerhin hat der «Indy» allein im Vorjahr satte 10 Millionen Pfund verloren. Die Auflage ist von ehedem 400 000 Exemplaren auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Der Trend zeigt weiter klar nach unten. Aber das scheint Alexander Lebedew nicht zu schrecken. Selbst mehrfacher Milliardär (in westlicher Währung), ist ihm die Rettung des «Independent» zur ehrenvollen Herausforderung geworden.
Das angesehene Blatt, das Business-Sympathien mit Forderungen zu gesellschaftlicher Toleranz, Bürgerrechtspostulaten und scharfer Anti-Kriegs-Polemik verbindet, hat es ihm offensichtlich angetan. An einer «Geldmaschine wie dem FC Chelsea» ist er ja, nach eigenem Bekunden, nicht interessiert. Sollen andere seiner Landsleute sich solche «Geldmaschinen» besorgen. Er selbst wisse natürlich, dass der Kauf einer Zeitung heutzutage «das beste Rezept für Geldverschwendung» sei. Das zu wissen, hält ihn nicht davon ab, dem eigenen Einkaufsrezept treu zu folgen.
Der weisse Ritter
An dieser Stelle kratzen sich die Einheimischen argwöhnisch am Kopf. Warum ist der Mann aus Moskau so vernarrt in «ihre» Presse? Manche erinnern sich noch, dass Rupert Murdoch einst gegen ein halbes Hundert Rivalen antreten musste, als er sich 1981 die Londoner «Times» unter den Nagel riss. Diesmal, im Falle des «Independent», scheint es ausser Lebedew keinen einzigen anderen Bewerber gegeben zu haben. Nur ein echter Liebhaber, heisst es, könne sich dem Objekt seiner Begierde derart aufdrängen.
Als einen weissen Ritter aus dem Osten sieht sich der 50-Jährige selbst, der übrigens zusammen mit Michail Gorbatschow in Moskau Herausgeber der sehr respektierten «Novaya Gazeta» ist – ein «loyaler Dissident», nach eigenen Worten. Aber die Leute an der Themse sind mit Geschichten aus dem Kalten Krieg und Spionage-Thrillern aufgewachsen. War Lebedew in den 80er-Jahren nicht KGB-Offizier? War er nicht Chef-Zeitungsauswerter der Sowjetbotschaft in der britischen Metropole?
Eine englische Stimme für Moskau?
In dieser Zeit habe er wohl nicht nur die Zeitungen ausgekundschaftet, die er viele Jahre später kaufen sollte, lautet der hier und da geäusserte Verdacht. Der KGB-Mann habe auch schon geplant, Moskau eine englische Stimme im Westen zu besorgen. Lebedew, hört man, sei womöglich «ein Trojanisches Pferd» für Kreml-Interessen. Auf solche Mutmassungen reagiert der Russe zutiefst verletzt: Er meine es ja nur gut und wolle «Säulen der britischen Demokratie» retten, wo er sie retten könne.
Die ihn kennen, glauben vor allem, dass Alexander Lebedew es geniesst, Teil des britischen Establishments zu sein. Schon der «Evening Standard» hat ihm Zutritt zu den politischen Kommandostellen im Königreich verschafft. Den Kauf des «Independent» hat er mit dem britischen Premierminister abgestimmt. Aus dem Parteienstreit selbst und aus redaktionellen Entscheidungen will er sich nach Kräften heraushalten. «Es wäre ja wohl», meint er, «nicht sehr höflich für einen Russen, sich in die britische Politik einzumischen.»
Solange er sich an dieses Versprechen hält und zugleich seinen britischen Blättern eine Zukunft bietet, ist man in London zufrieden. Noch ein Tässchen Tee, Mister Lebedew, Sir? Dieser Spion kam hundertprozentig aus der Kälte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.03.2010, 09:54 Uhr
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